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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-01-20 · Heft 3 (20.1.1893) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 3 (20.1.1893)
Date
1893-01-20
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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3 großen Einfluß innerhalb der Parteien der Nativnalversantmlttng. Auch der späteren Thätigkeit Riesters in dem sogenannten Unionsparlament zu Erfurt widmete er einige Erörterungen. Redner beklagte zuletzt, wie dem Judenthuin heute Publizisten von der Art Riesters fehlten und erinnerte daran, daß die Begründung des „Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur auf den Todestag Moses Mendelssohns falle, dessen Geist über die Bestrebungen des Vereins walten möge. Der interessante Vortrag rief seitens der zahlreichen Versammlung rauschenden Beifall hervor. — Nach Beendigung des Vortrages schritt man zur Konstituiruug des Vereins Es wurde beschlossen, die Statntenberathung und die Wahl eines definitiven Vorstandes erst in der nächsten Generalversammlung vorzunehmen, bis dahin aber dem provisorischen Vorstande, bestehend aus den Herren Rabbiner Dr. Porges, D Magnus, Alphons Jacobson, Dr. Moritz Brasch, Jacob Blumenfeld, die Geschäfte des Vereins zu überlassen. Den Verhandlungen schloß sich ein geselliges Beisammensein an, welchen! auch die Damen theilnahmen. Für de i 7. Februar hat Herr Rabbiner Dr. Porges einen Vortrag angekündigt. 1. Köln, 17. Januar. Aus der unerquicklichen Hochsluth des Antisemitismus rggt als eine der erfreulichsten Erscheinungen der Jetztzeit das edle Bestreben der Frau Nahida Remy hervor, das ewig Wahre und Schöne der Bibel, die ideale Mission des Judenthums, beffen hohe sittlichen Bestrebungen und Errungenschaften unter Juden und Christen zu verbreiten. In Köln, Düsseldorf und Elberfeld errangen ihre Vorträge ungetheilten Beifall. Die Kritiken der Tageszeitungen, sogar die „liebenswürdige" Kölnerin nicht ausgeschlossen, äußerten sich einstinunig in der anerkennendsten Weise. Die einfache edle Art des Vortrags, die schöne Wahl des Stoffes: „die Nächstenliebe im alten Testamente", das aus den: Vortrage hervorgehende tiefe, eindringliche Verständniß der Bibel, des Talmud unb des Midrasch — bei einer Dame — Alles trug dazu bei, unter den Zuhörern (in Köln waren es wohl 6 bis 700 beiderlei Konfessionen) ungetheilten Beifall zu erregen. Solche Vortragende, wie Frau Remy, wirken zwiefach: erhebend und belehrend für die Unsrigen, und den Samen des Friedens und der Duldsamkeit unter unfern andersgläubigen Mitbürgern verbreitend. B. Stuttgart, 6. Januar. Der diesjährige Rechenschaftsbericht des israelitischen Lehrer-Unterstütznngsvereins giebt wieder einen erfreulichen Beweis von der Theilnahme, die von Seiten der württembergischen Israeliten dem nun 30 Jahre bestehenden Vereine zugewendet wird; besonders aus der hiesigen Gemeinde wurdet!, Dank der rührigen Thätigkeit des Herrn Bankiers G. Sontheimer, dem Vereine 326 Mark Beiträge außerordentlicher Mitglieder und 682 Mark Spenden und Gaben zugewendet. Auch Ihre Majestät die Königin Charlotte und die selige Königin Olga haben den Verein mit huldvollen Gaben bedacht. Im Ganzen vereinnahmte der Verein an Mitgliederbeiträgen 451 Mark, an außerordentlichen Gaben 1860 Mark, an Zinsen 1599 Mark und vertheilte an Unterstützungen 1785 Mark. Der Verein umfaßt alle württembergischen Lehrer und Vorsänger als Mitglieder. Vereinsvorstand ist Herr Oberlehrer Stern am israelitischen Waisenhause zu Eßlingen. + Aus Hesse«, 16. Jan. In Groß-Umstadt (Odenwald) starb am 1. d. Mts. im Alter von 76 Jahren Herr Schloßverwalter M. Simon. Der Verstorbene hat einundsechzig Jahre hindurch als Verwalter der ausgedehnten Güter der hiesigen Schloßherrschaft, der Freiherren v. Wambolt gewirkt. Das unbegrenzte Vertrauen, dessen er sich von Seilen derselben zu erfreuen hatte, ist um so bemerkenswerther, als die Herrn v. Wambolt zum Odenwälder Uradel und den hervorragendsten Repräsentanten des strengsten Katholizismus in Hessen und Baden gehören. Der strenge Katholizismus hinderte aber die Herren v. Wambolt nicht, Herrn Simon, einen Juden, mit der Verwaltung ihrer ausgedehnten Groß-Umstüdter Besitzungen 61 Jahre hindurch zu betrauen. Herr Simon kam schon als 16jähriger Knabe aufs Schloß. Er machte später den Kursus eines Geometers durch, kehrte aber nach Ablegung des Examens in seinen früheren Wirkungskreis zurück, dem er bis an sein Lebensende treu blieb. In dem gleichen Maße wie das Vertrauen der Schloßherrschaft besaß er die Achtung und Liebe der gesammten Bevölkerung in hiesiger Gegend. Das zeigte sich auch bei seinem Leichenbegängniß, an dem u. A. auch die beiben Pastoren des Ortes, der katholische wie der evangelische, Theil nahmen. * Homburg v. d. H., 7. Januar. Im „Klub Freundschaft" hielt vorgestern Abend .Herr Rabbiner Dr. H. Kottek einen Vortrag über das Thema: „"Aus der Vergangenheit der israelitischen Gemeinde Horn bürg". — Redner schilderte die inneren Verhältnisse der Gemeinde und deren Einrichtungen. Obschon bereits im 14. Jahrhundert in Homburg, | Gonzenheim, Seulberg Israeliten wohnten, war es ihnen doch erst i. I. j 1684, als sie auf eine Faunlienzahl von 12 gestiegen, gestattet worden,! den Gottesdienst gemeinschaftlich in einem dazu gernietheten Bettokale i abzuhalten Nachdem dieses nicht mehr ausreichte, wurde mit Genehmigung laudgräflicher Regierung i. I. 1731 eine Synagoge erbaut. Die jetzige Synagoge ist ein Bauwerk der Neuzeit und wurde 1866 ausgeführt. — Ein Gemeindehaus, enthaltend das Sitzungszimmer für den Vorstand und die Wohnung für den Diener, wurde 1764, ein neues > 1877 gebaut. Der erste israel. Friedhof bestand schon im Mittelalter! und lag in der Nähe der sogenannten Judenwiesen, der zweite wurde 1703 bei Seulberg und der dritte 1867 hier angelegt. - Die Leitung j der Gemeinde besorgte anfangs ein von der Regierung ernannter Borj steher. Mit der Vergrößerung der Gemeinde änderte sich auch die Zu-! sammensetzung der Vorstandschaft; die jetzige Gestalt erlangte sie int Jahre 1876. — Dem Herrn Vortragenden wurde von dem zahlreich er- . schienenen Publikum lebhafter Beifall gezollt und zugleich vom Vorstande des Klubs öffentlich der Dank ausgesprochen. > Oesterreich - Angarn. * Wien, 7. Januar. Am 2*. v. M. fand unter Dem Vorsitze des Reichsraths - Abgeordneten Dr Arnold v. Rapoport eine Sitzung des Kuratoriums der Baron Hirsch'scheu Stiftung statt und wurde beschlossen, für die von der Stiftung erhaltenen Volksschulen in Galizien bei dem galizischen Landesschulrathe das Oeffentlichkeitsrecht anzustreben. Die Zwölf-Millionen-Stiftung hat trotz ihres kurzen Bestandes große Erfolge aufzuweisen. Zu den früheren von der Stiftung erhaltenen neun Volks- und zwei Abendschulen und der Krakauer Handwerkerschule wurden im Herbste dieses Jahres neun neue Volksschulen, und zwar in Horodenka, Gwozdciec, Monasterzyska, Sassow, Zborow, Mielec, Vrzeskv, Wisniez und Rozwadow errichtet. Im Ganzen erhält die Stiftung in Galizien 34 Unterrichtsanstalten: Volksschulen, Abendschulen, welche auch von Familienvätern besucht werden, Kindergärten, Handwerker- und eine Industrieschule. Die Frequenz der Hirsch'schen Volksschulen in Galizien hat sich in diesem Jahre um circa 500 gehoben, so daß gegenwärtig die Wohlthaten des hochherzigen Stifters 4423 Kinder ohne Unterschied der Konfession genießen. Zu erwähnen sind noch die Aenderungen, welche in der letzten Zeit in der Zusannnensetzung des Kuratoriums eingetreten sind. Als Regierungs - Kommissär wurde der Herr Statthaltereirath Reichsraths - Abgeordneter Dr. Erwin v. Plazek ernannt. Ueberdies traten in das Kuratorium ein: Ministerin!-Sekretär Dr. Witold Hausner, statt des nach Lemberg versetzten Gymnasial-Professor Charkiewicz, dann der Hofunb Gerichtsadvokat Dr. Stein an Stelle des verstorbenen Präsidenten v. Fürth. Im Lauf des Monats Januar findet im Kuratorium die Wahl eines Präsidenten an Stelle des verstorbenen verdienstvollen ersten Präsidenten der Stiftung v. Fürth statt. Es wurde für diese Stelle der Großindustrielle David Ritter v. Gutman in 'Aussicht genommen. * Wien, 10. Januar. In der am 1. d M. abgehaltenen Plenarsitzung des Vorstandes der Wiener israelitischen Kultusgemeinde wurde iu Folge des Schreibens des Herrn Wilhelm Ritter v. Gutmann, daß er seine Stelle als Präsident dieser Gemeinde niederlegt, einstimmig beschlossen, demselben durch eine Deputation den wärmsten Dank und die vollste Anerkennung für seine hervorragenden Verdienste zum Ausdruck zu bringen, ihm das lebhafteste Bedauern über seine Resignation auszusprechen und an ihn die Bitte zu stellen, die Demission zurücknehmen zu wollen. Tags darauf begab sich die Deputation zu Herrn von Gutmann und entledigte sich ihrer Mission in den beredtesten Worten Herr v. Gtttmann dankte für die freundliche Anerkennung, die ihm volle Befriedigung für seine der hiesigen Kultusgemeinde gewidmete Thätigkeit gewährt und m welcher er einen Beweis für das stets gute Einvernehmen erblickt. Seine Demission könne er aus vielfachen Gründet! nicht zurücknehmen, doch tvill er als Vorstandsmitglied seine sich gesteckten Ziele im Auge behalten tnld weiter verfolgen. In der am 8. d. M. stattgehabten Plenarsitzung wurde hierüber Bericht erstattet und der Entschluß des Herrn Wilhelm v. Gutmann, seine Thätigkeit dem Kultusvorstande auch fernerhin zu widmen, mit großem Beifall entgegengenommen.

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