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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-01-20 · Heft 3 (20.1.1893) · p. Seite 35

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 3 (20.1.1893)
Date
1893-01-20
Page
Seite 35 (sequence 13)
Language
German
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Nun erscheint das Referat in Ihrer Zeitung. „Herr Franzos thut Unrecht", versichert der Hamburger Herr, „wenn er glaubt, daß mein Referat in der Absicht geschrieben sei, seinen Ruf oder sein Talent als Schriftsteller zu verkleinern". Er irrt, ich habe damals diesen Glauben nicht gehabt, nicht haben können. Ja, wenn Sie, geehrte Redaktion, das Referat nicht „beschnitten" hätten *), wie er mm so beweglich klagt, dann wäre ich allerdings dieses Glaubens gewesen und hätte sofort gewußt, wo die Sache hinaus will. Jene Form, in der Sie das Referat brachten, ließ dies nicht erkennen. Born wird der starke Besuch, am Schluß der äußere Erfolg konstatirt, in der Mitte steht eine entstellte Inhalts-Anzeige — wie hätte ich ahnen sollen, daß sie tendenziös entstellt war?! Ich konnte dies um so weniger, als mir bis zu den: Augenblick, wo ich die Erwiederung des Referenten las, auch nicht im Traume einfiel, daß irgend Jemand vom Standpunkt der Partei an meiner Vorlesung Anstoß genommen haben könnte. Aber angenommen, daß mir dies bekannt gewesen wäre, ich hätte doch diese Absicht nicht vermuthet. Denn ich pflege Jedermann, der die Feder führt, so lange für einen ehrlichen Schriftsteller zu halten, bis das Gegentheil erwiesen ist. Nicht für einen tendenziösen Entsteller also hielt ich Ihren Referenten, sondern — ich habe es in meinem ersten Brief humoristisch gesagt und will es nun trocken sagen — für einen wenig geschmackvollen Skribenten von ungetreuen: Gedächtniß, der dann in der Noth erfindet, statt zu refcriren, weil er sich Inhalt und Form des Vorgelesenen nicht genügend gemerkt hat. Und weil ich dieses Glaubens war, griff ich nur zögernd zur Feder. Du lieber Himmel, was bekommt unsereins Alles über sich zu lesen, ohne zu erwiedern! Wenn ich diesmal sprach, so geschah es nur, weil ich dachte: „Wäre es blos die Verhunzung deiner Arbeit, du könntest den Mann mit Rücksicht darauf, daß er ja wohl guten Willens war und nur eben sein Handwerk nicht besser versteht, laufen lassen! Aber es ist eine gefährliche Verhunzung; aus dieser Verdrehung könnten böswillige Leute Kapital schlagen! Das sott nicht geschehen!" Und demgemäß berichtigte ich und hob namentlich hervor: 1. Die Handlung jenes Kapitels erscheint überall ins Krasse verzerrt und zugespitzt. Namentlich ist es unwahr, daß ich strenggläubige Eltern von so wahnwitzigem Fanatismus erfüllt sein lasse, um ihr zehnjähriges Kind wegen eines übermürhigen, seinem Lehrer angethanen Streichs zu verstoßen. Dazu sind sie auch einige Jahre später, als er einen viel schlimmeren Streich verübt, noch lange nicht hartherzig und fanatisch genug. 2. Die Fragen, über die Mendele mitdisputirt, sind nicht meine Erfindung. 3. Die unter Anführungs-Zeichen gesetzten Wörter und Sätze habe ich theils gar nicht, theils in anderem Zusammenhänge gebraucht. Namentlich habe ich den rohen Witz „zweit'" und „halbdritt" nicht gemacht. Das nennt der Herr nun eine „Entschuldigung", durch die ich mich „angeklagt"! Aber es war gilt, daß ich mich dieser Festnagelung unterzog Denn aus seiner Erwiederung erfahre ich erst, daß es seine Absicht war, der angeblichen Verstimmung 'Ausdruck zu geben, die nach seiner Versicherung bei den Anhängern der Orthodoxie durch den Inhalt meiner Vorlesung erregt worden sei. Nun verstehe ich! Ihr Referent hat mich mit Absicht Dinge sagen lassen, die ich nicht gesagt, um daran die Frage knüpfen zu können: „Müssen wir Orthodoxen uns nicht dadurch gekränkt fühlen?" Sie strichen ihn: die Frage, das ist sein erster Schmerz, und dann berichtigte ich ihn, das ist sein zweiter und größerer. Aber ein geschickter Mensch weiß sich zu helfen. Nun bringt er sein Sprüchlein von den gekränkten Orthodoxen nachträglich vor, mit mir aber sucht er durch die Unterstellung fertig zu werden: „Mein Referat war richtig. Franzos bestreitet seine Nichtigkeit nur, weil er den Rückzug antreten will " Ich wiederhole, was ich im Eingang gesagt: Mir fehlt das druckfähige Wort, um diese Unterstellung gebührend zu qualifiziren, und darum lasse ich sie unqualifizirt. Thatsächlich bemerke ich nur noch — ilnd zwar wahrlich nicht um meinetwillen allein: Es ist unwahr, daß ich „nachträglich zu der Ueberzeugung gelangt" bin, der Inhalt meiner Vorlesung habe „bei den zahlreich in diesem Verein *) Der Herr Referent hat dies ohne Grund beklagt. Wir haben in seinem ersten Referat auch nicht ein Wort gestrichen. Wir inüssen dies nachträglich fefifmU'it, daß cd leider durch eiu Berschen beim Abdruck feines Briefes in Rr. 2 unterblieb. Die Red. vertretenen Anhängern der Orthodoxie 'Anstoß erregt". Dieser Ueberzeugung bin ich auch jetzt nicht. Aus äußeren und inneren Gründen. Der äußeren habe ich bereits gedacht. Aber auch aus einem inneren Grunde scheint mir der „Referent" auch in diesem Punkt nicht glaubwürdig. Jenes Kapitel ist eine getreue Schilderung aus dem östlichen Ghettoleben ohne jede andere Tendenz, als die, dem Leser ein Stück äußerlich dürftigen, aber an geistigem, wie an Gemüths-Jnhall reicher! Lebens vorzuführen, daneben die Ausmalung eines Einzelschicksals. Hätte derlei wirklich „Anstoß erregt," dann würde ich darüber nicht „in Zorn gerathen", sondern tief traurig werden. Dann bestünde zwischen den „Anhängern der Orthodoxie" und uns anderen Juden eine so unüberbrückbare Kluft, daß es das Beste wäre, wenn wir nichts mehr mit einander gemein hätten, auch keine Bortrags-Vereine. Daun stünde die Orthodoxie auf dem Standpunkt: „Wer jüdisches Leben dichterisch behandelt, muß unsere Tendenz hineintragen; daß er tendenzlos auf das hinweist, was uns Alle angeht, genügt uns nicht." Denn dies Letztere habe ich in jenem Kapitel gethan und es darum für Hamburg gewählt. In anderen meiner Werke, anderen Vorträgen, ist dies nicht der Fall gewesen. Ta habe ich getrost von meinen: guten Recht, meinen, den liberalen Standpunkt zu verfechten, Gebrauch gemacht. Diesmal nicht, um der Sache willen. Denn ich halte neben Partei-Vereinen auch solche, wie diese neugegründeteu Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur, die das Gemeinsame betonen, für etwas Gutes. Sind aber die Ansprüche der Orthodoxen au die „Parteilosigkeit" solcher Vorträge noch höhere, dann verlangen sie Parteinahme in i hrem Sinne — und dann ist es eben mit dem gemeinsamen Wirken aus. Es ist Alles auf der Welt möglich, auch daß es wirklich mit der Unduldsamkeit der Orthodoxie bereits so weit gekommen. Ich meinerseits glaube dies aber in so lange nicht, als es mir nicht andere Männer des Hamburger Vereins sagen, nicht blos dieser anonvme „Referent". Bis dahin glaube ich, daß er nicht der Meinung zahlreicher Orthodoxen Ausdruck gegeben hat, sondern höchstens der einiger weniger Fanatiker, die dann ebenso wenig in einen derartigen parteilosen Verein gehören, als etwa Fanatiker meiner Partei. Aber wie dem auch sei, das Mittel, das er gewühlt hat: den Inhalt meiner Dichtung tendenziös zu entstellen, um dann daraus Kapital zu schlagen, werden doch sicherlich 'Andere nicht billigen. Freilich — er hat ihn ja nicht entstellt, sagt er — sondern ich thur es hinterdrein. Die Behauptung könnte entrüsten, wenn sie nicht so komisch wäre. Vor einigen hundert Menschen hat ein Schriftsteller eine Dichtung vorgelesen, es liegen wahrheitsgetreue Referate darüber vor. Ein Referent sagt nicht die Wahrheit. Und darauf ertappt, erwiedert er: „Der Dichter lügt, nicht ich!" Auf der einen Seite ein Anonymus, der die Dichtung einmal gehört hat, auf der anderen der Verfasser, der sich in ehrlicher Arbeit seinen Rainen erkämpft - und dennoch: der Lügner bin ich; er hält Alles aufrecht! Oder doch noch sehr Vieles. Dazu freilich, nochmals zu behaupten, daß ich strenggläubige Eltern wirklich jene Rohheit gegen eiu zehnjähriges Kind habe begehen lassen, fehlt sogar ihm der Muth: über diesen Punkt, dessen Erdichtung sein schärfster Beweis für die Parteilichkeit meiner Dichtung war, hüpft er nur schweigend hinweg. Aber dabei bleibt er: die Disputation ist meine Erfindung. „Und gerade diese „originellen Bemerkungen" haben Allstoß erregt, weil mail aus ihnen den Hohn auf unsere alten 'Talmudlehrer herausgehört haben will. Ich sage „lnau", ich referire". Also er selbst meint es nicht, bewahre! — aber das Publikum — ein ehrlicher Referent muß doch die Meinung des Publikums wiederholerl! Nun — ich setze diese Stelle aus dem Manuskript wortgetreu her: „Der Wille der Eltern hatte ihn zum Talmudisten bestimmt, weil er früh treffliche Anlagen zeigte uud schon als Zehnjähriger mit oen Gelehrten über die schwierigsten Fragen zu disputiren wußte. Zum Beispiel, an welchem Tage Eva die Frucht vom Baume der Erkenntniß genommen — ein Sabbath war es gewiß nicht, denn da darf man keine Früchte pflücken, aber welcher Wochentag?! Oder von welcher Art die Leiter gewesen die Jakob im Traume gesehen? Natürlich keine Hängeleiter, die in den Wolken befestigt war und bis ans die Erde hinabreichte, denn es steht ja geschrieben, daß sie auf der Erde stand und mit der Spitze an den Himmel riihrte. Aber war es eine Schiebeleiter, die zusammen zu legen war, oder bestand sie ans einern Stück? — war sie aus Holz, aus Eisen oder was sonst? -- und vor Allem: wie viel Sprossen hatte sie? Das hing wieder mit der Frage zusammen, ob die Engel, die

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