Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1893)
- Date
- 1893-01-27
- Page
- Seite 43 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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43 Chiffre ,,1). S.“ eine Broschüre „Schafft uns billig Kohlen!" erscheinen, welche energisch die Herabsetzung der Kohlentarife ans den Bahnen verlangte nnd durch die logische Schärfe der Argumentation allgej meines Aufsehen erregte. Zugleich vertrieb sich der junge Spitzer i die prosaischen Handelskammertage mit lyrischen Gedichten. In der! Mitte der Sechziger Jahre wendete sich Spitzer der Journalistik zu! und begann die Reihe seiner „Wiener Spaziergänge", welche seit! Beginn der Siebziger Jahre in der „Neuen Freien Presse" erschienen. Außerdem hat Spitzer zwei satirische Novellen: „Das Herrenrecht" und die „Berliebten Wagnerianer" verfaßt. Spitzers „Spaziergänge", j welche in mehreren Bänden gesammelt erschienen sind, haben auch j in Buchform die weiteste Verbreitung gefunden itnb den Ruhm ihres j Schöpfers über die ganze Welt getragen. Hierher gehören insi besondere die beißenden Ausfälle Spitzers gegen den Troß der Reaktionäre, die er bis in die dunkelsten Schlupfwinkel verfolgen i wollte. Selbst in seinen Reisebriefen, welche eine mildere Tonart anzuschlagen pflegten, in denen Spitzer die Natur wie die fahrenden Menschen in so komischen Zerrspiegeln anffing, machte er jedesmal plötzlich ein ernstes Gesicht, wenn ihm ein Reaktionär oder sonst etwas derartiges über den Weg lief. Er war und blieb ei» i tapferer Mitstreiter der liberalen Ideen, seine Waffen waren die! geflügelten Worte, die er wie spitze Lanzen in die Menge warf. Es l wäre interessant, diese Mots für sich zu sammeln. Zll den schnei-! digsten Worte» Spitzers gehört seine Charakteristik einer Epoche, wo! Prinzipien so billig wie Brombeeren gehandelt wurden: „Eiserne j Stirne, eiserne Kasse, eiserne Krone". In den Siebziger Jahren j hat Daniel Spitzer einmal eine humoristische „Selbstschau" geliefert, j welche ein treues Abbild seines Styls wie seiner Person giebt. Daj mals schrieb Spitzer in Form eines Briefes an eine junge Dame: „Ich bin nicht mehr ganz jung, trage dies aber den Jüngeren nicht »ach. Ich schmeichle mir. daß ich nicht zu Jenen gehöre, denen , man auf den ersten Blick ansieht, welche Mühe es ihnen kostet, nicht j auf allen Vieren zu gehen. Obwohl die Zeit nicht spurlos an mir s vorübcrgegangen ist, so vermag doch glücklicherweise mein Kopf nicht , jene bescheidenen Wünsche zu erfüllen, die mau in der Regel bezüglich! der Milch hegt: Kein Haar dort zu fiuden. Meine Nase ist nicht! klein, sie gehört aber auch nicht zu jenen Großnasen, bei welchen j man, wenn die Sonne sie bescheint, niemals die Besorgnis; unteri drücken kan», diese würde auf ihr, wie in dein Reiche Karls des! Fünften, niemals nntergehen. i Obwohl mich mein Beruf zwingt, vor die Oeffentlichkeit zu treten, j so bin ich doch einer von den Wenigen, welche die Journalistik nicht! sürchtcn, denn wenn cs finster uurd, schreibe ich selbst in die Zeitung. j Da cs, wie man behauptet, mehr Talent erfordert, das Gute anzui erkennen, als das Mittelmäßige zu tadeln, so begnüge ich mich mit i der bescheideneren Aufgabe des schwächeren Talentes. Ich ahme jedoch I nicht jene ernsten Leute nach, welche fortwährend in Angst sind, man i könnte glauben, sie unterhielte» sich, und halte es nicht mit jenen j Grobiane», von welchen man, wenn man sie einmal nicht sieht, zu j vermuthen pflegt, daß sie wegen einer Ehrenbeleidignng eingesperrt seien. Uebrigcns kann man sich bei Jene», welche Jedermann lobe», nie des unheimlichen Gefühls erwehren, diese seien vollständig vorj bereitet, auf Jedermann eine Grabschrift zu machen. Ich bin zwar 1 nicht so allgemein bekannt, wie der geheime Plan eines Generals, zähle jedoch unter de» Wenigen, die mich kennen, sehr viele Feinde. Namentlich haben meine häufigen Kämpfe mit den gefeiertsten Schöngeistern der Residenz öfter dm Unwillen zarter Leserinnen erregt. Sowie man jedoch das schöne Geschlecht auch das schwache nennt, sollte man diese Schöngeister lieber Schivachgeister nennen, nnd mau würde dann mein Vorgehen weniger verdanmieuswerth finden . .." Diese „gefeierten Schöngeister der Residenz", die Spitzers Satire unermüdlich mit Peitschenhieben oder Nadelstichen verfolgte, sie sind alle vor ihm ins Jenseits gezogen; der „Wiener Spaziergänger" mit seinem stillen Lachen und der treuherzigen Miene, die er so gerne cni- »ahm, wenn er soeben Jemanden erschlagen hatte, wird ihnen dort mit einem freundlichen Blicke aus seinen blauen Augen entgegentreten und sich bei ihnen sogleich nach der Adresse aller „Dichter der inneren Stadt", besonders des epiknrüischen und „in den weitesten Kreisen zum Abendbrod eingeladeneu Dichters", erkundigen. Sie werden ihm in olympischer Heiterkeit lächelnd vergebe», denn wie oft hat nicht Spitzer selbst. seine erbittertsten Gegner durch seinen Witz entwaffnet? Er schlug Wunden, aber sein Humor heilte sie; Mancher schluckte die Medizi», welche ihm dieser große Menschenkenner und Menschenvcrächtcr reichte, gruselnd hinunter; sie schmeckte bitter, aber sie half. Nicht blos die Anderen, auch sich kannte Daniel Spitzer durch und durch; er hat sein Bekenntuiß in folgendem Epigramm abgelegt: Ich habe die Schlechte» schlecht gemacht, D rum Hab' ich es Wenigen recht gemacht; Nur Einige haben mir Dank gebracht. Doch Alle haben sich krank gelacht. Aus dem Nachlasse A. Bernsteins. Aron Bernstein, der ausgezeichnete Erzähler, der vortreffliche Schilderer der Naturkrafte, der geniale Politiker, ist in letzter Zeit durch eine neue Allsgabe seiner Novellen und durch einen interessanten Bortrag von Karl Emil Franzos wieder mehr in den Vordergrund geruckt worden. Ta dürfte denn eine Publikation besonders willkommen sein, die ilns Bernstein in Beziehung zu hervorragenden Gelehrten nnd Schriftstellern zeigt, die uns über die Aufnahme, welche sein künstlerisches, wissenschaftliches und praktisches Schaffen in weiten und verschiedenartigen Kreisen gefunden, genügend aufklaren kann: nämlich eine Reihe bisher nngedrrlckter Briefe an Bernstein von Berthold Auerbach, Abraham Geiger, Leopold Zunz, L. Herzfeld, A. Dillmann, W. Hitzig, S. Olshausen, Eh. Darwin, Ernst Hackel u. A. Wir beginnen mit den Briefen Berthold Auerbachs, von welchen schon der erste, der den Eindruck schildert, den Bernsteins Novelle „Mendel Gibbor" auf Allerbach hervorgebracht, ein literarhistorisches Dokument von hoher Bedeutllng ist. Dieser erste Brief lautet: Noch feiten in meinem Leben habe ich des Morgens ilnrnittelbar nach dem Frühstück, bei der ersten Cigarre gelesen; es ist das meine wache Dämmerungsstunde unb allerlei Träumereien und Phantasien steigen mit den Rauchwölkchen auf. Heute mußte ich Morgens lesen, ich hatte gestern Abend die Geschichte von Ihrem kindhaften Riesen begonnen, lieber Bernstein, wollte gar nicht einschlasen, und doch thaten mir die Augell weh und als wäre keine Nacht dazwischen gewesen, mußte ich gleich weiter lesen. Man erlebt und auferlegt sich im Verlauf des Daseins Dinge, deren man sich nie für fähig hielt. Ich hätte es nie für möglich gehalten, daß ich eine solche freudige Herzbewegung, wie ich sie von Ihrer Erzählung erwartete, mir hinausschieben könnte, aber ich mußte. Ich verschloß das Buch bis gestern, weil ich, von Arbeit bedrängt, jeden großen Eindruck abwehren rnilßte, denn ich bin noch imlner so und werde wohl auch so bleiben, daß jeder gewaltige Eindruck mein ganzes Wesen absolut und ohne Reserve einnimmt. Ich thue mir jetzt Gewalt an und will zuerst über das Technische Ihrer Erzählung reden, ich hoffe dadurch kühler zu werden, denn seit El. Brentanos Geschichte vorn schönen Annerl und braven Casperl (mit der Ihre Erzählung in Ton und Haltung viel Aehnlichkeit hat, wie eben