Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1893)
- Date
- 1893-01-27
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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57. Jahrgang. Nr. 4. iöerlin, 27. Januar 1893. Der GemeLndebote. Weikage zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöenLHums". Korrespondenzeri und Nachrichten. Deutschland. Berlin, 24. Januar. Wir erhallen den folgenden Aufruf zur Abwehr des Antisemitismus, der von einer großen Anzahl der angesehensten Männer unserer Gemeinde unterzeichnet ist: Berlin, Januar 1893. Die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit haben gezeigt, in welcher gewissenlosen Weise der Antisemitismus weiteren Volksschichten einzuimpfeu versucht wird. Nicht vieler Worte bedarf es, um die Gefahren zu schildern, die sich hieraus ergeben. Mit außerordentlicher Rührigkeit und unterstützt von sehr großen Geldmitteln betreiben schon seit Jahren die Antisemiten ihre Agitationen; uns fehlen die entsprechenden materiellen Mittel, um in umfassender Wirksamkeit den ausgestreuten Verleumdungen und Verdächtigungen entgegenzutreten, die immer gefährlicher werden nlüssen, wenn ihnen nicht nachdrücklich die Wahrheit gegenübergestellt wird. Um für diesen Zweck Mittel zu beschaffen, sind die Unterzeichneten zusammengetreten; sie wollen insbesondere durch Flugblätter, durch Broschüren, durch Wanderredner jene falschen Behauptungen bekämpfen, welche antisemitische Flugblätter, antisemitische Broschüren, antisemitische Wanderredner mit der Absicht ausstreuen, allmälig die staatsbürgerliche und soziale Stellung der Juden zu untergraben. Es handelt sich nicht darum, schlechte Elemente, die es in unserer wie in jeder Gemeinschaft giebt, in irgend einer Weise zu schützen, sondern es gilt allein und ganz ausschließlich, die Rechtsgleichheit mit allen gesetzlichen Mitteln zu vertheidigen. Wir sind überzeug!, daß unsere Glaubensgenossen zu ernsten Opfern für diesen ernsten Kampf bereit sind; wir führen diesen Kampf nicht für uns, sondern auch für unsere Kinder. In unserer gefährdeten Lage haben wir das beruhigende Bewußtsein, daß unser eigenes Interesse mit dem unseres deutschen Vaterlandes auf das Engste verknüpft ist. Die antisemitische Verleumdung, die uns bedroht, macht auch vor Christen nicht Halt und züngelt bereits durch das ganze Staatsgebäude. Indem wir uns vertheidigen, treten wir sonnt Elementen entgegen, die die Festigkeit unserer öffentlichen Institutionen auf die Darier untergraben müssen. Tie zufließenden Beiträge werden nach den hier angedeuteten Gesichtspunkten zur Verwendung gelangen. Dieser Aufruf bedarf wohl keiner besonderen Empfehlung — er spricht für sich selbst. Und wir sind der festen Ueberzeuguug, daß diese Sprache überall verstanden und beherzigt werden wird, wo noch Herzen für die Ehre des Judenthums schlagen. Es gilt, ein großes Werk zu stützen — möge der Erfolg des Aufrufs ein großer sein! Wir bemerken nur noch, daß Beiträge für diesen Zweck an Gebrüder Ginsberg hier, NW., Karlstraße 31, zu senden sind. Wie dringend nothwendig eine entschiedene Abwehr der antisemitischen Angriffe ist, zeigt am besten die folgende sehr wichtige Mittheilung der „Kreuzzeitung": „Die nächsten Reichstagswahlen, gleichviel aus welchem Anlaß sie stattfinden, werden lediglich im Zeichen des Antisemitismus stehen. Die Antisemiten haben, soweit wir sehen, eine umfassende Organisation über ganz Deutschland geschaffen und harren nur erwartungsvoll des Augenblicks, um ihre Kräfte mit den anderen Parteien zu messen. Auch die Annahme trifft nicht zu, daß es den Antisemiten für den Fall allgemeiner Reichstagswahlen an dem nöthigenGelde fehlen würde. Fast in keiner Partei ist die Opferfreudigkeit so groß, als gerade in der antisemitischen Die Vorbereitungen, welche von antisemitischer Seite getroffen werden, lassen darauf schließen, daß man dort das Augenmerk besonders auch auf eine Reihe von Centrumswahlkreisen zu richten gedenkt." Hoffentlich werden diese Allslassungen auch selbst die Vertrauensseligsten in unserer Mitte belehren. exv Berlin, 22. Januar. In der heute stattgehabten Sitzung der Repräsentanten machte der Vorsitzende Herr Hermann Landsberger die Mittheilung, daß Herr von Bleichröder anläßlich seines 70. Geburtstages dem Vorstande für die Armenkommission der Jüdischen Gemeinde die Summe von 10,000 M. und eine solche von 15,000 M. für das Siechenhaus des jüdischen Krankenhauses überwiesen habe. Des Weiteren konnte Herr Landsberger die erfreuliche Mittheilung machen, daß Herr I. Lamm dem Krankenhause ein Kapital von 100,000 M gespendet habe, mit der Ermüchtigmlg, das Kapital im Falle eines Neubaues für diesen Zweck zu verwenden, sonst aber ans den Zinsen unbemittelte Kranke zu verpflegen. Für die Annahme dieser drei Sriftungen wird Allerhöchste Genehmigung nachgesucht werden. I Es folgt der Antrag der Finanzkommission um Bewilligung einer! Reihe von Subventionen für das Jahr 1893, lind die Versannnlung! bewilligt laut Antrag: den Religionsgemeinden B'ne B'rith 2000 M.,! Ahavas Scholaum 600 M., Ahavas Renn 1200 M. und Charlottenj bnrg die Summe von 7000 M. Als ein neuer Posten werden in den Etat 500 M. eingestellt, zunächst nur versuchsweise für das Jahr 1893, > und zwar behufs Unterstützung solcher Familien, die ihres Ernährers > durch dessen Jnhaftirung beraubt worden sind. Es wurde bei der! Begründung dieses Antrages betont, daß es nicht genüge, für den ent-! lassenen Strafgefangenen zu sorgen, sondern daß sofort den in Rath-; losigkeit zurückbleibenden Familien helfend beizuspringen wäre. Die j bewilligten 500 M. werden einem Komitee zur Verfügung gestellt, in i welchem auch der jüdische Seelsorger der Strafanstalt Plötzensee, Herr j Le vp, sich befindet. Zu einer äußerst lebhaften Debatte führt darauf . der Antrag des Krankenhauses auf Rückerstattung von 27oo M., die | es im Laufe des verflosseuen Jahres für Verpflegung von Waisen- > kindern, von Insassen der Altersversorgungsanstalten u. s. w. verauslagt habe. Für den Antrag des Krankenhauses traten die Herren Jsaae und Sachs mit dem Hinweis ein, daß das Krankenhaus keine Rücksichten auf Privatanstalten, wie die Waisenhäuser sie darstellen, zu nehmen habe. Der Antrag wird abgelehut, nachdem die Debatte zum Theil einen sehr heftigen Charakter angenonunen hatte. Bewilligt werden noch 2500 M für die Anlage neuer Wege auf dem Friedhose zu Weißensee, und man tritt sodann in die geheime Sitzung ein. ----- Berlin, 25. Januar. Heute fand unter zahlreicher Betheiligung der Behörden, Vereine und Schulen unserer Gemeinde das Leichenbegängniß des Dr. David Cassel statt. Die erste Rede, in der Leichenhalle des Friedhofes zn Weißensee, hielt Herr Rabbiner Dr. Mapbauru; er schilderte das Wesen und Schaffen des Heimgegangenen Lehrers nach allen Richtungen seiner Thätigkeit. Dann sprach Herr Rabbiner Dr. Rosenzweig Namens der ehemaligen Hörer der „Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums", beten Meister und Vorbild der Entschlafene : gewesen, und Herr Dr. Blumenthal für die gegenwärtigen Hörer der Anstalt. Am Grabe sprachen noch Herr Dr. Joel Müller Namens des Lehrerkollegiums der Lehranstalt für d. W. d. I., Herr Rabbiner Dr. Rosenzweig für den „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" : und Herr Stud. phil. Warschauer im Aufträge des „akademischen Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur." Hierauf wurden die sterblichen; Ueberreste des theuren Mannes unter den üblichen Trauergesängen zi:r; Erde bestattet. Friede seiner Asche! , ß Berlin, 22. Januar Der Verein „Esrah-Bazarah", lädt ' seine Mitglieder zur konstituirenden Generalversammlung in Cassels Hotel, Burgstraße Hierselbst, auf Dienstag den 14. Februar er. Vormit- ' tags 11 Uhr ein. Auf der Tagesordnung stehen 11 Punkte, darunter Rechenschaftsbericht, Annahme der neu bearbeiteten Statuten der Sterbekasse, Antrag auf Verbindung mit andern Vereinen zum Zwecke der Sterbegeldversicherung bis auf 1000 Mark durch gegenseitige Beihilfe, j und Wahl des Vorstandes und Aufsichtsraths. Ueber den Verein und seine ' Leistungen wird selbstverständlich erst nach Annahme und Genehmigung I seines Statuts durch die Behörde sich ein Bild gewinnen lassen.