Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1893)
- Date
- 1893-01-27
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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57. Jahrgang. Nr. 4. Allgemeine Berlin, 27. Januar 1893. eitung Des Audenlhums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Leitung erscheint wöchentlich. Abonnements«Vreis: Durch Buchhandel, >1' oft oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redactenr: Gustav .GarpeLes. Begründet von Rabbiner 8^. Ludwig Philippson-Konn Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerllr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag der „Allgem. Zeitung des Zndenthums", Berlin 8^V., Zeruialemer S>trabe 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. 3ullrtlt. Leitartikel: David Cassel. — Eine kleine aber inerkwnrdige Schrift. Die Stellung der jüdischen Wissenschaft im sozialen Leben des Judenthnms. II. Von I. Singer. — Briefe aus Amerika. III. Von Dr. G. Deutsch. — Daniel Spitzer — Aus dem Nachlasse A. Bernsteins. — Feuilleton: Gedalja. Eine Dorfgeschichte von Elise Orszeszko. (Fortsetz.) — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Aus der Provinz Posen, Posen, Aus Schlesien. Benthen. Kaltowitz, Könitz, Liegnitz. Bramtt'ckweig. Hannover Nächster. Frankfurt a. Ni.. Budapest. Paris. Petersburg. Warschau. — Von Nah und Fern. — Miseellen. — Briefkasten. — Geschäftliche Notizen. David Gaffet. Berlin, 2t. Januar. Abermals ist einer aus der Reihe der Männer von uns geschieden, welchem das Judenthum und seiner Wissenschaft ihre Nenbelebnng verdanken. Ja, es klingt schon euphemistisch, wenn man überhaupt noch von einer Reihe spricht, während doch nur noch etwa vier oder fünf Männer ans jener frischen und schaffensfrendigen Epoche der jüdischen Renaissance im Sonnenlicht unter »ns wandeln. Das ist im Hinblick auf die Gefahren, die das Jndenthum der Gegenwart nmdränen, ein überaus trüber und beängstigender Gedanke, ein Gedanke, der nur durch die erhabenen Tröstungen des Gotteswortes, das in dem dieswöchentlichen Thoraabschnitt ganz besonders eindringlich und verständlich zu uns spricht, verscheucht werde» kann. Nach drei Richtungen hat David Eassel, der Mann, dessen sterbliche Ueberreste nunmehr die Schneedecke birgt, für das Jndenthum gewirkt: als Lehrer, als Gelehrter und als Mensch. Fast fünfzig Jahre lang hat er in unserer Gemeinde ununterbrochen des Lehramts gewaltet. Zuerst und dreiunddreistig Jahre lang als Leiter einer Erziehungsanstalt, dann elf Jahre an der Lehrerbildungsanstalt und hierauf zwanzig Jahre als Dozent an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthunis. Schon dieser eine Zweig seiner Thätigkeit würde also ausreichen, den Ruhm seines arbeitsreichen Lebens zu begründen. Eine Generation von Mädchen und Knabe» hat er in die Lehre des Judenthums eingeführt, eine stattliche Schaar von Rabbinern und Lehrern verdankt ihm ihre höhere Berufsbildung. Lehren war sein Element; die großen Tugenden, die den Menschen zierten, kamen dem Lehrer vor Allem z» Gute: die Güte und Liebenswürdigkeit, die Geduld und Gerechtigkeit. Aber David Cassel begnügte sich mit dieser Thätigkeit nicht. Er, der Zunz seinen Meister nannte, bemühte sich schon in jungen Jahren, den Spuren dieses Meisters zu folgen, und auf diesem Felde liegen auch die Erfolge, die sein Hinscheiden zu einer Trauer für das ganze Haus Israel mache». David Cassel war einer der hervorragendsten jüdischen Gelehrten der Gegenwart, vor Allein auf dem Gebiete der Geschichte und Littcratnrgeschichte. Seine Ausgaben älterer historischer und philosophischer Werke, seine selbstständigen Schöpfungen, seine Lehr- und Wörterbücher werden als Zeugnisse eines schöpferischen Geistes fortleben in unserer Wissenschaft. Es! kann nicht die Aufgabe dieses Nachrufs sein, Cassels wissenschaftliche i Bedeutung erschöpfend zu würdigen; hoffentlich führt einer der vielen Freunde des Dahingeschiedenen diese Arbeit für unser Blatt ans, das in David Cassel einer seiner besten und eifrigsten Mitarbeiter verloren! hat. Uns liegt es für heute nur ob, in kurzen Zügen den reichen Inhalt dieses Gelehrtenlebens zu schildern. Eine umfassende; Gelehrsamkeit, innige Begeisterung für die Wissenschaft, unermüdlicher Forscherfleiß, liebevolles Eingehen auf das Kleine und Minderwichtige! wie auf das Große und Bedeutende, alle diese Eigenschaften zeichneten i den Gelehrten aus und zierten seine Werke, die fast alle Richtungen; der jüdischen Wissenschaft umfassen. Und wie als Lehrer und als Gelehrter, so war David Eassel; auch als Mensch der Besten Einer. Das Wort der Weisen: „Des ■ Menschen Weisheit leuchtet ans seinem Angesicht" war vor 'Otllem ans ‘ ihn anznwenden. Wer ihm je näher getreten, dem wird er nnveri geßlich in der Erinnerung fortlebe». So viel Herzensgüte, so viel ' Duldsamkeit, so viel Liebenswürdigkeit, ein so . thätigkeitssinn, eine so harmonische Weltaufsassung und eine so versöhnliche Lebensführung, solche Bescheidenheit und Milde wird in : unserer raschlebige», nervösen, egoistischen Zoll nur selten noch ange- : troffen werde». Cassel war ein Mensch, dessen höchstes Ziel war, Mensch zu sein. Und dasselbe Ziel verfolgte er als Jude! Er selbst war von aufrichtiger Frömmigkeit erfüllt; aber er übte auch; gegen Andersdenkende die größte Toleranz. Ten Forderungen der i Zeit verschloß er sich nicht, und dem freien Denke» setzte er nach; der Weise der alten Philosophen keine Grenzen, lieber Allem stand I ihm aber sein Jndenthum, das er liebte, für das er lebte, und das j er erhalten wollte.; So hat sich aus der Kräfte schön vereintem Streben der Inhalt; seines Leben? zusammengesetzt. Und so wird David Cassel in unserer! Erinnerung fortleben: als ei» edler Mensch, als ein begeisterter Jude.! als ein unermüdlicher Forscher, als ein treuer Lehrer des Wahren,! Guten und Rechte». An seiner Bahre rufe» wir Allen, die um ihn i trauern, des Dichters Wort zu: „Was wir berge» in den Särgen — Es gehört der Zeit — Was wir lieben, ist geblieben — lebt in j Ewigkeit!"