Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1893)
- Date
- 1893-01-27
- Page
- Seite 46 (sequence 12)
- Language
- German
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46 hülle. Von den klebrige» lerne ei» Sohn die Schnsterkunst, der Andere sei in der Talmud-Thora, der Drille lernte überhaupt nicht», weil ihm der liebe Gott zu nichts Bcrstand gegeben, dafür sei der Bicrte ein sehr kluger Junge, aber noch zu klein, um etwas zu lernen. Die zwei jüngsten Töchter wollten sich als Dienstmädchen vermicthen, verstünden aber noch zn wenig von der Wirthschaft und hätten auch sehr wenig Kraft für schwere Arbeit, sie säßen z» Hanse und arbeiteten Strümpfe z»m Verkauf. Eine von diesen Beiden, Malke, sei 15 Jahre alt, ein sehr schöne» Mädchen, mir blaß wie Papier und sehr traurig; sie spräche fast gar nicht.—Warum sie nicht spräche? . . . Ja, das wisse er nicht, sie sei melancholisch, vielleicht vor Kummer. Sie müßte mehr und besser essen, etwas froher werde». Woher solle er aber Alles nehmen? In einem Zimmer leben alle acht Personen. Mit den drei Rubeln, die er verdiente, müßten sie die ganze Woche leben. Er hatte nach dem Tode seiner Frau noch ein kleines Vermöge», welches aus 80 Rubeln bestand, dafür habe er Waare gekauft. Nur einmal in der Woche, zu Sabbalh, komme er, bringe die drei Rubel und manchmal, wenn es der liebe Gott wolle, auch vier oder fünf. Ta» komme aber sehr selten vor. Schwer sei das Leben »nd voll Kummer, denn lvenn er sich auch so sparsam ivie möglich einrichten wolle, so sei es mit drei Rubeln wöchentlich unmöglich anszukommeu, dazu müßte man wenigstens 8 Rubel haben. — O Gott, wenn er nur 8 Rubel wöchentlich verdienen könnte! — Was für eine Wonne wäre da» für ihn und seine armen Kinder! Gedalja wollte »och weiter erzählen, aber der heftige Husten störte ihn, er ging langsam in eine Ecke de? Zimmers, um ihn zn stillen, und kehrte ganz leise auf den Zehen wieder zurück. Im Zimmer bewegte sich Niemand; Alles saß ruhig und gedrückt; cs schien, als ob ein Engel der Barmherzigkeit den kleinen Raum durchflöge und mit seinen weichen Fittigcn aller Gesichter streifte. In Gedanken vertieft, saß Korejba. Vielleicht dachte er jetzt an seine eigene Jugend, wie er noch in abgetragenen Stiefeln zu Gedalja kam, um ein Weilchen mit ihm und seiner Frau Mirjam gemüthlich zu plaudern. Frau Korcjba saß »och immer den Kopf auf die Hand gestützt; sie dachte in diesem Augenblick an ihre jung verschiedene Tochter, die auch ein Jahr vor ihrem Tode „weiß wie Papier", still »nd ruhig war. Stefan saß am Fenster, den Kopf wie seine Mutter auf die Hände gestützt, die Stirn gerunzelt; auch er batte seine Sorgen. Nach einem Jahre muß er das traute Zimmer verlassen, um hinaus in die Welt z» gehen und Andern z» dienen. Die traurige Geschichte des alten Gedalja hat auch ihn wehmüthig gestimmt. Hedwig, die noch nie so etwa» Trauriges gehört hatte, saß auf einem kleinen Schemel, das goldene Haar umrahmte ihr liebes Gesichtchen, und die gntmüthigen Augen sahen den Juden voll Thrüncn an. Nur auf den prahlerischen Verwalter scheinen Gedaljas Worte keine Wirkung zu machen, denn in derselben spottenden Weise fragte er ihn: „Sage mir, Jude, wozu waren Dir so viele Kinder nöthig?" „Es ist nun einmal so. Arme Leute haben viele Kinder," antwortete der Alte. Die melodische Stimme Janeks unterbrach die ferneren Fragen des Verwalter». Der Junge näherte sich Gedalja mit den Worten: „Setzt Euch, lieber Gedalja, ich bitte sehr darum, hier ist noch Platz." Der alte Jude verbeugte sich tief, »ahm aber den Platz, den ihm Janek angeboten hatte, nicht an; er blickte zunächst Korejba an, als ob er diesen inn Erlaubnis; fragen wollte. Korcjba sah aber nicht auf, er war noch immer mit seinen Gedanken beschäftigt. „Sonderbar geht cs doch in der Welt zn," sagte er, plötzlich auf Gedalja zeigend. „Der da hat ehrlich »nd schwer gearbeitet, ist aber dennoch zu nichts gekommen; dafür ist Mendel aus Sumna, ein bekannter Schivindler, hinausgekommen, wird von Tag zu Tag reicher, und cs heißt, er wird ganz Sumna in Verwaltung nehmen." Er blickte bei diesen Worten prüfend den Verwalter an, den» es hieß, daß Tomkewitsch mit Mendel zusammen nicht sehr ehrlich gewirthschaftet Hütte. Obwohl nnangcnehm berührt, ließ es doch der Verwalter nicht merken. „Warum muß es so in der Welt zugehen?" sagte Korejba weiter. „Gedalja hat ja nie etwas Schlechtes gethan, und Jener — Er ist arm, hat nicht einmal so viel, um seine Kinder zn ernähren, und der Andere ist reich. — Ja, so geht es in der Welt, dem Guten schlecht — dem Schlechten gut." Gedalja kam einige Schritte näher und sagte schüchtern: „Ich bitte die gnädige Herrschaft um Verzeihung, wir Juden haben dafür ein Beispiel." Hedwig, die für Erzählungen schwärmte, »ahm ihren kleinen Schemel und setzte sich dem Erzählende» näher. „In unseren heiligen Büchern steht geschrieben,' begann Gedalja, „als Gott der Welt die Thora geben wollte, befahl er allen Bergen, sich zu versammeln, was natürlich sofort geschah. Die großen Berge stellten sich in die erste Reihe, voll Stolz ans ihre Höhe und in der Erwartung, daß Gott einen von ihnen wühlen werde, um die heilige Thora zu verkünden. Der Allgütigc aber sah alle mit einem Blick an und rief den kleinsten der Berge zu sich heran, welcher kaum zu sehen war, denn er hatte sich ganz hinten versteckt, und sagte zn ihm: „Auf Dir will ich die Thora verkünden. Du bist zwar sehr klein, dennoch habe ich Dich lieber als alle die großen Berge, lind weitst Du, weshalb? Weil jene voll Stolz und Hochmuth sind, Du dagegen bist still und bescheiden, und auch deshalb verabscheue ich die großen, weil von ihrer Höhe viele Steine auf die Menschen fallen, Deine Höhe dagegen hat Niemandem geschadet." Und so gab der Allmächtige die Thora auf dem kleinsten der Berge. Einer von unseren großen Lehrern, Rabbi Jehudn hieß er, sagte, die Geschichte lehre, kleine und arme Leute hätten mehr Wcrlh, wie die auf ihren Reichthum stolzen Großen. Die Kleinen seien bescheiden, fügen Niemanden etwas Schlechte» zu, die andern dagegen selten etwas Gutes." „Ja, so ist es," rief vergnügt Korcjba, „auch mir ging cs mit Policki ganz so. Er wollte mich zu Grlinde richte», hat mich verklagt und mir so viel Aergcr bereitet, daß ich trank wurde. Er wollte al» Mächtiger mich unterdrücken, mir mein kleines Vermögen abnehme». Ich wußte aber, daß, wenn er auch ein großer mächtiger Herr sei und ich nur ein kleiner Bürger, ich doch in meinem Rechte mich befinde. Mein Gewissen war ruhig, mein Schaffen redlich. Mir tonnte Niemand etwas Böses nachsagen, denn ich bestrebe mich, so viel es in meinen Kräften steht, gut zu handeln." „Verzeihung, gnädiger Herr, das, was Sie jetzt erzählen, gleicht den Trauben, die auf einem stechenden Baum wachsen, ich weiß nicht, wie der Baum heißt." Gedalja fragte die Anwesenden mit seinen Augen. „Vielleicht sind cs Dornen," meinte Hedwig. „Ja, ja, Sie haben recht, gnädiges Fräulein, Dorne», Dornen sind'», und es giebt auch dafür bei uns eine hübsche Geschichte." Voll Freude klatschte Hedwig in die Hände und sah mit dankbaren Blicken den Juden an. Er lächelte. „Ei, ei, wie froh das gnädige Fräulein ist, wie thut cs einem wohl, so ein glückliches Menschenkind zu sehen! Ach, wenn meine Malta mir einmal so froh wäre! Sie ist mit Ihnen gnädiges Fräulein in einem Alter, und hat dieselbe Figur, aber weiß ist sie >vic Papier, und spricht nie ein Wort. Wenn es dem Fräulein recht