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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-01-27 · Heft 4 (27.1.1893) · p. Seite 48

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 4 (27.1.1893)
Date
1893-01-27
Page
Seite 48 (sequence 14)
Language
German
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48 Sie erweisen mir die Ehre, in Nr. 3 Ihres Blattes noch zweimal auf meine unbedeutende Broschüre zurückzukommen. In dem Artikel „Die Protzen" ineint Amicus, „der Verfasser, der in den letzten Tagen vielgenannten Schrift: „Schutzjuden oder Staatsbürger" sehe in dem „genußgierigeil Protzenthum, in der geschmacklosen aufdringlichen Putzsucht", die sich unter ben Juden breit machen, die hauptsächlichsten Ursachen der Ausbreitung des Antisemitismus. Gegen solch ein Mißverständnis; ist es Pflicht, sich zu wehren. Ich habe doch deutlich genug gesagt (Seite 14), „daß neben den ehrlosen Volksverführern sie die größte Schilld an der Ausbreitung des Antisemitismus trageil." Uebersieht man dieses „neben", so verkehrt man ganz und gar den Inhalt des Gesagten. Jrn klebrigen ist der Artikel „Die Protzen" nur eine geschichtliche Erläuterung des Gewordenen, eine klare, einleuchtende, der gewiß jeder Leser zustimmt. Aber unsere Aufgabe ist es, Nebel, die uns eine traurige Vergangenheit anerzogen hat, abzulegen. — Schlimmer aber mißversteht mich der Verfasser des Leitartikels „Die Moral der Geschichte", kleine Worte: „Lösen wir jede Gemeinschaft mit ihnen und erklären wir Jedem, der es hören will", und ferner: „Zeigen wir ihnen, daß wir sie verachten, daß wir sie hassen, mit einem ehrlicheren Haß, als je ein Antisemit gehaßt", bezieht der Verfasser auf die Orthodoxen und fügt hinzu, daß ihm ein solches Gefühl des Hasses absolut unverständlich sei. Mn auch. Mir ist jede religiöse Auffassung recht, die zu sittlichem Handeln führt. Die religiöse Frage — es ist au mehreren Stellen der kleinen Schrift ausgesprochen — ist mir die Sache des Hauses, und nicht gegen abweichende Auffassungen der Religionslehre richte ich mich. Die Sätze, die der Verfasser auf die Orthodoxen bezieht, stehen im unmittelbaren Zusammenhänge mit den Worten (S. 10): „Giebt es eine Minorität, die für sich etwas in Anspruch nimmt, was mit den Pflichten des deutschen Bürgers nicht zu vereinigen ist"; und diese habe ich an einer unmittelbar darauffolgenden Stelle „die Unverbesserlichen" genannt. Religiöse Vorschriften aber, die mit den Pflichten des deutschen Staatsbürgers nicht zu vereinigen wären, giebt es wohl nicht; mir wenigstens sind sie unbekannt. Daß aber Jemand die Rechte des deutschen Staatsbürgers beanspruche, dem irgend welche Pflichten obliegen, die mit diesem Anspruch nicht zn vereinbaren sind, wird nur von Leuten gebilligt werden, die sich über unsere Stellung im deutschen Reiche noch nicht klar geworden sind. Mit vorzüglicher Hochachtung Der Verfasser der Broschüre „Schutzjuden oder Staatsbürger". Geehrter H e r r Redakteur! 'Also die Zeitschrift „Der neue Kurs", welche ich nicht kenne, schlägt alles Ernstes vor, die jüdischen Notabeln mögen eine Erklärung erlassen: „Wir haben keine Gemeinschaft mit denjenigen Juden, welchen berechtigte Vorwürfe gemacht werden: wir verbitten uns ernstlich eine Jdentifizirung mit ihnen!" — Ich glaube, daß eine solche Erklärung sehr unnöthig ist. Würde mir nicht derjenige Mann am wenigsten vertrauenswürdig erscheinen, der von sich sagt und sich damit brüstet: Ich bin ein ehrlicher Mann! Y So etwas setzt man bei jedem anständigen wrenschen einfach von selbst voraus. Was würde wohl der Redakteur eines angesehenen konservativen Blattes von der Zumuthung denken, er möchte als Christ öffentlich eine Erklärung mitunterzeichnen: Ich habe keine Gemeinschaft mit den Scheusalen der letzen Skandalprozesse in Berlin und anderen Orten. Ich denke, das würde er hübsch bleiben lassen. Entrüstet würde er, als verständiger Mann, ein derartiges Ansinnen zurückweisen. Es wird ihm Jedermann aufs Wort glauben, daß er durchaus keine Gemeinschaft mit diesen Subjekten habe und für deren Thun und Treiben nicht verantwortlich sei. Der irregeleitete Volksgeist der für das Thun und Treiben eines Juden alle Juden verantwortlich machen will, würde durch eine solche Erklärung nicht in die richtigen Bahnen geleitet werden. Mindestens ich bezweifle dies sehr. Ich wüßte aber ein besseres Mittel. Der Jude ist im Allgemeinen eigentlich der ruhigste und friedliebendste Unterthan und Staatsbürger, der seine Pflichten gern erfüllt — aber jetzt tief verstimmt darüber ist, daß man, ohne daß von den Behörden dagegen eingeschritten wird — versucht, ihn zu einem Menschen zweiter Klasse zu degradiren. Der Jude ist, im Grunde genonnnen, politisch ein glühender Patriot und wartet eigentlich nur daraus, diese seine Gefühle zu bethätigen. Seine größte Tugend ist sogar die der Dankbarkeit. Die Regierung nahm sich seiner nicht an, ließ den Ansturm der Antisemiten ruhig gewähren, nur die eine Partei, die kleine freisinnige Partei, nahm ihn in Schutz und vertheidigte seine Menschenrechte. Was Wunder, daß der 1870 so ausgesprochen nationalliberal gesinnte Jude aus Dankbarkeit sich der freisinnigen Partei zuwandte, besonders dazumal, als auch die nationalliberale Partei nicht gleich das richtige Wort für ihn fand. Würde, so spreche ich aus tiefster Ueberzeugung, würde die Regierung das erlösende Wort sprechen, ich bin davon überzeugt, die überwältigende Mehrheit der Juden wäre mit einem Schlage nationalliberal! Dies ist meine unerschütterliche Meinung von dem Patriotismus der Juden, mit denen ich viel verkehre. Tenn bei den Juden hat die Religion mit der Politik durchaus nichts zu thun. So giebt es nationalliberale Juden, ja sogar konservative. Daß sich heute gerade Viele zur deutsch-freisinnigen Partei halten (aus Dankbarkeit wie ich oben dargethan habe), daran sind die Verhältnisse schuld; man hat sie dahin gedrängt — und macht ihnen dies jetzt mit Unrecht zum Vorwurf. Darin deckt sich meine mit der Ansicht des „neuen Kurs", dem ich dankbar bin für seine Worte des Friedens, wenn sie auch nicht in allen Theilen zutreffend sind. Ein Westfale. £ Geehrter Herr! Die jetzigen Vorfälle in Frankreich, der Prozeß der Panama-Gesellschaft, brachten anfangs die russische Presse in die peinlichste Verlegenheit. Der erste Eindruck erweckte bei dieser scheinbar gewaltigen Zorn und Unwillen. Hauptsächlich brachte Fürst Mestscherski im „Grashdanin" eine scharfe Kritik über den Fall. Es schien, daß die russische Presse gezwungen sei, sich von ihren republikanischen Freunden und Bundesgenossen loszusagen. Die russischen Blätter, an ihrer Spitze die „Nowoje Wremja", beeilen sich aber nun, ihre Meinung und ihr Urtheil zu ändern. Die „Nowoje Wremja" eröffnet in ihren Spalten eine besondere Apologie der Sache. Sie sagt unter Anderem, „in einer jeden Heerde befinden sich auch mitunter schwarze Schafe; und fast jede Familie sei von Makel nicht frei." So kann daher die Nasse selbst für Fehler Einzelner nicht verantwortlich gemacht werden. Die Rasse selbst sagt sie, sei nicht schlecht zu nennen und auch nicht zu verdammen. Diese Vertheidigung der „Nowoje Wremja" ist in vieler Beziehung auch für uns Juden bemerkenswerth und kann gelegentlich gegenüber den gehässigen Angriffen geltend gemacht werden, wenn auch die „Nowoje Wremja" freilich damit nur aus ihrem Dilemma und ihrem anfänglichen Paroxismus sich heraushelfen will. London, im Januar M. Di man. Geehrter Herr Redakteur! Ein Artikel in Ihrer Nr. 1 aus Hannover, betreffend die Gründung neuer Vereine, schloß damit, daß bei den jüngsten Wahlen in Hannover Mittel in Anwendung gebracht seien, die anständige Leute entrüstet als unjüdisch zurückwiesen. Der betr. Artikelschreiber scheint seine Entrüstung nicht stets in gleicher Fülle bei der Hand zu haben, denn wie hätte er sonst über seinen eigenen Artikel entrüstet sein müssen, in dem sich auch ein unjüdisches Handeln und Denken fühlbar macht. Dem Kinde in der Schule wird schon gelehrt, daß es unritterlich sei, gegen Schwächere zu kämpfen, der Schreiber bekennt sich indeß ganz offen zu einer solchen That. Er sagt: „Solange die Sucht nach neuen Gründungen von Männern betrieben wurde, mochte Stillschweigen geboten sein, aber nun die Damen auch angefangen, müssen wir Einspruch erheben." Er hat Recht, Auf eine solche Sprache, wie er sie führt, hätte er die Antwort der Männer fürchten müssen, die Damen braucht er nicht zu fürchten, weil er vielleicht mit Recht vermnthet, daß diese auf seinen Ton nicht eingehen werden, also, Herr Ritler ohne Furcht und Tadel, nur weiter, es wehrt sich Niemand, schlagen Sie nur zu! — Auf die Sache selbst näher einzugehen, scheint kaum nöthig, da der Verfasser gezeigt hat, daß er die Intentionen des betreffenden Vereins absolut nicht kennt oder mit Absicht mißdeutet. Der Verein hat die berechtigte Hoffnung, nach der Theilnahme, die er bis jetzt gefunden, daß er in nicht zu langer Zeit eine Wohlthat für Viele sein wird, daß er manchem Familienvater schwere Sorgen wird erleichtern können. Mögen hierin die Damen, die sich in selbstloser Weise dafür bemühen, ihren wohlverdienten Lohn finden! Hannover, 20. Januar. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwltz in Berlin.

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