Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1893)
- Date
- 1893-01-27
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Mrsoellen. * Das älteste Paradies. In einem also betitelten Aufsatz macht Pros. Brugsch-Pascha folgende interessante Mitteilungen. Es ist selbstverständlich, daß die ultima Thule im Osten für die Aegypter die Bedeutung einer Urheimath der Morgengottheiten gewann, deren Schätzung sich am besten in dem ihr beigelegten Namen, „das Land des Gottes" d. h. der Sonne abspiegelt. Um es kurz zu sagen, das Ostland erhielt die Bedeutung eines ägyptischen Eden, in welchem sich auf Grund der biblischen Ueberlieferungen „der Garten Gottes", Jahwes oder der Elohim, mit anderen Worten das Paradies befunden hatte. Die keilschriftliche Forschung hat den Versuch gemacht, auch dem im Osten gelegenen Paradiese der Ebräer seine geographische Lage auf Erden zurückzugeben, und Professor Dr. Delitzsch in Leipzig hat es versucht, die Frage: „Wo lag das Paradies?" mit einem Aufwand von erstaunlicher Gelehrsamkeit in einem lesenswerthen Werke zu beantworten. Die Aegypter erleichtern uns die Beantwortung derselben Frage von ihrem Standpunkte aus, denn Bilder und Inschriften, vorzüglich in den thebanischen Königsgräbern, enthalten eine so reiche Sammlung von Angaben über das irdische und himmlische Morgenland, daß an ein Mißverständniß der geographischen Auffassung nicht mehr zu denken ist. Die eingebildete Geburtsstätte des Sonnengottes auf Erden wurde in die Himmelsgeographie eingetragen, und die Auferstehung der abgeschiedenen Seelen, der „Leuchtenden" nach ihrer ägyptischen Bezeichnung, nach diesem von Alters bekannten östlichsten Punkte verlegt. Dem Sonnenlause folgend wunderten sie, wie nach einem himmlischen Jerusalem, so in ein himmlisches Heliopolis und in die östliche Zone außerhalb des Deltagebietes ein. Es ist eine andere Frage, die ich zum Schluffe nicht unerörtet lassen will, obgleich sie in das historische Gebiet übergreift. Nach einer klassischen Nachricht soll die ägyptische Sonnenstadt Heliopolis, wohin alten Ueberlieferungen zufolge nach Verlauf eines großen Zeitraumes von Jahren der Phönix die sterblichen Ueberreste seines Vaters aus Arabien übertrug, als eine Gründung von Arabern gegolten haben. Eine Reihe von Ortsbezeichnuugen auf dem Gebiete im Osten des Delta hängen mit der ägyptischen Sprache nicht zusammen, sondern zeigen ein vollständig semitisches Gepräge. Araber, oder nach Andern Phönizier, waren nach den: Jahre 2000 etwa in Aegypten eingefallen, hatten das Unterland erobert und sich auf demselben Gebiete unter dem ägyptischen Namen Hyksos ansässig gemacht. Den Ebräern hatte der Pharao zu Josefs Zeit die Provinz Gosem, den späteren Nomos Arabia, als Aufenthaltsort angewiesen. Der jüdische Hohepriester Onias IV. zog sich in Folge ansgebrochener Unruhen von Jerusalem nach Aegypten zurück und gründete mit Genehmigung des damaligen Königs Ptolemäus VI. (um 100 vor Ehr.) auf demselben Gebiete (m Leontopolis) ein Gotteshaus nach dem Muster des Tempels in Jerusalem. In derselben Gegend bezeichnet der noch heute bestehende sog. „Judenhügel" die Stelle einer jüdischen Anstedlung. Schon der dritte Ramses (um 1200 v. Ehr.) hatte in der Provinz Heliopolis semitischen Männern vom Volke der Aperiju (Ebräer? Araber?) bleibende Wohnsitze angewiesen: mit einem Worte, das Semitenthum in seiner vielleicht vorwiegend arabischen Gestalt trat im Osten außerhalb des Delta in die sichtbarste Erscheinung. Es läßt sich kaum von der Hand weisen, daß sein Einfluß auch auf religiösem Gebiete eine Wirkung ausübte, da Alles zu der Annahme berechtigt, daß bereits im höchsten Alterthum der Stock der Bevölkerung der Ostzone aus eingewanderten 'Arabern bestand, welche dem Dienste der Lichtgottheiten am Morgenpunkte des Himmels huldigten und die Eigenart desselben auch bei den Aegyptern zur Geltung brachten. $ * lieber jüdische Kosakenam Don theilt Jeschny Kraj Folgendes mit: „Unter der Regierung des Kaisers Nicolaus wurden Kantonisten (jüdische Soldatensöhne), die Hornbläser waren, in das Land der Kosaken kommandirt, um die Letzteren in den militärischen Signalen zu unterrichten. Einige derselben haben sich im Gebiete niedergelassen und wurden in der Folge dem Kosakenstand zugezählt, ohne daß sie deshalb genöthigt wurden, ihren Glauben zu ändern. Man wollte dazumal diesem Umstande keine besondere Bedeutung beimessen. Erst viel später, als die jüdischen Kosakeusamilieu sich bedeutend vermehrt haben und die Juden überhaupt ein wichtiges und geachtetes Element des Kosakenthums am Ton wurden (dieses Geständniß ist nicht übel), versuchte es die Central- Militärverwaltung, welche nicht umhin konnte, aus den Berichten des Hetmanns das stetige Anwachsen der jüdischen Konfession zu konstatiren und darin eine Gefahr erblicken zu müssen glaubte, den jüdischen Kosaken am Don den gütlichen Vorschlag zu machen, entweder den Glauben ihrer Väter zu verlassen und zur orthodoxen Kirche überzutreten, oder das Gebiet und mithin auch den Kosakenstand zu verlassen, in welchem Falle ihnen Unterstützungsgelder versprochen wurden. Doch die jüdischen Kosaken lehnten das Eine wie das Andere mit gleicher Entschiedenheit ab, und man ließ sie ruhig weiter gewähren. Gegenwärtig hat die Obrigkeit im Kosakenlande von Petersburg die strikte Weisung erhalten — wie dasselbe Blatt mitzutheilen und die „Novisti" zu bestätigen weiß — die genauesten Angaben über die Zahl der jüdischen Kosakenfamilien uufc> deren Bestand einzusenden, man frage nicht erst, zu welchem Behufe! Das Aufsehen, welches in der russischen Presse die „jüdischen Kosaken" erregt haben, „ist ergötzlich", es beweist, daß man selbst in Rußland über die russischen Juden nicht genügend unterrichtet ist. Deutsche Namen im Mittelalter. Mit Vorliebe suchte man damals nach alttestamentarischen Namen, die ja allerdings größtentheils den Kalender zieren. Man zog sogar im protestantischen Deutschland diese biblischen Namen den Namen der katholischen Kirchenheiligen vor, und insofern hat Beneken (Teuto S. 291) recht, wenn er meint, seit Luther seien die Heiligen nicht mehr zu Gevattern gebeten. Interessant ist die Zunahme einerseits dieser frommen Namen und andererseits die Sucht, möglich seltsame auszuwählen. Wir wenden uns zunächst an die Görlitzer Namenliste, die Jecht aufgestellt hat. Da kommt Abraham zuerst 1570 (4 Mal), Adam zuerst 1500 (1570 bereits 10 Mal), Benjamin zuerst 1585, Elias 1570 (11 Mal), Jsak und Israel zuerst 1570, Jeremias 1585, Malachias 1615, Manasse 1570, Noah 1615, Salomo 1570, Samuel 1585, Zacharias 1570 (20 Mal). Ganz spät kommt z. B. erst Abel (1705), Gedeon (1675), Hiob (1675) vor. Sehen wir uns einmal die Frankfurter Matrikel seit 1506 an. Da begegnen uns Vornamen: 1. der Rektoren, wie Abdias (1558), Jonas (1568), Elias (1577), Kaleb (1607), Tobias, David, Jeremias; 2. der Studenten, wie Enoch (1508), Gabriel (1544), Benjamin (1545), Jsaac (1546), Salomon (1546), Zacharias (1546), Eleazar (1547), Moses (1547), Elias (1547), Adam (1547), Tobias (1547), Simon (1547), Abraham (1547), Israel (1551), Levin (1551), Jeremias (1553), Jesaias (1553), Hiob (1553), Daniel (1560), Josua (1560). Und so geht es fort. Noch auffallender wird die Sache im siebzehnten Jahrhundert. 1649 heißt ein Frankflwter Student „Hoffe des Herrn Jacobi"; da giebt es Jonathan (1652) und Nathanaels (1694). 1714 führte einer die Vornamen: Irenaus Emanuel. Weitere Beispiele würden ermüden. Aus diesen Andeutungen ersieht man, daß jene öfter hervorgehobene Vorliebe der englischen Independenten und anderer Sekten für altbiblische Vornamen, wie Zerubabel, Habakuk u. s. w. nur im Einklang mit dem allgemeinen Zeitgeist stand. Freilich übertrieb man das. So soll nach Brome Cromwell bei seinem Heere alle Namen des alten Testaments erschöpft haben und seine Offiziere die genealogischen Kapitel der Bibel zu ihren Musterrollen gebraucht haben. — Robespierre über die Juden. „Die Laster der Juden sind eine Folge der Erniedrigung, in der man sie hält; sie werden gut sein, wenn sie Vortheil darin finden, es zu sein. Ich denke, daß man keines der Individuen dieser Klasse der Rechte berauben darf, die ihnen der Titel Mensch giebt." ----- Die Nr. 3 der „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" (ExpeditionMagdeburgerstraße 13, Postzeitungsliste 4173) hat folgenden Inhalt: Kritik des Antisemitismus. Von Ed. Schall. — Die anthropologische Stellung der Juden II. — Der Wahlkampf in Liegnitz. — Zur Abwehr. — Aus der antisemitischer; Partei. — Aus Frankreich. — Briefkasten. — Die Nr. 4 der „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" (Expedition Magdeburgerstraße 13, Postzeitungsliste 4173) hat folgenden Inhalt: Liberalismus und Antisemitismus in Magdeburg. Von Dr. G. Winter. — Mirabeau über die Juden. — Zur Reichstagsersatzwahl in Liegnitz. Zur Abwehr. — Aus der antisemitischen Partei. — Aus Frankreich. — Aus Rußland. — Briefkasten.