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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-01-27 · Heft 4 (27.1.1893) · p. Seite 42

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 4 (27.1.1893)
Date
1893-01-27
Page
Seite 42 (sequence 8)
Language
German
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42 Theater und 3)iufecn ansieht, dann hat er das Recht, nicht etwa nur in der Zeitung, sondern von der Kanzel herab als das Wort Gottes die Wahrheit zu verkünden, wie faul das Jndenthuin i» Europa ist, während die wahren Nachkommen der Propheten nur »och in Amerika zu finden seien. Wie gesagt, es ist nicht gerade der mit einer Menge von Komplimenten versüßte Tadel Hirsch's, welcher übrigens eine deutsche Erziehung genossen und in Deutschland seine Studien gemacht hat, sondern das Bewußtsein, daß über kurz und lang der Tadel erhoben werden wird, daß ich von den Verhältnissen hier zu Lande ein falsches Bild entwerfe, was mich veranlaßt, vor den Lesern dieses Blattes den Nachweis zu führen, daß ich so getreu, tvie cs überhaupt bei der subjektiven Natur des menschlichen UrthciteS möglich ist, die Verhältnisse dargestellt habe. Ein weiterer Haupteinwand ist, daß ich in dem Urtheilc über die Themen der Lectures einzelne Ausschreitungen als allgemeine Vorkommiiisie dargestcllt hätte, denn, meint Hirsch, Vorlesungen über sanitary phimbing (hygienische Klosetanlagen) mit Demonstrationen durch Transparente kommen nur auf einer Kanzel vor. Dieses Beispiel halte ich für einen gute» Witz, aber als Thatsache kann ich anführen, daß auf einer orthodox-christlichen Kanzel unlängst eine Sountagspredigt über das Thema: „Aus dem finstersten Cincinnati" mit Transpareiitdemonstralionen gehalten wurde. Eine Sonntagspredigt von einer» der gefeiertsten Redner der Stadt hörte ich selbst, worin der Redner blos über die Schule, d. h. über die Lehrmethode und die disziplinäre Behandlung der Schüler sprach und erzählte, daß ihn sein Lehrer, ein Irländer, prügelte, weil er sriguent statt frequent gesagt hatte. Derselbe hielt eine Vorlesung über Washington beim Sonntagsgottesdienste, worin er von Religion gerade so viel sprach, als irgend ein deistisch gesinnter Historiker gesagt hätte, aber bei Besprechung der Schwierigkeiten, die Washington mit dein Kongreß hatte, die Bemerkung fallen ließ: „die damaligen Kongreßmitglieder müssen eine große Nachkommenschaft gehabt haben, wie man aus der Menge voir Eseln schließen möchte, die heute im .Kongreß sitzen." Da nun Niemand sich gesellschaftlichen Anschauungen völlig verschließen kann und die modernen Juden überall die Neigung haben, sich von herrschenden Stimmungen leiten zu lassen, so zweifle ich nicht, daß ähnliche Kanzelmcthoden bei ihnen auf gleichen Beifall treffen. Endlich habe ich heute ein Zeitungsbtatt vor mir, worin von drei Rabbinern aus verschiedenen Städte» Vorlesungen angckündigt werden, wonach der eine über die Religion der Phönizier, der zweite über Kommunismus und der dritte über Kapital und Arbeit sprechen wird. Mit diesem Beispiel aus einem aufs Gerathewohl gewühlten Zeitungsblattc ist die Charakteristik gegeben. Uebrigens will ich nach prophetischer Art NVNZ2 L'Dv mit einer ermunternden Bemerkung schließen, indeni ich meinerIteberzcngung Ausdruck gebe, daß der Eentralpunkt des Judenthums, bei seinen meist nach Westen gerichteten Verschiebungen, einmal in Amerika anlangen wird. d Aaniel Kpitzer. Wien, 15. Jannar. Ein Herrscher im Reiche des Humors hat sein Scepter niedergelegt — Daniel Spitzer, der geistreiche und witzige „Wiener Spaziergänger" der „Reuen Freien Presse", ist am 11. d. M. in Meran nach langen Leiden gestorben. Als man einmal M. G. Saphir fragte, woher es komme, daß die Juden ein so ansehnliches Kontingent zur Armee des Humors stellen, antwortete dieser treffend: „Weil man ihnen jeden andern Waffendienst verwehrt hat, wurden sie Ossizicrc und Fiihrer in der Armee des Witzes." In der That liegt in dieser Antwort eine psychologisch tiefe Bemerkung. Aber auch die Frage geht aus genauer Sachkenntniß hervor. Noch ist freilich die Eigenart des jüdischen Witzes in allen seinen Verzweigungen nicht ästhetisch erklärt, aber soviel ist gewiß, daß man wesentliche Elemente des Humors, vor Allem die scharfen Antithesen, bei D. Spitzer auf jüdischen Ursprung ivird zurückführen müssen. Daniel Spitzer war Jude, und seine schärfsten Waffen hat er Jahre lang gegen die Krankheit des Antisemitismus geführt. Er war ein im Drucke der reaktionären Fünfziger Jahre emporgewachsener Schriftsteller, der im Dienste des Fortschritts kämpfte und leidenschaftlich gegen staatliche und gesellschaftliche Mißbräuche auftrat. Er schuf sich eine knappe, stylistisch vollendete Forni der Satire, welche an klassische Muster erinnerte und durch den blendenden Witz, den Reichthum an Ideen und originellen Gesichtspunkten Daniel Spitzer gleich bei seinem ersten Auftreten zu einer gefeierten litterarischcn Persönlichkeit machte. Sein Math rmd seine Rücksichtslosigkeit im persönlichen Angriff machten seine Feder weithin bekannt lind gefürchtet. Jahrzehnte hindurch waren seine kaum eine Seite füllenden Feuilletons bei ihrem Erscheinen das Ereigniß des Tages; man wartete jedes Mal gespannt, welches neue Opfer auf politischem oder litterarischcm Gebiete auf dieser zierlichen Guillotine geköpft werden sollte. Denn nichts >var Spitzer gründlicher verhaßt, als über die Schlechtigkeiten und Dummheiten dieser Welt im Allgemeinen zu klagen; er brauchte ein bestimmtes Objekt, um daran den Fall zu dcmonstriren, und er >var unnachahmlich, wenn er einen moralisch korrumpirten Tageshelden mit kunstfertiger Hand, mit der Miene eines Richters und Anatomen zugleich vor dem begierig lauschenden Auditorium bis ins Innerste aufschnitt, den Mann mit wundervoller Feinheit zergliederte! und dann mit einem lauten Gelächter, in welches Alle unwillkürlich einstimmen mußten, diese öffentliche Vorlesung schloß. Freilich hat Daniel Spitzer in seiner Kampfesfreude auch manchen Unschuldigen schwer getroffen; er war auf der heiteren Höhe seiner philosophischen Bildung und seines sonverünc» Witzes von einem solchen Zorn gegen alles Mittelmäßige und Gewöhnliche erfüllt, daß er auch gute und harmlose Mensche», blos weil sie unbedeutend waren, mit schier! unversöhnliche»! Hasse verfolgte. Er schonte in solcher satirischen Berserkerstimmung auch die nächste Umgebung nicht, und wenn ihm j die Wahl gestellt war zwischen dem guten Freund und dem guten i Witz, so machte er unbedenklich den guten Witz. Er verschmähte die Kompromiffe, die Umschreibungen und die Andeutungen gingen ihm wider die Natur; er konnte mit der Offenherzigkeit eines Kindes in öffentlicher Gesellschaft die entzückendsten Grobheiten sagen, er konnte dies mit glänzendem Tiefsinne, mit köstlicher Grazie thun, er konnte mit einem Federstrich ein Buch oder einen Menschen vernichten, er konnte Alles, nur nicht schmeicheln und heucheln. Diese Herbheit und Unzugänglichkeit, sein männlicher Trotz gegen alles Niedrige nnd Rückschrittliche verschafften ihm in der ganzen Welt Respekt, er genoß die Achtung der bedeutendsten Männer Deutschlands und Oesterreichs, welche ihm, als er in seiner Blüthezeit stand, mit Recht einen ersten Rang unter den Satirikern der Gegenwart anwiesen. Daniel Spitzer wurde zu Wien am 3. Juli 1835 geboren; er hat also nur ein Alter von 58 Jahren erreicht. Spitzer hat, nachdem er das Akademische Gymnasium absolvirt hatte, die Universität besucht; er wollte sich zuerst der juristischen Laufbahn widmen, wendete sich jedoch später volkswirthschaftlichen Studien zu. Er trat als Konzipist bei der Wiener Handelskammer ein, wo er durch acht Jahre die trockensten Referate zu führen nnd durchaus nicht kurzweilige Protokoll-Arbeiten zu liefern hatte. In jener Zeit schrieb er auch volkswirthschaftlichc Artikel für den „Wanderer" und ließ unter der

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