Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1893)
- Date
- 1893-01-27
- Page
- Seite 39 (sequence 5)
- Language
- German
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39 alle ihre Drucksache», »aiürlich zu den, landläufigen Preise, in dieser Buchdruckerei herstelle» zu lasse». Der abfallende Geschäftsgewinn wäre der Reservefonds für die Drucklegung der jüdischen Litteratnrwerke. Diese würden dann, dank ihrer schönen typographischen Ausstattung und ans Grundlage des günstigen Votums der Gelehrtenkommission, leicht von einem angesehenen jüdischen oder christlichen Verleger in Vertrieb genommen werden, und so würde man weder dem abscheulichen, grauen Packpapiere, noch der für das Judenthum tvenig ehrenvollen Etiquette der meisten jüdischen Schriften „Im Selbstverläge des Verfassers" mehr so häufig begegnen als bisher. Es ist selbstverständlich, daß der Kommissionsverleger in der herkömmlichen Weise der vorläufig als Eigeuthiimerin der Werke simgirenden Verwaltung der betreffenden Buchdruckerei Rechnung über den Verkauf der ihm übergebenen Exemplare werde abzulegen haben. Der Reingewinn bildet das Honorar des Verfassers. Nun giebt es ja, wie bei jedem Projekte eine Menge von „wenn" und „aber". Meine Aufgabe konnte vorläufig nur die sein, den Gedanken in seinen Grundlinien darznstellen. Als Hauptziel schwebte mir die Förderung der jüdischen Litteratnr vor und als Grundlage meines Planes nahm ich den guten Willen unserer Glaubensgenoffen an, ohne selbst Geldopfer zu bringen, einer für alle Fälle guten Sache Vorschub zu leisten. Daß die Verwaltungsbeamten und die Mitglieder der Gelehrtenkoinmission entsprechend zu honoriren seien, daß die Buchdruckerei ja keinen exklusiv-konfessionellen Charakter zu tragen habe und daß es ans den Namen der Firma gar nicht ankomnie, ist wohl klar. Was die Antisemiten zur dient. Realisirung meines Planes sagen dürften, muß uns vollkommen gleichgiltig sein: kümmern sich doch auch sie herzlich wenig darum, was in nnserein Lager über sie gesprochen wird. Ans Grund meines Planes könnte endlich die jüdische Philologie in den Besitz der für ihr Gedeihen unumgänglich nothwendigen Hilfsmittel gelangen: ich meine vor Allem in den Besitz einer textkritisch genauen Ausgabe der hebräischen Klassiker. Wie viele Meisterwerke der jüdischen Philosophie, Dogmatik, Exegese lind Poesie liegen noch in öffentlichen und privaten Bibliotheken als Manuskript, ohne von der großen Menge der Interessenten auch nur dem Inhalt nach gekannt zu sein. — An die eveut. mit einer deutschen Uebersetzung und einem wissenschaftlich-exegetischen Kommentar zu versehende Klassikerausgabe schlösse sich alsdann die in etwa 50 handlichen Bänden zu veröffentlichende analoge Edition des gesa »unten Talmud an. — Als drittes Riesenprojekt in diesem Bunde erschiene endlich ein Corpus lnscriptioiuiin liebraicaruin. Ich will hierbei einen Augenbilck verweilen. — Wer die auf Veranlaffung der Berliner Akademie der Wiffenschasten von Voeckh, Kirchhofs und Mommsen heransgegebenen Corpora inscriptioiuim atticarum und latinarum durchstudirt hat, weiß, daß auch die unbedeutendsten Steinfragmente, und enthielten sie blos den Namen irgend eines Legionssoldaten oder Centurionen einer entlegenen Provinzstadt, in jene Sammlungen ausgenommen wurden und in deren Supplementbände noch heute ausgenommen lverden. Dasselbe geschieht bei dem vom Institut de France herausgegebenen, unter der Leitung Renans und der beiden Derenbourg stehenden Corpus Inscriptionuni semiticarum. Ich führte diese Beispiele an, tveil nach meiner Ansicht in einem auf Vollständigkeit Anspruch erhebenden Corpus Inscriptioiuim Iisbraicarnm fämnitliche Grabinschriften aller jüdischen Friedhöfe der verschiedenen Länder Aufnahme finden solllen. Dem künftigen pragmatischen Historiker des Gesammtjudenthums würde dadurch ein ungeheures, oft sehr werthvolles Material vorbereitet werden. Die Kosten dieses kolossalen Werkes würden sich allerdings recht hoch belaufen. Wenn man aber bedenkt, daß der Rabbiner jeder jüdischen Gemeinde es sich zur Ehrenpflicht machen wird, die Inschriften seines Gemeindefriedhofes zu kopiren, event. zu photographiren und zu kommentire», wenn mau ferner zugiebt, daß jeder einzelne Jude schon aus Pietät gegen die ihm so theuren Tobten gern seinen Obolus zu dem großen Werke beitragen werde, so wird man die Möglichkeit des so oft angeregten und leider noch immer nicht zur Durchführung gelangten Unternehmens nicht mehr leugnen können. Freilich bedarf es großer Energie, um derartige Pläne durchzuführen. Doch schlimm wäre es um das Judenthum bestellt, wenn dasselbe nicht ein Dutzend energischer Gelehrter besäße, welche anstatt, ivie es bisher zumeist geschieht, wenn es sich »in jüdische Wissenschaft handelt, im Konjunktiv und Optativ mit unseren Reichen und unseren Gemeindebehörden zu sprechen, im Positiv, und wenn'S sein muß, auch im Imperativ zu sprechen verständen. Man muß endlich einmal mit aller Offenheit die Frage beantworten: hat die jüdische Wissenschaft ein Recht, die Unterstützung der Judenheit in Anspruch zu nehmen oder nicht? Wird die Frage von der Majorität unserer Glaubensgenossen bejaht, so ist es Pflicht der Führer im Kampfe, auf diesem guten Rechte mit Nachdruck zu bestehen; erklärt sich die Mehrheit der Juden nach reiflicher Erwägung des Gegenstandes gegen die jüdische Wissenschaft, dann bliebe dieser freilich nichts Anderes übrig, als sich mit dem Lose zu begnügen, das ihr der Eingangs dieses Aufsatzes ritirte französische Gelehrte Vorbehalten wissen will. Besser ruhmvoll sterben, als ein jammervolles Dasein friste». Ich gehe über zu dem Kapitel „Gemeindebibliotheken". Die großen und reichen Gemeinden besitzen wohl in den meisten Fällen mehr oder minder gut verwaltete, jüdische Büchersammlnngen. Es handelt sich hier vorzüglich »m die mehr als 3000 deutsche» und österreichischen Gemeinden zweiten, dritten und vierten Ranges. Auch hier muß praktisch vorgegangen werden, um das Gemeindebudget nicht zu sehr zu belasten. Ich schlage daher folgenden Modus vor: der Lehrer, Kantor, Gemeindesekretär oder irgend eine für die Interessen des Judenlhums begeisterte Person in der Gemeinde errichtet eine Leihbibliothek, in welcher zuerst die belletristischen Werke von Leopolv Kouipert, L. Philippson, K. E. Franzos, S. Kohn, Eduard Kulte :e. Aufnahme finden mögen. Die jüdischen Frauen und Mädchen tverden gern 5 oder 10 Pfennige zahlen, um die so herrlichen Werke kennen zri lernen, welche in Roman- und Novelleuform die Geschichte lmserer Vorfahren srljildern und auf diese Weise die Begeisterung für das Judenthnm in dem Leser erivecken. Mit dem Reingewinne vermehrte man allniälig die Bibliothek in einer dem dnrchschniltlichen Bildungsgrade der Gemeindemitglieder entsprechenden Weise. Das kleine Grundkapital hat die Gemeinde als solche zu liefern: können ja alle Mitglieder derselben aus der Institution Nutzen ziehen. — Der Organismus meines vorgeschlagenen Planes liegt hier so klar zu Tage, daß ich es für unnütz halte, in weitere Details einzugehen. Ich komme endlich zu den jüdischen Litteraturvereine». Dem Chefredakteur dieser Blätter gebührt offenbar das große Verdienst, in dieser Richtung für Deritschland den Impuls gegeben zu haben. Hier, wie überall, muß jedoch die Devise lauten: „Mit vereinten Kräften". Sämnitliche Litteraturvereine einer Provinz müssen mit dem Litteraturvereine der Provinzhauptstadt, die der Provinzhaliptstädte mit dem Centralvereine in der Reichshauptstadt im engeren Verbände stehen. Besitzen dann Berlin, Wien und Budapest reiche rmd mächtige Centralvereine, dann kann man sich mit Paris (Societe des Etudes Juives), London, Rom und New- Aork in Verbindung setzen und den seiner Zeit unter Anderen von Dr. Jellinek angeregten Gedanken der Gründung einer Akademie