Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1893)
- Date
- 1893-01-27
- Page
- Seite 41 (sequence 7)
- Language
- German
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Es ist mehr die Erinnerung an die gute alte Zeit, wo man der Familie, die einen Gast beherbergte, die obligate Flasche Wein mit „koscheren Kücheln" und dem Wunsche „Lieb sei Euch Euer Orech" verehrte, als die Erinnerung an die Zeit der ersten Blockhäuser-Erbaner im Urwalde in dieser schönen Sitte zu erkennen. Und cs ist gewiß um so höher auzuschlagen, daß sich diese Tradition hier erhalten hat, während manche andere, die sich unter der jüdischen Bevölkerung unserer europäischen Städte trotz ihrer Sinnlosigkeit oder auf auf Aberglauben beruhenden Begründung mit der größten Zähigkeit konservirt, hier längst vergessen sind. Man denke z. B., daß hier Kinder, die den Vornamen ihrer Eltern haben, selbst in Familien von Rabbinern Vorkommen, während in Europa Eltern, die nur mit dem dünnsten Haare an dem Judeuthum hängen, so etwas als den schwersten Abfall von der Religion betrachten würden. Ich erinnere mich selbst, wie überrascht ich war, eine jüdische Dame, die in christlicher Gesellschaft nicht leicht von ihrer Glaubenszugehörigkeit zu sprechen pflegte, einer Hofräthin auf die Frage, warum sie ihr jüngstes Mädchen nicht nach sich benannt habe, antwortete: „Das ist bei uns nicht Sitte". Ich bin fest überzeugt, daß dieselbe Dame kaum den Math gehabt hätte, aus die Frage, lvas das Christkindlein gebracht habe, zu antworten. Ganz im Gegensatz zu Europa sind hier wieder die biblischen Namen unter Juden sehr verbreitet, selbst die von unseren Juden so sehr gemiedenen Abraham und Moses. Das ist aber weniger jüdisch als amerikairisch, oder richtiger, eine von der die Bibel verehrenden Presbyterianerkirche übernommene Sitte. Da der Präsident Beujainin Harrison, der Vieepräsident Levi Morton, die Tochter des neugewählten Präsidenten Ruth Cleveland heißt und der gefeiertste amerikanische Staatsmann, obwohl er ein wahrer Heide war und keiner Kirche angehörte, Abraham Lincoln hieß, so gehört ein alttestamentlicher Name hier zum guten Ton. Schließlich sei mir weniger zur Abwehr als zur Vermeidung von »nausbleiblicheu Mißverständnissen ein zusammenfasseudes Nachwort über die amerikanischen Rabbiner gestattet, da diese auf der westlichen Seite des Ozcanes die aufmerksamsten Leser der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" sind und vielfach selbst Blätter hcrausgeben, in rvelchen sie jedes gegen ihre Unfehlbarkeit und gegen das Bewußtsein der amerikanischen Superiorität in allen Dingen gerichtete Wort mit dem Anathem belegen. Meine Anschauungen über den amerikanischen Rabbiner seien in folgende Thesen znsammengefaßt: Wissenschaftliche Ausbildung und Charakter sind bei amerikanische» Rabbinern viel öfter rmter dem Niveau als bei europäischen, doch ist nicht zu verkennen, daß die Dinge sich hier rasch und stetig bessern, was nach meiner Erfahrung in Europa nicht der Fall zu sein scheint. Die gesellschaftlichen Pflichte», welche hier einem Rabbiner obliegen, sind so erdrückende, daß ein Rabbiner ihnen nicht genügen kann, ohne seine beste Zeit diesem außerhalb der eigentlichen Aufgabe des Amtes liegenden Reprüsentationsbedürfniß zu widmen. Die Sitte der populärwissenschaftlichen Vorlesungen, Lectm-es, die sich auf alle möglichen Gebiete der Wissenschaft und des Lebens erstrecken, muffen bei ihrer Häufigkeit dazu beitragen, daß der junge Mann verflacht, wenn er auch mit dem Willen ins Amt tritt, sich wissenschaftlich weiterzubilden, abgesehen davon, daß der Verhimmelungskultus hier noch mehr zu Hause ist als in Europa und in Folge dessen der 22jährige Mann, der ins Amt tritt, von den männlichen und weiblichen Weibern seiner Gemeinde sofort für den einzigen Mann erklärt wird, an welchem die Zukunft des Judenthums hängt. Die sensationsbedürftige Lokalpresse, verbunden mit der jüdischen, vollenden den Rest, und ein junger Rabbiner müßte nicht von Fleisch und Blut sein, wenn er sich nicht für ein Universalgenie halten würde. Von den Angriffen, welche meine ersten Artikel erfahren, erwähne ich nur die, welche Emil G. Hirsch in seinem „Refovme Advocate“ ausgesprochen hat, denn er hat einen Anspruch darauf, ernst genommen zu werden, während manche Andere, die mit mir nicht zufrieden sind, begreiflicherweise sich darüber ärgern, daß Tinge, die ihnen passirt sind oder hätten passiren können, in Europa bekannt ivcrden, oder sie sind darüber ungehalten, daß ihre Namen nicht unter den Großen genannt werden, obwohl ihre Schwiegernrütter von der geistigen Bedeutung des Gatten ihrer Tochter so voll durchdrungen sind. Anders ist es mit Hirsch, dessen gründliche theologische Bildrmg außer Frage steht und dessen Bedeutung im öffentlichen Leben einer reklamenhaften Beleuchtung nicht bedarf. Was mir Hirsch nun vorwirft, ist, daß ich zu kurze Zeit im Lande sei und daß ich besonders in meiner Schilderung über die Lectures zu sehr generalisire. In erstcrer Beziehung gestehe ich meine Schuld ein, aber da ich für Europäer schreibe, so ist es meine Absicht, die Dinge so darznstelleir, wie sie einem Europäer erscheinen, und dafür mag der kurze Aufenthalt gerade gut sein. Fe weniger wir uns an die Eigenthümlichkeiten gewisser Lokalverhältnisse gewöhnt haben, desto besser sind wir in der Lage, Andere darauf aufmerksam zri machen. Als ich frisch aus dem Lande des Hüteschwenkens hierher kam, siel es mir auf, daß man hierzulande blos mit einer Kopfucigung. mit einer Handbewegung oder mit einem „IIow do YondoV" grüßt, ohne den Hut zu berühren. Heute bin ich so daran gewöhnt, daß ich Mühe habe, mich daran zu erinnern, daß es jemals anders gewesen sei. Ich sehe heute in Privathäusern lmd öffentlichen Gebäuden die riesigen Spuck- »üpfe, so groß wie unsere Blumentöpfe, in allen Winkeln, ohne daß es mir auffällt, denn ich weiß, daß das Tabakkauen allgemein ist; ich wundere mich nicht mehr darüber, daß ein Straßenbahnkondnkteur oder ein Polizist, den man um eine Auskunft anspricht, erst einen Viertelliter braunen Saftes ausspucken muß, ehe er Antwort geben kann. Ich wundere mich auch heute nicht mehr, daß überall in Bahnhöfen, Pferdebahnwagcn u. s. >v. die Aufschrift zu lesen ist: „Anständige Menschen spucken nicht auf den Boden." Ich wundere mich auch heute nicht mehr, das; man sehr feine Damen findet, die fortwährend kauen. — Zur Beruhigung meiner europäischen Leserinnen muß ich hinzufügen, daß ihre amerikanischeir Standesgenossinneu nicht Tabak, sondern parfümirtes Gummi kauen. — Gegenüber dem oft gehörten Borwurfe, daß Jemand nicht tief genug in die Mysterien des von ihm behandelten Gegenstandes eingedrungen sei, den die Katholiken den Protestanten, die Orthodoxen den Liberalen, die Christen'den Juden u. s. w. »rachen, wenn andere Gründe versagen, möchte ich nur die eine Frage aufwerfen: warum wird niemals Einer, der fremde Verhältnisse absolut lobt, als Uneingeweihter behandelt, warum verlangt der Tadel gerade ein Adeptenthum? Warum werden Neander, Paulus Cassel, P. Ratisboime und Fürsterzbischof Dr. Kohn als tiefe Kenner des Christenthums gepriesen, während Grätz, Geiger, Jost, Herzfeld u. s. w. durch das verflachte Reformjudenthum verhindert gewesen sein sollen, die Tiefen der christlichen Glanbenswahrheiten zu verstehe»? In unserem Falle hätte die ganze jüdische Presse des Landes mich auf den Schultern getragen, wenn ich durchaus gelobt hätte aber wer auch nur etwas tadelt, der versteht nichts. Wenn hingegen ein amerikanischer Rabbiner einen europäischen Badeort besucht und ans der Rückreise in einigen europäischen Großstädten sich i