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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-01-27 · Heft 4 (27.1.1893) · p. Seite 47

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 4 (27.1.1893)
Date
1893-01-27
Page
Seite 47 (sequence 13)
Language
German
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47 ist, will ich die kleine Geschichte erzählen. Bei uns steht folgendes! geschrieben: „Zur Zeit, wo die Inden noch in der babylonischen Gefangenschaft waren, lebte ein frommer nnd gelehrter Mann, Namens llricl. Er war so gut, das; er fast sei» ganzes Vermögen bertheilte. Er sah, das; man seine Brüder, die Inden, mißhandelte, nnd um! Denjenigen, die geplagt wurde», den Schmerz zu lindern, gab er! ihnen Geld nnd tröstete sie. Er that alles Mögliche, um den Unglückj lichen Linderung zu verschaffen, unterrichtete sie und vertheilte sein Vermögen; doch all' das linderte seinen Schmerz nicht. Tie Hinze- : rechtigkeiten, die man seinen Brüdern zufügte, fanden einen zu lauten! Widerhall in seinem Herzen und er bat deshalb den lieben Gott, er > möchte ihm den Tod schicken. Doch der Allmächtige wollte cs anders, nnd anstatt des Todes, schickte er ihm einen Tram». Er träumte, er wäre mit seinem ganzen Volke in Sklaverei. Ta kam Jemand zu ihm nnd sagte: „Unei, mir geht cs schlecht, sage mir, wie soll ich mir in der Noth helfen?" llricl wollte ihm einen Rath geben, konnte es aber nicht, weil seine Zunge plötzlich gelähmt war. Ta kam wieder ein Anderer mit der Frage: „llricl, willst Du meine Söhne die heilige Thora lehren?" Er wollte cs, konnte cs aber nicht, weil er selbst nichts mehr wußte. Endlich kam noch ein Dritter mit der Bitte, seinen Hunger zu stille», »veil er darben nnd vor Hunger umkonnucn müsse; llricl wollte ihm Geld geben, damit er sich Brod kaufe, konnte es aber nicht, weil er selbst nichts mehr besaß; sein Vermögen war Plötzlich verschwunden. Ta schrie llricl furchtbar auf und erwachte mit dem freudigen Bewußtsein, daß er lebe und weder Verstand noch Vermögen verloren habe. Er fiel auf sein Antlitz lmd dankte dem lieben Gott mit den Worten: „Sei gelobt, Du himmlischer Vater, dafür, das; Du mich leben ließest, denn obwohl ich sehr unglücklich bin, so habe ich doch die Freude, Anderen helfen und Anderer Thrünen trockne:: zu köuueu! Einer von unsere» großen Rabbinen, Akiba hieß er, sagte, die Geschichte lehre, man dürfe sich nie ganz unglücklich fühlen, nie verzagen, mau müsse nur den lieben Gott lobe», ihm vertrauen und auf ihn hasse». Er verläßt Keine», den» auch auf Dornen tonneu süße Trauben wachsen!" „Na, seht einmal," rief Korcjba aus, „wie tlng Gedalja ist, der kennt ja eine Menge Geschichten ausivendig. Es sind aber, auf Ehre, herrliche Geschichten, wenn sie auch jüdisch sind. Setze Dich jetzt, nun wollen wir einmal über die Erbsen sprechen!" Erfreut über die ihm erwiesene Huld, aber doch auch ein wenig über die Erwähnung der Erbsen erschrocken, lächelte Gedalja verlegen, verneigte sich ein paar Mal und sagte: „Ich habe nicht den Mulh, mich zu setzen, cs schadet ja auch nichts, ich kann stehen." (Fortsetzung folgt.) * Sprechsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! Sie haben in Nr. 2 der „Attg. Zig. d. I." meiner bescheidenen Broschüre „Schutzjuden oder Staatsbürger" mehr 'Aufmerksamkeit geschenkt, als ich hoffen durfte. Auch die Zuschrift, die Sie zum'Abdruck bringen, enthält ulehr Zustimmung, als ich erwartete. „Den meisten dieser Grundsatzezuzustiluluen, wird keinem mlter den Gebildeten unserer Glaubensgenossen schwer werden — sprechen dieselben doch in ihrer prägnanten Formulirung unverhüllt aus, was Jeder von lms feit jeher dachte uno empfand." Für die 'Anerkennung habe ich nur herzlichen Dank, Niemand wird verlangen, daß eine Gesammtheit alleil Einzelheiten seines Gedankenganges zustimme. Wenn das Ganze Beifall findet, kann der Schriftsteller mit dem, was er geschriebell, der Redner mit dem, was er sagt zufriedell sein. Hub nicht im Sinne einer Entgegnung lllächte ich mtd) mit den Bedenken auseinandersetzeu, die Ihr Korrespondent äußert, sondern nur in der Hoffnung einer weiteren Klärung. Zn schweren Bedenken — schreibt er - giebt indeß' der dritte Satz des Programms Anlaß; er lautet: „Unser Glaube und unsere Moral beruht nicht auf den Lehren vergangener Jahrhunderte, sondern auf den Anschauungen, die wir einer modernen, nationalen Erziehung verdanken." Was Ihr Korrespondent nicht wissen konnte: das Wort „unser Glaube" ist lediglich ein Jrrthnm der Feder. Der übrige Inhalt des Satzes ist in seiner ersten Redaktion, wie ich gern bekenne, nicht klar stplisirt. Nicht das wollte ich sagen, daß unsere Moral geschichtlich nicht auf den Lehren vergangener Jahrhunderte beruhe, sondern daß unser sittliches Handeln über sie hinausgeschritten ist. Ich hielt es, weil dieser Gedanke mir und wohl allch Ihnen, wie allen gebildeten Glaubensgenossen in Fleisch und Blut übergegangen ist, nicht für nöthig auszusprechen, das; aller modernen Ethik Grundlage in den zehn Geboten des alten Testaments ausgedrückt ist, daß wir, auf diesem Grunde fortbauend, zu moralischen Anschauungen gelangt sind, die sich in nichts von den unserer Mitbürger unterscheiden Ich hatte auch schon wenige Stunden nach dem Erscheinen meiner kleinen Schrift, augeregt durch die Zuschrift eines neugewonnenen Freundes, diese These ganz neu formulirt. Sie heißt in der neuen Auflage meiner kleinen Schrift: „Unsere Moral ist keine andere als die unserer andersgläubigen Mitbürger " Das deckt sich vollkommen mit der Formulirung, die Ihr Korrespondent gefunden hat: die ethischen Grundsätze der Juden sind die nämlichen wie die unserer christlichen Mitbürger. Den Tadel der Pietätlosigkeit, den mir Ihr Korrespondent macht, weise ich entschieden zurück. Pietät ist für Tausende der Deckmantel ihrer Gedankeuträgheit, Pietät ist der Hemmschuh des Fortschritts, wenn man sie so anffaßt, wie Ihr Korrespondent Pietät kann ich gegen Menschen üben, und zwar nach meiner bescheideilen 'Auffassung nur gegen Lebende: die Todten haben nichts von unserm Handeln. Gesetzen gegenüber, die einmal ihre außerordentliche Bedeutung für die Bildung eines Volkes, selbst für die Entwickelung der gesammten Menschen gehabt haben, giebt es keine Pietät von der Stunde an, wo sie sich als unhaltbar, als überflüssig oder gar als schädlich erweisen. „Vernunft wird Unsinn. Wohlthat Plage." Ihr Korrespondent meint, der Glaube sei die Sache des Einzelnen, „und selbst der strenggläubigste Srthodore wird es nicht versuchen, eilten Inden, der diese Gesetze unbeachtet läßt, aus der Reihe der Glaubensgenossen ztt stoßen ..." und das in einem Tone, als ob ich das Gegentheil gesagt hätte. Keineswegs! Ich habe es deutlich ausgesprochen, daß r ie Religion Sache des Hauses, die Ueberzengung Sache des Einzelnen ist. Ich fordere nur sittliche Lebensführung und bedingungslos deutschnationales Empfinden. Ein weiterer logischer Jrrthnm begegnet dem Verfasser, wenn er sagt, daß die Moral dcs Talmuds eine gute (wie ja auch ich anerkannt haben soll), also die gleiche, wie die aller Ehrlichen mit» Gebildeten der Jetztzeit . . ." Nun wohl! Ich habe die Moral dei> Talmuds eine gute genannt, und ich weiß, daß sie eine solche ist. Ich meine aber, wie schon oben gesagt, daß wir über die gute Moral jener Zeit, in der der Talmud entstand, hiuansgewachsen silld, daß neue Verhältnisse uns mit den neuen Rechten auch neue Pflichten auferlegt haben. Die Moral des Talmuds ist eine gute, unsere ist eine'bessere. 'Andere Korrespondenten sollen „den herausfordernden Ton" der Schrift nnd „die unberechtigten Angriffe auf die Berliner Gemeindeverwaltung" gerügt haben. Nun, verehrter Herr Redakteur, der Eine nennt herausfordernden Thon, was der andere das Pathos der Entrüstung nennt. Das ist Temperamentssache. Ich will aber nicht verhehlen, daß mir in den unzähligen Zuschriften, die ich in den letzten Tagen empfanden habe, auch nicht ein Freund oder Gegner ein Wort über das Unangemessene des Tons gesagt hat, in dem die kleine Broschüre gehalten ist 'Angriffe auf die Berliner Gemeindeverwaltung habe ich überhaupt nicht gemacht. Ich möchte, wenn es möglich ist, nur dahin wirken, daß bei einer nächsten Wahl „die Gleichgiltigen" aufgerüttelt werden, damit wir eine Repräsentanz bekommen, „die unsere Zeit nnb unsere Stellung im Staate versteht" nnd „aus dem Geiste der gebildeten Mehrzahl heraus zu den Fragen der Gegenwart Stellung nimmt". Ich freue mich, daß Ihr Korrespondent diesen „Mahnruf an die gewaltige Masse der Glcichgiltigcn" (wie er schreibt) so kräftig unterstützt.

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