Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1893)
- Date
- 1893-01-20
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227986-3227990--49455-3271021- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
4 * Budapest, 17. Januar. Wie man uns meldet, ist die Rezeption der israelitischen Religion in Ungarn vom Kaiser Franz Josef genehmigt. Sie enthält drei Punkte. Im ersten Paragraph wird die israelitische Religion gesetzlich anerkannt: der zweite bestimmt, daß die besetze, welche den kUbertritt regeln, auf die israelitische Religion ausgedehnt werden: durch den dritten wird mit Durchführung des Gesetzes das Ministerium betraut. Budapest, 10. Januar. Herr Moritz Mezei, der Vorsitzende der „Rezeptionskommission", wurde gestern mit großer Majorität zum Landtagsabgeordneten für den Leopoldstädter Bezirk gewählt. Die ungarische City hat sich nur selbst geehrt, indem sie in den Landtag als Nachfolger Wahrmanns einen Mann wählte, der auch für die Interessen des Judenthums ein warmsühlendes Herz hat. Vor einem Vierteljahrhundert hat Mezei mit der damaligen „jüngeren Generation" der bürgerlichen Gleichstellung der ungarischen Juden in Wort und Schrift den Weg geebnet, unb vor Kurzem feierte er das Jubiläum seiner damaligen Thätigkeit, indem er, unterstützt von den Besten der ungarischen Juden, die Bewegung behufs Erlangung der Rezipirung der jüdischen Konfession leitete und der Verwirklichung dieser Bestrebung nahe brachte. Wir wollen hoffen, daß Herr Mezei auch als Abgeordneter eine rege Thätigkeit für die Interessen des Judenthums entfalten wird, welche nicht nur der Dank seiner Wähler, sondern auch der feiner sämmtlichen Glaubensgenossen begleiten wird. Unsere verworrenen Gemeiudeverhältnisse bieten ein weites Feld für die Thätigkeit eines Mannes, der für das Gesammtwohl ein warmfühlendes Herz hat. Wir hoffen, oft in die Lage zu kommen, seine Thätigkeit in den Spalten dieser Zeitschrift verzeichnen zu können. Großbritannien. London, 11. Januar. In der Sitzung der Anglo-Jewish-! Association verlas der Vorsitzende, Sir Julian Goldsmid, nachfolgenden an ihn gerichteten Brief des Baron von Hirsch: „Paris, 29. Dezember 1892. Bezugnehmend auf die Unterhaltungen, die ich vordem mit Ihnen zu pflegen die Ehre hatte, will ich Ihnen den Plan nochmals auseinandersetzen, den ich behufs Sicherung meines israelitischen Kolonisationswerkes nach meinem Tode verfolge, indem ich meine Aktien der „Jewish Kolonisation Association" unter den jüdischen Hauptgemeinden Europas und den „Trustees" des Fonds in Amerika vertheile. Die Anglo-Jewish-Association, welche unter Ihrer Leitung steht, scheint mir nach jeder Richtung hin würdig, bei dieser Vertheilung mit einer beträchtlichen Ziffer zu figuriren, und ich bitte Sie daher, mich wissen zu lassen, ob der Vorstand dieser Gesellschaft bereit sein würde, von mir als Geschenk 3600 Aktien der Jewish-Kolonisation-Association anzunehmen. Ich würde mir als einzige Bedingung für die Dauer meines Lebens das Vertretungsrecht dieser Aktien Vorbehalten, da Sie begreifen werden, daß ich mir so lange die Leitung des Werkes bewahren - möchte, den: ich den Rest meines Seins gewidmet habe. Wenn, wie ich I nicht zweifle, die Anglo-Jewish-Association bereit ist, meinen Vorschlag anzunehmen, so würde ich Sie bitten, solche Maßnahmen zu treffen, daß in der nächsten Sitzung der Vorstand diejenigen Personen bestinnne,! welche in seinen: Namen die Schenkung entgegennehmen sollen und sie mit den nöthigen Vollmachten ausstatte. Genehmigen Sie re. M. v. Hirsch " SS London, 10- Januar. In der „Contemporary Review" befindet sich von E. B. Lanin ein Artikel über den Czaren. Der Verfasser sagt, indem er von der Verfolgung Derjenigen spricht, die nicht dem orthodoxen Glauben angehören. Folgendes: Er hat die Juden in einer grausamen Weise verfolgt, mit der man nur, wenn man zurückblickt, die Verfolgung in Deutschland zur Zeit des schwarzen Todes vergleichen kann. Und zu sage::, daß all das dem Czar unbekannt sei und! nur sein Name von schlechten Räthen gemißbraucht würde: ist em Hohn auf den Verstand selbst des oberflächlichsten Lesers. Der Czar ist vollständig über die Behandlung seiner jüdischen und nicht jüdischen Unterthanen unterrichtet. Ich habe Originalbriefe gelesen, die ihm darüber von Leuten geschrieben waren, auf welche er Rücksicht nimmt. Persönlich! kenne ich den kaiserlichen Kammerdiener, der diese Briefe dem Czaren aushändigte und sah, wie Letzterer dieselben und auch die von der Polizei ertheilten Antworten durchlas. Thalsache ist, daß die Rolle, die der Czar in der Verfolgung spielt, durchaus nicht passiv ist, sondern daß er manchmal noch eifriger als sein Minister ist. Vor einem Jahre war ein Beamter zu einer verantwortlichen Stelle im Justizministerium ernannt worden und mußte persönlich vor Seiner Majestät erscheinen, um seinen Dank für die Ehre abzustatten; aber seine hervorstehende Nase und der semitische Gesichtstypus reizte den Czaren zu einer so brutalen Behandlungsweise, daß der Aermste zitterte, als hätte er irgend ein Verbrechen begangen Kurz nachher bemerkte der Czar zu seinem Minister: „Dieser H. ist ein gemeiner Jude." „Verzeihung, Majestät, er ist ein orthodoxer Christ." „Dem Stamme nach ist er Jude und das kommt auf eins heraus; ich werde streng darauf halten, daß Juden zu solchen Aemtern nicht zugelassen werden," erwiederte der Czar scharf und in einem Tone, der Herrn Manassein überzeugte, daß er mit der Ernennung des Beamten einen großen Fehler gemacht hatte. „Dieses Mannes Karriere ist nun vollständig abgeschlossen uud er wird nie eine Stufe höher steigen könne." Herr Lanin hat Recht mit seiner Behauptung, daß der Czar um die Judenverfolgungen weiß. In wohlunterrichteten Kreisen erzählt man sich, daß der Czar der Czarewna verboten habe, ben Gegenstand zu erwähnen. Kon Nah und Fern. --- Herr Bankdirektor A. Dannenbaum ist zum Handelsrichter j ernannt worden. — Der Ober-Staatsanwalt Wachler hat die! Einleitung des Disziplinarverfahrens gegen den Rechtsanwalt Hertwig, den Vertheidiger Ahlwardts, beantragt gemäß § 28 der Rechtsanwaltsordnung, welcher besagt daß der Rechtsanwalt sich inneri halb und außerhalb seines Berufes der Achtung würdig zu zeigen hat, die sein Beruf erfordert. — Die deutschsoziale (antisemitische) Partei beabsichtigt auch im Wahlkreise Pr. Star gar dt einen eigenen Kandidaten, und zwar den bekannten Paasch aufzustellen. — DiePosener Stadtverordneten-Verfammlung har Herrn Justizrath Orgler zum Vorsteher wiedergewählt. — Im Alter von 103 Jahren starb in Posen der Rentier L. B r o dnitz. — Gelegentlich der Neujahrsauszeichnungen hat Herr Rechtsanwalt Berolzheimer in Nürnberg den Titel Justizrath erhalten. — Im Karlsruher Verein für jüdische Geschichte und Litteratur hielt am 29. Dezember Frau Nahida Remy einen^Vortrag über das Thema: „Die Frau im Talmud". Derselbe wurde mit vielem Beifall ausgenommen. — Ein neuer Verein von israelitischen Religi onslehrern zur Unterstützung der Hinterbliebenen solcher Religionslehrer, die nicht peusionsberechtigt sind, ist unter dem Vorsitz des Herrn Ferdinand Ehrmann in Germersheim zusammengetreten. Warum schließen sich diese Herren nicht der „Achawa" an? — Ein neuer Verein gegen den Antisemitismus ist im X. Wiener Bezirke (Favoriten) im Entstehen begriffen. Es haben bereits Vorbesprechungen stattgefunden, und dürfte ehestens die konstituirende Generalversammlung einberufen werden. — Der Direktor der Sternwarte in Paris, Herr Löwi (ein geborener Wiener), ist zum Vizepräsidenten der Pariser Akademie der Wissenschaften ernannt worden. — In Kopenhagen starb am 9. Januar der vieljährige Bureauchef des dänischen Reichstages, David Dessau, der die Gabelsberger-Stenographie hier und in ganz Skandinavien eingeführt hat. Dessau, der ein Jude war, hat in seinem Testament bestimmt, daß seine Leiche verbrannt werden soll; dies wird die erste Leichenverbrennung im Lande sein. — Der ehemalige italienischeFinanzminister Luzzatti ist jetztschriftstellerisch sehr thätig. In der „Nuova Antologia"hat er soeben einen Artikel über die Gewissensfreiheit gegen den Antisemitismus veröffentlicht. — Wie man aus Odessa meldet, ist ein Agent des Baron Hirsch in Simferopol eingetroffen, um die Auswanderung von 6000 Juden aus der Krim im Lause des Frühjahrs vorzubereiteu. Die Behörden der Krim erhielten den Befehl, die diesbezüglichen Vorarbeiten zu fördern. — Gegen den Gouverneur der Schatzkammer in der Stadt Marokko sind Beschwerden erhoben worden wegen vielfacher Mißhandlungen jüdischer Ein wo hner, insbesondere habe derselbe einem Greise 500 Peitschenhiebe und einem anderen Juden 800 Peitschenhiebe ertheilen lassen. Es heißt nun, daß die hiesigen Vertreter der Mächte identische Noten an den Hof in Marokko mit dem Verlangen gerichtet haben, daß diesen Verfolgungen ein Ende gesetzt werde. — Herr und Frau Alexander Weil in San Francisco haben anläßlich ihrer silbernen Hochzeit die Summe von 10000 Dollars für die Wohlthätigkeitsanstalten aller Konfessionen gespendet. Truck unt Verlag von Nudoli MoNe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.