Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1893)
- Date
- 1893-01-27
- Page
- Seite 44 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227986-3227991--49468-3271035- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
44 alles Naturnothwendige) hat mich nichts so durch und durch erschüttert, wie Ihr Mendel Gibbor. Also das Technische! Der Reim der Thatsachen — der mir als bestes Kennzeichen eines dichterischen Kunstwerkes erscheint — ergiebt sich mit wunderbarer Natürlichkeit in der Komposition und mit großer Wirksamkeit sind zuletzt die Einzelfiguren und Einzelgruppen zu einem Ensemble-Stück vereinigt. Anfangs stört das Rückwärtserzählen mehrmals, gleicht sich aber wieder aus, nur die wunderbar schön gehaltene Erzählung des Malkoh ist etwas zu sehr melodramatisch vorbereitet und arrangirt. In der Tonart des Ganzen hat sich mir ein Gesetz aufgethan: die Erinnerung und die Dichtung aus ihr wird leicht elegisch, ja dem Sentimentalen sich nähernd, das Vergangene hat und erregt eine Wehmnth, während das Gegenwärtige leicht zum Hmnor reizt und der Humor selbst spricht gern und naturnothwendig im Präsens. In Ihrer Erzählung ist nicht wie bei Jankele Klesmer das kurze Bein das elegische und das lange das lustige. 'Aber die 'Ablösung von Dur und Moll ist Ihnen meisterlich gelungen. Nur (um das gleich hier anzumerken) sind Werldungen, wie Seite 10, von der Milch der frommen Denkungsart re. hier unstatthaft, sie durchbrechen bcn eigenen Horizont, in dem die Dichtung gehalten ist, und dazll noch ganz llnnöthig. 'Auch möchte ich sonst manchmal kleine 'Apostrophen und Ausdeutungen der Situationen wegwünschen, die Situation ist schon an sich mächtig genug und wirkt thatsächlich reiner und voller. Freilich -ich weiß ja das aus eigener Erfahrung, die doch oft mit mir durchgeht) ist es nicht leicht, theils in der eigenen Bewegtheit während des Dichtens, theils in der Vorsorge, daß der Leser den richtigen Standpunkt bewahre, die Ausdeutung zurück zu halten. Doch — ich habe die technische Verpanzerung jetzt genug llnd ich sage Ihnen, daß ich in tiefer Ergriffenheit mit voller Seele Ihre „gebenschte" Hand fassen möchte, die so Meisterliches festhielt und Seelenregungen Stand halten machte, die zu den tiefsten Geheimnissen und Heiligthümern des Menschenthums gehören, die sich nur in Weihestunden aufthlln, da Leben und Sterben, Freude und Trauer, Sehnsucht und! Erfüllung eins gewordell und ewig ist. Ich möchte gern, so weit mein Wort reicht, der Welt verkünden llnd beuten, was Sie geschaffen. Aber ich kann das nicht, jetzt noch nicht, nlld ich spreche daher nur zu Ihnen, und der Kultus der Innigkeit,! der die Seele Ihrer Dichtungen ist, wird sich vorerst genügen, daß ich nur zu Ihnen spreche, itnb da kann ich mich abbrevirt ausdrücken. Die Art, wie Sie das Denken und Empfinden im Dialekt als solches festhalten, gäbe viel zu besprechen, einschränkend und beistimmeud. Sie gewinnen dadurch jene Erzählungsform, die dem tönenden Worte und nicht dem lautlos geschriebenen eigen ist. Das ist ein großer Vorzug, schließt aber auch die oben bezeichnten Apostrophen re. aus. Ihre Eharaktere sind wie die Rembrandt'schen Bilder so aufgetragen, daß die Fläche verschwindet und man die Erhabenheiten greifen zu können glaubt. 'Aber nein, Rembrandt ist hier falsch angewendet. Sie malen wie jene alten frommen Maler, betend, andächtig, und diese Andacht dringt in das Bild hinein und aus ihm heraus in den Schauenden und Lesenden. Die ganzen Schauer, die uns beim Andenken an die stillen Freuden, gemüthstiesen und entsetzlichen Leiden unserer Vorfahren überkommen, auferstehen wie erlöst bei Ihren Darstellungen, und nie wurde andächtiger gebetet und der Heimgegangenen gedacht, als Sie bei Ihrem Schaffen uut) Gestalten thaten, und wer Sie recht versteht beim Aufnehmen ihres geschaffenen thut. Und wie glücklich ist und macht aus allem diesen heraus die Ueberleituug in das frisch bewegte Leben und jeder Zug läßt seine Bedeutsamkeit erkennen in dem glücklichen und glückseligen Abschluß. Ja, mein herzlich geliebter Freund, ich habe beim Lesen Ihrer Erzählung eine tiefinnerste Sättigung empfunden, für die es kein Dankeswort giebt. Aber ich weiß, es macht Sie mit mir glücklich, daß ich Ihnen das sagen kann und es Ihnen sage, so allein, so für uns, wie damals, als Sie im Ma^ bei mir, nein, mit mir waren, so eins und glückselig, daß es sich um solcher Tage willen verlohnt zu leben. Wir müssen noch mehr solcher Tage haben, und ich danke meinem Geschicke, das uns noch in frischer Strebekraft zusammen führte und einen in dem andern heimisch werden ließ. Ich habe mir fast Seite für Seite an Ihrer Erzählung umgekniffen, oft zweimal, um mir und Ihnen Einzelnes hervor zu heben, aber ich kann das jetzt nicht, sonst kommt der Brief heute nicht fort und ich will Ihnen die Festesfreude geben, frischbacken, und mein Segensspruch ist, i | daß der ewige Geist Sie beglücken und kräftigen möge, wie Sie Andere beglücken und kräftigen. Ich habe mir eben meinen Uhland betrachtet, dem Sie so wunderbarähnlich sehen, auch Ihre Tochter, die wir herzlich grüßen und die uns große Freude machte, hat das gefunden. Und weil ich Sie jetzt nicht selbst sehe, sollen Sie wenigstens mich vor sich haben können. Hier das Bild, das schon Ihre Tochter mitnehmen sollte. Es hat sich mir bei Ihrer Erzählung noch viel ergeben, in wie weit wir eine theilweise oder ganz untergegangene Lebens- und Denkform noch voll verstehen, wie Homer und Walter Scott uns beweisen, denn nur das epische Gedicht giebt den ganzen Menschen mit seinen Spezialitäten. Doch das besprechen wir Alles viel besser, als sichs schreiben läßt. Ich weiß nicht, wann wir uns sehen können, aber ich hoffe bald. Grüßen Sie Otto Lewald und Frau, sowie Dr. Beit und die seinige und alle die Ihrigen herzlich von Ihrem Dresden, 22. September 1858. Verth old Auerbach. $ Schandau im Berggarten, 21. Juli 1859. Sie schreiben keine Briefe, lieber Bernsteins Nun gut, so schreibe ich, so oft ich mich dazu gedrungen fühle und ich habe Ihnen stets zu danken für die tägliche Erquickung, die Sie mir gewähren. Es ist der schönste Verkehr, in dem wir ununterbrochen stehen; das hindert mich natürlich md)t, immer doch wieder zu wünschen, daß ich Sie einmal wieder persönlich bei mir haben möchte. Und heute schreibe ich Ihnen aus einem ganz egoistischen Wunsch und es giebt doch gar keine andere Antwort als eine bejahende darauf. Ich habe dem neuen Verleger meines Kalenders (E. Keil in Leipzig) einen Beitrag von Ihnen für den Jahrgang 1860 versprochen und Sie, Sie werden mein Versprechen halten, das ich natürlich nicht ohne unsere frühere Verabredung in den gliickseligen Frühlingstagen vor zwei Jahren gegeben hätte. Ich weiß, ich weiß sehr gut, wie sehr Sie jetzt in Anspruch genommen sind, das hilft aber Alles nichts. Sie müssen mir ihren Beitrag liefern und zwar sehr bald. Sie müssen, weil Sie Alles können, gesegnet sei Ihre gesunde Gehirnfaser! Ich muß also spätestens bis zum 12 ''August einen Beitrag von Ihnen haben und Sie brauchen sich nicht sehr anzustrengen, denn er darf nicht mehr als sechs Kalenderseiten füllen. Was Sie wählen sollen? Gut, das ist eine gescheite Frage, Sie bejahen also, wie sich absolut nicht anders denken läßt, daß Sie den Beitrag nicht nur, sondern auch zur bestimmten Zeit liefen:. Gut also, ich will Ihnen ein Thema vorschlagen: Am 1. Mai d. I. starb in Stokton in England John Walker, der Erfinder der Streichhölzchen, den sollen Sie mir behandeln, biographisch, chemisch, kulturgeschichtlich und zuletzt wenn Sie wollen sogar nationalökonomisch, indem Sie die prägnante Schilderung einer Zündhölzchenfabrik draufsetzen. Ich freue mich darauf, wie rund und nett Sie das machen werden, oder wenn das nicht, doch ganz gewiß etwas anderes. Antworten Sie mir sofort in zwei Worten und bezeichnen Sie mir Ihr Thema, wenn Sie ein anderes als das angedeutete wählen. In künftigen Jahren sollen Sie mehr Muße und Raum haben, diesmal aber ist Alles bedrängt. Das Honorar wird mit 50 Thalern pr. Bogen berechnet. Ich sehe zuversichtlich Ihrer sofortigen und nicht anders als bejahenden Antwort entgegen und grüße Sie unb Alles Ihnen Zugehörige von Herzen. Ihr Berthold Auerbach. $ Schand a u bei Dresden, 29. Juli 1859. So ists recht, lieber Bernstein, und es war ja gar nicht anders denkbar, als daß Sie meinem Wunsche willfahrten, und ist nun auch keine Frage, daß das neu zu Uebernehmende leichter Hand von Ihnen abgemacht wird. Keil wird Ihnen geschrieben haben, daß wieder einmal nicht wie :nan meint, ein Engländer, sonder:: ein namenloser Deutscher eine weltgeschichtliche Erfindung gemacht. Wir müssen also wohl John Walker ungefeiert und ungefeuert lassen. Was Sie nun machen sollen? Ja, ich Hab viel im Sack. Sie gewiß noch mehr, und ich lasse es ganz Ihnen anheimgestellt, ein beliebiges sich leicht absolvirendes und doch für die Jahres-Permaneuz des Kalenders