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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-01-20 · Heft 3 (20.1.1893) · p. Seite 36

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 3 (20.1.1893)
Date
1893-01-20
Page
Seite 36 (sequence 14)
Language
German
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36 darauf auf und nieder stiegen, lange oder kurze Beine hatten. Wie also j waren die Engel gebaut? Darauf allein kam es an, denn wohl wissen "j wir ja, daß sie Flügel haben, aber in jener Nacht machten sie keinen Gebrauch von ihnen, es steht ausdrücklich geschrieben: „sie stiegen". Daraus aber ergiebt sich die weitere Frage: „Warum stiegen sie, warum j flogen sie nicht von Sprosse zu Sprosse?" Und dann: „Der Herr stand! oben darauf", heißt es in der heiligen Schrift, auf der obersten Sprosse also? Oder hatte die Leiter oben eine Plattform? Und wenn diese, . wie breit war sie? Nachdem Mendele in dieser Disputation über die , Leiter alle Gegner in den Sand gestreckt, beschlossen die Eltern u. s. w."! Noch an einer anderen Stelle kommt die „Himmelsleiter" vor: „Als Mendele ins Posen'sche gelangte, gefiel cs ihm dort so gut, daß er seinen guten Vorsatz, zu seinen Eltern heimzukehren, ganz veri gaß. Hier waren die Städtchen reinlicher, die Gemeinden wohlhabender, aber auch die Gelehrsamkeit vernünftiger; ohne es selbst recht zu empfinden, standen die dortigen Rabbinen ein wenig unter dem Einfluß; des deutschen Geistes und beschäftigten sich lieber mit den Wissenschaft- : lichen Problemen des Talmuds, als mit der Frage über die Himmelsleiter. Das gefiel dem begabten Knaben" u. s. w. Und nun erwäge man, mit welcher Art von Gegnern: ich mich da herumschlagen muß! Zunächst werden diese Themen als Fragen des Mendele, also als meine Erfindungen bezeichnet. Wozu?! Das ist nun klar. Nein, ich gebe nur das Gerippe einer Disputation, wie deren in jeder Klaus des Ostens jährlich unzählige stattfinden. Zu welchem Zwecke? Weil es zum Bild des östlichen Judenthums gehört! Und dies Referat, sowie die Bemerkung, daß die unter den deutschen Orthodoxen übliche Beschäftigung mit den wisse nsch aftlichen Problemen des Talmuds eine Art „vernünftigerer Gelehrsamkeit" ist, als das Spiel mit der Himmelsleiter — sie sollten ein Hohn auf unsere alten Talmudlehrer sein?! Und gerade diese Stellen haben „Anstoß erregt?!" Und sie allein haben genügt, mir die Mahnung Zuzuziehen, „wer in Hamburg Vorträge halten wolle, müsse sich über seine Zuhörer orientiren"?! Ja, frage ich, ist denn Ham- 1 bürg ein chassidisches Nest oder ist es eine deutsche Großstadt? Leben in Hamburg Leute, die nicht meiner Meinung sind, daß die Beschäftigung mit den wissenschaftlichen Problemen des Talmuds vennmftiger ist, als die mit der Himmelsleiter? Vielleicht! Aber dann gehören diese; Leute in keinen „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur". Tenn das sind w i ssenscha ftl iche Vereine! Auch für den orthodoxesten Talmudforscher haben sie Platz, aber für keine Himmelsleiter-Spieler. Mit jener Kaltblütigkeit, die ihn so reichlich ziert, hält der Herr auch seine Behauptung aufrecht, ich hätte die „in Anführung gesetzten; Wörter alle gebraucht". Da bleibt mir nichts weiter übrig, als eben; zu wiederholen, was ich bereits gesagt: „Meine Worte sind das überhaupt nicht, oder ich habe sie doch in anderem Zusammenhang gebraucht," — unb dem Leser die Wahl frei zu lassen, wer von uns Beiden nach seiner Ansicht die Wahrheit gesagt. Namentlich erkläre ich noch, daß die folgenden Allsdrücke überhaupt nicht in jenem Kapitel Vorkommen: „Schibuzze", „Orech". „ Sab bat h tisch" „ein Freitag-Abend büßt an — „Erhabenheit" ein": in „seiner Welt", „ohne den der Rabbi; ein „Nichts" ist", und „behaart" seine glänzende Schädeldecke"; alles . Aridere, wie gesagt, in anderem Zusammenhänge. Was jene Stelle des Referats betrifft,- die eine für mein Empfinden peinliche Rohheit der Ausdrucksweise aufweist: „Jetzt geht die Wanderung zu „zweit" weiter . und bald ist Aussicht vorhanden, sie „halbdritt" zu machen", so bleibt! der Herr mit einer Stirne, um die ich ihn llicht beneide, dabei, es wäre doch beiläufig so gewesen, „zugeben" will er nur, daß ich statt „zn zweit" und „halbdritt" — „zu zweien" und „selbstdritt" gesagt. Nein, auch dies habe ich nicht gesagt, weil ich nämlich der deutschen Sprache genügend mächtig bin, um nicht einen sinnlosen Ausdruck wie „selbstdritt" zu gebrauchen, sondern die Stelle lautet wie folgt: „So zogen die Neuvermählten langsam gegen Süden, eine traurige, traurige Wanderung, da sie am Wege wenig Anderes sahen, als Tod und Todesangst und wüste Entfesselung aller Leidenschaft, diese Angst zu verwinden. Ter Kownoer aber blickte der Seuche gefaßten Muthes ins fürchterliche Antlitz, er kramte keine tollen Schwänke mehr ans, aber wohin er kam, ward er den Leuten in seiner tapferen, milden Art ein rechter Tröster. Namentlich seit jener Stunde, wo er wußte, daß Gott seines Weibes Schooß gesegnet, schien er ein anderer, höherer, besserer Mensch geworden." i Man sieht, es kann sich nicht einmal um einen Hörfehler handeln, es kommen nicht einmal Wörter vor, die ähnlich klingen, wie „zu zweit" oder „halbdritt". Der Herr hat den „Witz" aus Eigenem beigesteuert, und als ich mich dagegen verwahre, erwiedert er: „Ich habe doch Recht, Franzos lügt eben." Und was wird er nun sagen? Daß ich mein Manuskript nachträglich gefälscht habe! Einem „Referenten", der solche Mittel gebraucht, ist auch dies znzutrauen. Dies Schreiben ist sehr lang geworden, und doch richtet es sich nuv gegen das kleine Manöver eines kleinen Anonymus. Aber ich habe mich der Mühe unterzogen, weil es sich in Wahrheit unt mehr handelt. Wir leben in einer Zeit, die an die Friedens- und Wahrheitsliebe jedes Einzelnen von uns die höchsten Anforderungen stellt. Heute dürfen wir Leute vom Schlage dieses „Referenten" nicht frei gewähren lassen; sie sollen uns die Möglichkeit, in gemeinsamen Vereinen für gemeinsame Zwecke zn wirken, nicht abschneiden, sie sollen ihrer „Phantasie" keinen Lauf lassen dürfen. Unsere Gegner können uns nicht zu Grunde richten, wohl aber die Uneinigkeit und Unehrlichkeit in unseren eigenen Reihen. Hochachtungsvoll Ihr ergebenster Berlin, 16. Januar. Karl Emil Franzos. v Hannover, 17. Januar 1893. Geehrter Herr Redakteur! Die Angriffe, welche in Nr. 1 d. Zeit, gegen die neuen Vereine in unsrer Gemeinde erhoben find, fordern zu einer kurzen Erwiederung aus: ob Centralisation oder Teceutralisation der Vereine wünschenswerth, ist eine Frage, über die sich streiten läßt, aber niemals in dem Tone, der dort angeschlagen ist. Eine ernste Angelegenheit darf auch ernste Besprechung beanspruchen, und alles Andere muß vollständig ausgeschlossen sein. Ich gestehe dem Herrn Correspondenten gern zu, daß in deu letzten Jahren an Gründungen von Vereinen hier recht viel geleistet: warum war aber Stillschweigen geböte::, „so lange die Sucht nach neuen Gründungen nur von Männern betrieben wurde?" Ist der Herr vielleicht besorgt, daß der Hausstand vernachlässigt wird, wenn auch Frauen für allgemeine wohllhätige Zwecke Interesse zeige::? Ich bin anderer Ansicht und freue mich, daß in unserer genuß- und vergnügungssüchtigen Zeit der Sinn für Ideales und Höheres noch wach ist. Ich kann es nur billigen und anerkennen, wenn Religionsschülerinnen den Wunsch haben, nach dem Verlassen der Schule im gemeinsamen wohlthätigen Wirken, soweit es ihre Kräfte vermögen, sich zusawmenzufinden. Eine Beisteuer von 25 Pfennigen monatlich, die Veranstaltung einer Lotterie, um Kinder zu Chanukah zu erfreuen, die Ernennung von Präsidentinnen und selbst einer Protektorin — das ist Alles so harmlos, daß die Eintracht der Gemeinde dadurch' nicht gefährdet werden kann. — Daß das Bedürsniß nach einem Verein zur Ausstattung armer Bräute vorliegt, gesteht eigentlich der Herr Correspondent zu, er will nur von Fall zu Fall durch Privatsammlung ihm abhelfen. Wie schwer es fällt, eine Sunnne von 300 Mark zu wiederholten Malen zusammenzubringen, weiß wohl Jeder, der in der Lage war, dieses wenig beneidenswerthe Geschäft zu betreiben, und was verlangt der Aufruf der Da:nen, welche die Sache in die Hand genommen? Einen wöchentlichen Beitrag von zehn Pfennigen! Wenn diese zehn Pfennige vom Haushaltungsgelde erspart werden, wird es auch der gestrengste, feinschmeckerische Hausherr nicht merken, und dennoch können leicht 1000 Mark zusammengebrachl werden und drei ar:ne Mädchen eine Beisteuer empfangen. Daß die Sumrne gering ist, gestehe ich zu, aber immer besser wenig als gar nichts; entschieden protestire ich aber gegen die Unterschiebung, als werde die Beschenkte beschämt. Wo in alter Welt hat der Herr den Vorwurf zu dem Tableau Dank der gerührten Bräute vor versammeltem'Volk, pn nächsten Jahre Vorführung des ersten Kindes - hergeuommen? Sicherlich nicht aus einem jüdischen Vereine. Ebenso unbegreiflich ist es, wie durch die „Bereinsrneierei" der Friede der Gen:einde gestört werden kann, und nur gar, als ständen die widrigen, von Allen mißbilligten, selbst von der Kanzel herab getadelten Gehässigkeiten bei den Wahlen hiermit in Verbindung. Hierfür liegen ganz andere Gründe vor: aber ich befolge Ihre Weisung, geehrter Herr Redakteur, daß interne Angelegenheiten nicht an die Oeffentlichkeit gezogen, nicht einmal gestreift werden sotten, und schließe in aller Hochachtung X. I. Z. Truck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.

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