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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-01-20 · Heft 3 (20.1.1893) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 3 (20.1.1893)
Date
1893-01-20
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
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2 Vereins eröffnet. I" kurzen, markigen Worten schilderte er das Treiben des Antisemitismus. Eine Berechtigung sei demselben in keiner Weise zuzugestehen. Fehlerlos sind zwar die Juden nicht, aber der Prozentsatz der schlechten Elemente ist bei ihnen keineswegs größer, als bei irgend einem andern Volksstamm. Die Eigenthümlichkeiten im Verkehr, die ihnen von ihrem früheren, abgeschlossenen Leben an hafteten, sind sie mit Erfolg bestrebt gewesen, abzustreifen, um mit vollem Herzen Bürger der Gegenwart zu werden und ihre Pflichten gegen das Vaterland in jeder Beziehung zu erfüllen. Die Mittel, die wir besitzen, den Antisemitismus 51t bekämpfen, sind keine schnellwirkenden. Einerseits haben unsre Prediger und Religionslehrer die Pflicht, alle Mitglieder der Gemeinde zu immer größerer moralischer Vollkommenheit anzuleiten, andrerseits darf unsre Presse nicht ermüden, die lügenhaften Angriffe der Gegner mit Entschiedenheit zurückzuweisen. Eine Anzahl unserer Glaubensgenossen hat sich dem jüdischen Wissen entfremdet, oder gar, irregeleitet durch die beständigen Beschuldigungen, an der sittlichen Reinheit unseres Geistesschatzes zu zweifeln begonnen. Deshalb hat sich dieser Verein das hohe r^iel gesteckt, die Kenntniß der jüdischen Geschichte und Litteratur in weite Kreise zu verbreiten unb durch diese Pflege der Wissenschaft auch eine Steigerung der moralischen Kräfte, des Stolzes auf unsre Ahnen imb eines in ihm begründeten Selbstvertrauens herbeizusühren. Hierauf hielt Herr Dr. Braun, Dozent am Rabbinerseminar, den angekündigten Vortrag: „Die Betheiligung der Juden an den geographischen Entdeckungen des fünfzehnten Jahrhunderts." Aus den interessanten Darlegungen möchte ich nur einige Bemerkungen hervorheben. Juden waren besonders im Dienste Heinrich des Seefahrers thätig, indem sie sowohl durch ihre Handelsbeziehungen mit fremden Völkern in Berührung traten und daher über diese Auskunft ertheilen konnten; als auch durch Verbesserung von Sternkarten und des Astrolabs, eines der damaligen Schifffahrt unentbehrlichen Jnstrmments. Ferner traf Basev de Gama auf einer seiner ersten Reisen einen durch merkwürdige Schicksale aus Polen nach Indien verschlagenen Inden an, der ihm durch seine Ortskenntniß außerordentlich hilfreich war, und den er zum Dank dafür zur Taufe zwang. Auch unter den Seeleuten, die die erste Fahrt mit Columbus machten, befand sich ein Jude, der das besondere Vertrauen des Admirals besaß. Das zahlreich erschienene Publikum zollte diesen Ausführungen reichen Beifall Möge der Verein, der für die kurze Zeit seines Bestehens schon eine verhältnißmäßig große Anzahl von Mitgliedern besitzt, sich weiter gedeihlich entwickeln! Landsberg a. Warthe, 12. Januar. Auf Anregung des Herrn Rabbiner Dr. Elsaß sind hier zwei neue Vereine ins Leben getreten, die einen raschen Aufschwung genommen haben. „Der israelitische Frauenverein" hat den Zweck, in allen Fällen, wo es die Noth erheischt, hilfreichen Beistand zu leisten und auch die eeremouiellen Obliegenheiten bei Verstorbenen weiblichen Geschlechts in hiesiger Gemeinde zu erfüllen. Die Chanukahfeier, welche dieser Verein nach einem trefflich gewählten Programm veranstaltete, verlief in einer Weise, die alle Theilnehmer vollauf befriedigte. Der „Verein zur Förderung religiöser Zwecke" will irn Kreise seiner Mitglieder das schlummernde Interesse für jüdisches Wissen wecken und beleben, Kenntniß der jüdischen Geschichte und der reichhaltigen jüdischen Litteratur verbreiten und Anregungen zur Hebung des Gottesdienstes geben Dieser Verein hat alle 14 Tage Zusammenkünfte, in denen Diskussionen itnb Vorträge wechseln; auch zu einer Bibliothek ist bereits ein Anfang gemacht. Hamburg, 16. Januar. Für die auf ca. 16,000 Seelen geschätzte jüdische Bevölkerung unserer Stadt bestehen außer einigen kleinen Nebensynagogen, die richtiger „Betstuben" genannt werden sollten, nur vier öffentliche Go tteshäuser, und zwar die beiden Synagogen des „deutsch-israelitischen Synagogen-Verbandes", der Tempel des „Israelitischen Tempelverbandes" und die Synagoge der „Portugiesisch-Jüdischen Gemeinde". Von diesen ist die neue Synagoge an den „Kohlhöfen" die größte. Dieselbe ist als Ersatz für die bei dem großen Brande 1842 zerstörte Synagoge im Jahre 1857 erbaut und 1856 eingeweiht worden. Die Außenseite dieses Gebäudes ist in einfach würdiger Weise in Backstein- Rohbail ausgeführt und durch einen Kuppelbau monumental ausgezeichnet. Im Innern findet man außer den Nebenräumen für Garderobe re. den Versammlnngssaal für Gemeindezwecke und einen Vor- und Hauptraum für gottesdienstliche Zwecke. Ersterer wird an Wochentagen benutzt und ist von letzterem durch eine Glaswand getrennt, die zu den hohen Festlagen entfern! wird, so daß das Ganze einen Raum bildet, der für ooo Männer und 40t) Frauen Platz bietet. Ganz besonders geschmackvoll ist die unter reich goldgesticktem Vorhänge verborgene „heilige Lade" hergestellt, zu der die mit Silber- und Messing-Kandelabern versehenen Marin orstufen emporführeu. Am Tage wird dies Gotteshaus, dessen Träger des Gotteswortes, sowie in der Synagoge „Elbstraße" Herr Oberrabbiner Hirsch ist, durch teppichartig gemusterte Fenster, am Abend burd) zahlreiche Gaskronen, Kandelaber und Wandarme erhellt. Der „Tempel" befindet sich seit 1844 in der „Poolstraße" und hat Raum für 400 Männer und 800 Frauen. Es ist die einzige jüdische Andachtsstätte hiesiger Stadt, in der der Gottesdienst mit Orgelbegleitung abgehalten wird, eine Thatsache, die diesem Gotteshause den „Cherem" eingetragen hat, und wird das Betreten dieses Gotteshauses von den orthodoxen Juden noch heute so vermieden wie zu der Zeit, da der „Bannstrahl" über das Haus geschleudert wurde Diese Trennung in „Tempelaner" imb Synagogen-Verbändler" oder, wie es hier heißt, in „neu"- und „altmodische" Juden einerseits und der Kriegsruf „Hie Olsdorf, hie Langenfelde" andererseits, macht jeden gedeihlichen Fortschritt innerhalb der Judenheit Hamburgs unmöglich. Die Synagoge der Portugiesischen Gemeinde ist 1855 erbaut worden, steht in der 2. Marktstraße, ist ein einfaches, zweckentsprechendes Gebäude, das für die immer kleiner werdende Gemeinde hinreichend Raum bietet. Der Gottesdienst wird von dem hochbetagten, ehrwürdigen Beamten der Gemeinde, Rieardo- Rocamera versehen. «9|Gr Leipzig. Am 4. Januar fand im großen Saale des „Eldorado" unter zahlreicher Betheiligung der hiesigen Gemeindemitglieder, auch eine Anzahl Damen waren orsä)ienen, die Begründung eines „Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur" statt. Denjenigen Theilnehmern an der Versammlung, die sich bereits als Mitglieder eingezeichnet hatten, wurde das vom Berliner Verein übersandte, schön aus gestattete Buck): „Der Divan von Jehuda Halevi" überreicht. Herr Rabbiner Dr. Porges eröffnete die Versammlung mit einer Ansprache, in welcher er, anknüpfend an den von Herrn Dr. Gustav Karpeles im November 1862 hier gehaltenen Vortrag, die bereits gethanen Schritte zur Begründung eines solchen Vereins nach dem Muster des schon in Berlin bestehenden erörterte. Hierauf betrat Herr Dr. Moritz Brasch das Podium, um den einleitenden Vortrag zu halten, und zwar über Gabriel Rießer. Ausgehend von den Zwecken und Zielen eines solchen Vereins, gab Redner zunächst einige interessante geschichtspsychologische Darlegungen über die inneren Beziehungen des Individuums zum Volksganzen und der historischen Vergangenheit, ging dann auf die welthistorische Stellung des Judenthums ein, auf das Verhältniß seiner speziellen Kulturthaten zum Kulturganzen der Menschheit. Dies verleihe in der heutigen, schweren Zeit dem Israeliten ein stolzes Hochgefühl, welches ihn kräftige und widerstandsfähiger mack)en werde gegen die Angriffe, denen er jetzt ausgesetzt sei. Uebergehend zum eigentlichen Thema des Vortrages, erörterte der Redner zunächst die Stellung der Juden in der Politik der Länder seit dem Beginn dieses Jahrhunderts, um darauf auf die Emanzipations- und Reformbestrebungen der 20 und 30 Jahren überzugehen, in denen Gabriel Rießer unbestritten als der eigentliche politische und publizistische Führer anerkannt werden muß. Dr. Brasch entwarf dann ein anziehendes Lebensbild von Rießer, schilderte seine Jugend- und Studienjahre und ließ einige Streiflichter auf die politische und gesellschaftliche Lage der Juden in Deutschland vor 60 Jahren falten. Dann analysirt er Rießers publizistische Hauptschriften wie seine zahlreichen für die süddeutschen Ständeversammlungen bestimmten Druckschriften und zeigte, wie mit jeder dieser Publikation der Emanzipationsgedanke in den Kammern wie in der öffentlichen Meinung weitere erfreuliche Fortschritte machte. Eine fesselnde Parallele zog dann der Redner zwischen Rießer, dem großen Publizisten und Redner, und Ludwig Börne, dem großen Schriftsteller, zeigte auch die Beziehungen, die Rießer mit Gutzkow und anderen litterarischen Führern des „Jung-Deutschlands" pflegte, wies in scharfen Worten die tendenziösen Verdächtigungen und Entstellungen Treitschkes (im Band Hl seiner Deutschen Geschichte) zurück und wandte sich dann zu Rießers Thätigkeit in Bezug auf die religiösen Reformen zu. Den zweiten Theil des Vortrags bildete die Schilderung der Thätigkeit Rießers als Mitglied und Vizepräsident der deutschen National - Versammlung im Jahre 1848/49. Redner gab ein lebendiges Bild von seiner Bedeutung als Jurist, Dialektiker und Redner und schilderte seinen

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