Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-01-27 · Heft 4 (27.1.1893) · p. Seite 45

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 4 (27.1.1893)
Date
1893-01-27
Page
Seite 45 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227986-3227991--49469-3271036
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

45 geeignetes Thema zu wählen Nur uumaßgeblich (prächtiges deutsches! Wort!) schlage ich Ihnen ein Thema vor, das ich schon lange im Sinn! habe, aber ich müßte ganz besondere Studien dazu machen und komme! nicht dazu. Schreiben Sie also: Lebensgeschichte eines Weizenkorns, von dem Tage an, wie es > aus der Hand des Säemannes in den aufgepflügten Boden fällt, die all-; mälige Keimung, Winterschlaf, Frühlingserwachen, Halm und Aehretreibeu, Wind und Wetter, Reife und Ernte (Alles das in der vortrefflichen Art,; wie Sie dieKirschenblüthe verfolgten) und dann als Schluß: Wanderschaft des Weizenkorns von Markt zu Markt, über See rc. bis es endlich als Brod gegessen wird und was von Nahrungsstoff drin steckt rc. Gefällt Ihnen das und können Sie es (meinetwegen erst bis zürn 15. August) , fertig bringen? Wählen Sie ein anderes Thema, sagen Sie mirs in zwei Worten ' oder legen Sie nur einen Zettel für mich an Keil bei. Also in Harzburg sind Sie? Warum sind Sie nicht hierhergekommen?! Es ist ja hier auch wahrhaft schön und erquickend. Kann ich hier nun j nicht mit Ihnen über den Berg und durch den Wald wandern, so kann! ich Sie doch in Gedanken überall hin begleiten. Ich war 1851 sieben > Wochen in Harzburg, wohnte im Försterhaus bei der wandelnden Eiche, 1 dem vortrefflichen Förster Werner, und habe dort unvergeßliche Tage! verlebt. Ich schrieb dort den Schluß meines Buches „Neues Leben". Gehen Sie doch auch einmal nach dem Försterhause und sitzen Sie auf der Bank, wenn Abends die Ninderheerde den Berg herabkommt, es ist wie ein klingender Strom. Und von dem Schalk Reusche auf dem Burgberg lassen Sie sich seinen erlogenen Croto zeigen Ich habe dort noch mancherlei Figuren ungeerntet stehen. Sehen Sie auch nach, ob die be-! weglichen einfüßigcn Stühle, die ich bei den Steinmetzen im Radauthal einführte, dort bei der Hammerschmiede, sich weiter verbreitet haben. Ich sehe Sie jedenfalls diesen Winter tu Berlin. Trotz der zaghaften und ungeschickten Führung bin ich doch durch und durch preußisch, zunächst aber Ihr herzlich ergebener Bert hold Auerbach. @d)aittuut bei Dresden, 28. Sept. 1859. Wenn ich nicht täglich so Gutes von Ihnen zu hören bekäme — denn wie gesagt, ich höre auch, was Sie blos für das Auge in Worte fassen — so könnte ich eigentlich mit Ihnen trutzen, lieber Bernstein. Aber ich weiß ja auch, wie das geht, man glaubt jeden Tag: Du kannst den Wunsch des Freundes und deinen eigenen erfüllen, nur das und das jetzt noch hinter mir, dann will ich aus ganzer freier Seele schreiben. Und weil nun diese gehoffte freie Zeit und Stimmung nicht so leicht eintritt, sagt man sich zuletzt: Du thust im klebrigen deine Tagespflicht, mehr kannst du nicht, und der Freund darf dich nicht verkennen. Punktum. Nicht wahr, ich kenne das auch? Es liegen solcher unerledigten und vorwurfsvollen Dinge auch genug um mich her, und ich messe gern Andere nicht strenger, als ich bemessen fein will. Ich weiß, es hat Ihnen leid gethan, wenn Sie auch beharrlich schwiegen, daß Sie mir für den Kalender nichts fertig bringen konnten. Halten Sie nur Ihren Plan fest, denn nach dem Jahre 60 kommt das 61. Vorerst kommt aber jenes. In diesen Tagen werden Sie den Kalender in Händen haben. Wir kommen etwas spät damit, für meine Ansicht nicht, aber für das Publikum. (Beiläufig gesagt, wäre es gilt, wenn Sie gelegentlich aus die widrige Erbärmlichkeit Hinweisen, daß die Kalender, um einander den Rang abzulaufen, so früh erscheinen, der abgeschmackte Nieritz kam schon im Juni.) Nun aber verpflichte ich Sie geradezu: einen Leitartikel über den Kalender zu schreiben, am besten mit der Aufschrift: N. N's Kalender. Ich weiß, was ich damit thue, daß ich Sie geradewegs hierzu auffordere. Es versteht sich von selbst, daß Sie Ihre unabhängige Meinung aussprechen, aber eben diese Aufforderung, etwas für meine Arbeit zu thun, geht mir nur schwer aus der Feder. Wäre es ein reine ästhetische Sache oder eure Sache des Ruhms, brächte ich sie nie heraus. Es handelt sich aber hier um ganz anderes. Allerdings werden Sie die Sorgfalt sehen, den Kalender auch ästhetisch und so weit ichs vermag, künstlerisch correct zu gestalten, denn diese Publikation ist nicht für mich eine nebensächliche, ich verwende ein gut Theil Kraft darauf. Die Hauptsache ist aber, daß Sie sehen und sagen, in welcher Haltung ich diesen Kalender gebe. Lesen Sie ihn ganz und Sie werden sehen, daß ich mein Theil zu thun trachte sur Klärung und Festigung des Volksgeistes. Vergleichen Sie eüunal die anderen Kalender (ich habe nur in diesen Tagen Nieritz, Gubitz, Trewendt rc. kommen lassen), was wird gegeben? Ein Sammelsuriuni vom Abhub der Literatur mit häßlich abgestandenen Stahlstichen re Es gehört Unverdrossenheit dazu, diesen Sudelköchen das Handwerk zu legen, aber es muß sein. Man darf es nicht zugeben, daß gerade die Trivialität und Süßlichkeit gut genug für das Volk sein soll. Es ist nicht unwichtig, daß auch Sie einmal hier scharf und bestimmt aufräumen. Daß ich die Zuversicht des deutschen Volkes auf Preußen richte und doch auch den Preußen sage, was sie bisher unpopulär machte, wird Ihnen gewiß recht sein. Was Sie aber über den Kalender zu sagen haben, sagen Sie recht bald. Ich wiederhole, daß es mir schwer wird, solcherlei Mahnungen auch an einen Freund, wie Sie sind, ergehen zu lassen. Ich weiß aber, Sie verkennen mich nicht und wissen, daß nicht Egoismus und Ruhmsucht mich dazu bestinnnt, sondern Eifer für das Gesammtwohl, den ich nach meiner Kraft zu bethätigen suche. Und Alles, was ich Ihnen hier sage, sage ich ja nur Ihnen. Getreulich Ihr Bert hold "Auerbach. FEUILLETON Gedalja. Eixe Dorfgeschichte von Elise Orszeszko. (Fortsetzung.) wiederholte Frau Korejba. „Wie schade, sic war ja noch jung, was fehlte ihr?" „Gott wollte es. Er schickte ihr eine böse Krankheit." „Die Cholera also?" meint Korejba. „Jude, komme morgen nach Sumna, lvo Dn einen vollen Sack Erbsen bekommst, wenn Dn mir sagen wirst, wie die Krankheit, an der Deine Frau gestorben ist, heißt," spottete Tomkewitsch. Unruhig zitterten Gedaljas Lippen. „Es war eine böse, schwere Krankheit," sagte er traurig. „Nu, wie hieß sie denn?" „Wozu erst sagen, wie inan sie nennt?" „Der Mensch wird cs nicht sagen, da kann man ihn lösten," lachte der Verwalter. „Das ist bei ihnen so ein Aberglauben, nie die Krankheit, an welcher eins von ihnen gestorben, zu nennen," meinte Stefan. „Müßt Ihr denn Jemanden zwingen, das zu sagen, was ihm Schmerz bereitet?" vertheidigte Janek den Juden. Es klang vorwurfsvoll von den Lippen des Knaben, der großen Antheil an dem Schicksal Gedaljas zu nehmen schien. Ihn interessirtcn sogar die Pferde, die einst Gedalja besaß, er. fragte, was aus denselben geworden sei. „Eins ist krepirt, das zweite ist erblindet, und ich >var gcnöthigt, cs für 15 Rubel zu verkaufen." „Wie ich weiß, hattest Tn mehrere Kinder, Gedalja," unterbrach wieder Korejba, „ich glaube fünf, die ich um Mirjam herumlaufcn gesehen habe?" „Sieben," verbesserte der Jude. „Mein Gott, sieben Kinder," seufzte Frau Korejba und nickte mit dein Kopf. Sie weiß, was das heißt, sieben Kinder zu pflegen in besserem Stande, geschweige in solcher Armuth. Sie betrachtete den Juden mit einem Blick voll Ehrfurcht und Mitleid, imb ihre Stimme war weich, als sic Gedalja frng: „Wie alt sind die Kinder?" Langsam mit traurigem Ton erzählte Gedalja, daß eine erlvachsene Tochter geblieben sei, die die andern Kleinen gepflegt und erzogen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.