Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1893)
- Date
- 1893-01-20
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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57. Jahrgang. Nr. 3. I3erlin, .20. Januar 1893. Der GemeLndebote. Weikage zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. --- Berlin, 17. Januar. In der konstituirenden Sitzung der Repräsentantenversammlung wurde an Stelle des Justizraths Makower, der sein Amt als Vorsteher des Repräsentanten-Kollegiums der jüdischen Gemeinde niedergelegt hat, Herr Herrmann Landsberger gewählt. Zn Stellvertretern wurden die Herren Louis Liebermann und Rechtsanwalt Tiktin ernannt. * Berlin, 17. Januar. Der Geheime Medizinalrath Dr. Wolfs Cohn ist gestern hier im 70. Lebensjahre gestorben. — Berlin, 18. Januar. Der kürzlich verstorbene Kaufmann Moritz Simon, der schon bei Lebzeiten durch sein gemeinnütziges Wirken sich ausgezeichnet, hat in seinem Testament 200,000 Mark zu wohlthätigen Zwecken vermacht, und zwar 100,000 Mark für das Krankenhaus und 100,000 Mark für die Alterversorgungsanstalt der jüdischen Gemeinde. * Berlin, 18. Januar. Wie man uns mittheilt, ist das Hinderniß für die Abhaltung des ersten Vortrages der „MontagsVorlesungen" am Montag den 30. h. glücklich beseitigt. Karl Emil Franzos wird also doch an dem ursprünglich in Aussicht genommenen Termine, d. i. mit 30. Januar, seinen Vortrag über „Fahrende Schüler im Ghetto" halten. * Berlin, 18. Januar. In der israelitischen Volksküche, Klosterstr. 99, wo seit Beginn des Winters arme Kinder ohne Unterschied der Konfession unentgeltlich gespeist werden, sind für die Monate Februar und März Freitische Mittags und Abends zu vergeben. Schriftliche Meldungen von Eltern, deren Kinder diesen Winter noch nicht verpflegt wurden, werden in der Anstalt entgegengenommen. Berlin, 17. Januar. Prof. Lewandowski, der Reformator des jüdischen Gottesdienstes in Deutschland auf dem musikalischen Gebiete, ist nach zweiundfünfzigjähriger segensreicher Thätigkeit im Dienste der hiesigen jüdischen Gemeinde nunmehr in den Ruhestand getreten. Die von ihm geschaffene Form des Gottesdienstes hat durch seine Partituren: „Kol Rinnah Utefillah,“ „Toda Weshnirah“ Th. I. und II. in nahezu zweitausend Gemeinden Eingang gefunden. Seine 68 deutschen Psalmen werden in Synagogen, Kirchen, Gymnasien und Realschulen aufgeführt. Nicht minder geschätzt sind seine weltlichen Kompositionen: Symphonien, Streichquartette, Trios, Lieder, Duette, Klavier- und Violinstücke u s. w. Als Musiklehrer in der hiesigen jüdischen Lehrer- Bildungsanstalt und privatim sind durch ihn 300 Kantoren gebildet worden, die in großen und kleinen Gemeinden mit Erfolg ihr Amt versehen. Das ist ein reicher Arbeitsertrag, und Herr Lewandowski kann mit Stolz auf denselben zurückblicken. Sein Name ist mit der Geschichte des jüdischen Gottesdienstes unauflöslich verbunden. Möge dem verehrten Manne noch ein langer glücklicher und nach solchem Schaffen sicher wohlverdienter Lebensabend beschieden sein! Berlin, 18. Januar. Wie man uns mittheilt, ist Herr Dr. A. Kaminka zum Rabbinatsverweser in Frankfurt a. O. (an Stelle des schwer erkrankten Dr. Löwenmayer, gewählt worden. SL Berlin, 17. Januar. Beim letzten Ordens fest erhielten Dekorationen Herr Professor L. Jacoby von der technischen Hochschule hier den Rothen Adler-Orden 4. Klasse und Herr Stadtrath Kanto ro wicz in Posen den Kronenorden 4. Klasse. Ein hiesiges Blatt bemerkt übrigens zu der Ordensliste: Den Rothen Adler-Orden 2. Klasse mit Eichenlaub erhielt ein Reichsgerichtsrath mit dem Namen Schlesinger. Wenn der verdächtige Klang dieses Names in antisemitischen Kreisen unangenehm berühren sollte, so wird doch das Unbehagen noch vergrößert werden, wenn man erfährt, daß der Erste Staatsanwalt beim Landgericht I, Dreschender öffentliche Ankläger im Ahlwardtprozeß, den Rothen Adler- Orden 3. Klasse mit der Schleife erhalten hat, und daß durch ein Spiel des Zufalls diesen selben Orden ein Mann erhielt, der den Antisemiten noch verhaßter ist, Professor Dr. Nöldecke in Straßburg, der Sachverständige im Buschhoffprozeß, der die Fabel vom Ritnalmord so kräftig wiederlegte. * Berlin, 15. Januar. Dr. Leo Grunmach von der technischen Hochschule Charlottenburg-Berlin ist zum Professor ernannt worden. Derselbe ist seines Faches Physiker. Er hat seine Studien in Berlin gemacht und gelangte hier 1874 zur Promotion. Bei der technischen Hochschule bekleidet Dr. Grunmach die Stelle eines Assistenten am physikalischen Laboratorium unter Professor Paalzow, zugleich ist er Privatdozent. Ein wesentlicher Theil der Arbeit Grunmachs ist der Normal- Aichungskommission zu gute gekommen, zu deren ältesten Mitarbeitern : er gehört. Insbesondere nahm er dort an den thermometrischen und barometrischen Untersuchungen Antheil. Es erschienen von ihm in den! Veröffentlichungen der Normal - Aichungskommisston u. a. die Abhandlungen: Vergleichungen von Ouecksilber-Thermometern mit dem Luftthermometer", und „Absolute barometrische Bestimmungen unter Kontrole des Vacuums durch elektrische Lichterscheinungen". Von anderen; Veröffentlichungen Grunmachs seien genannt: „Ueber die elektromagnetische Drehung der Polarisations-Ebene der strahlenden Wärme ' in festen und flüssigen Körpern" (1881) und „Untersuchungen über die Aenderung des galvanischen Leitungswiderstandes verschiedener Körper bei Aenderung ihres Aggregatzustandes" (1888). Grunmach stammt aus Schwetz in Westpreußen. * Berlin, 19. Januar. Die Methode der antisemitischen Blätter, jeoen großen Gauner zum Juden zu stempeln, ist bekannt. In letzter Zeit ist sie förmlich zur Manie ausgeartet. Natürlich ist es nicht möglich, in jedem Falle die Lügner zu entlarven. Aber einige hervorragende Beispiele aus der letzten Woche mögen genügen, um die ganze Methode zu charakterisiren. Es ist eine Lüge, daß der französische Exminister Rouvier ein Jude oder auch nur von Juden abstamme; es ist eine Lüge, die auch schon von einzelnen Blättern hat widerrufen werden müssen, daß der Sammler der Welfenfondsquittungen, Lunge, ein Jude; und! ebenso ist es notorisch, daß der in den Panama-Prozeß so arg verwickelte! Bankier Arton streng katholisch ist und erst jüngst mit Kardinälen und hohen Geistlichen wieder das Projekt einer „katholischen Bank" aus-! geheckt hat. Von all' den zahlreichen Schwindlern des Panama- Prozesses sind notorisch nur zwei Juden: Reinach und Cremieux. Es ist nothwendig, das allen Insinuationen gegenüber immer und immer! wieder zu betonen. Posen, 16. Januar. Bei der jüngst stattgehabten Generali Versammlung der hiesigen israel. Brüder-Gemeinde ist der bei derselben bis jetzt provisorisch thätig gewesene Kantor Herr Davidsohn definitv mit bedeutend erhöhtem Gehalte angestellt worden. Seine! musikalische Ausbildung erhielt Herr Davidsohn von Professor Kullack ' und auf der königl. Hochschule für Musik in Berlin, seine kantorale Vorbildung vom Meister Lewandowski sowie von seinem in Fachkreisen rühmlichst bekannten Vater Kantor Davidsohn in Ostrowo. Ein Bruder von Herrn D. ist der bekannte Helden-Bariton Max Davidsohn an dem Königl. Landestheater in Prag. — Seit Kurzem ist auch hier ein Jugendgottesdienst am Sonnabend Nachmittag eingeführt und ist jeden Sonnabend der große geheizte Tempel der Brüdergemeinde nicht nur von Schülern; und Schülerinnen, sondern auch von Damen und Herren fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Ansprache hält Herr Dr. Bloch : und den gesanglichen Theil führt Herr Kantor Davidsohn mit Chor und Orgel aus. r. Breslau, 16. Januar. Am 9. d. Mts. hielt der neu gegründete „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" in den hierzu j freundlichst zur Verfügung gestellten Räumen der „Erholung" seine erste; Versammlung ab. Dieselbe wurde von dem Vorsitzenden, Herrn Geh. i Sa itäts-Rath Dr. Wollner, mit einer Ansprache über die Ziele des