Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1893)
- Date
- 1893-01-20
- Page
- Seite 33 (sequence 11)
- Language
- German
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33 Mäßigkeit des Unterrichts, das Absehen des Ganzen auf religiössittliche und bürgerlich-praktische Entwickelung innerhalb der durch die Verhältnisse selbst bestimmten Grenzen, alles dies darf als musterhaft gerühmt werden und verdient die allgemeinste Anerkennung. Es könnte auffallen, daß bei dem entschiedenen Ehr- und Gcmeinsinn, durch welche die jüdische Gemeinde einen so angesehenen, und man lönnte sagen vornehmen Stand behauptet, doch erst in so spater Zeit daran gedacht wurde, besondere Anstalten für die Waisen der Gemeinde einzurichten. Allein es scheint, daß die frühere» Verhältniffe bei enger gezogenem Kreise, in welchem der rühmlichst bekannte Wohlthätigkeitssinn der Einzelnen leicht und völlig nusreichte, jenes Bedürsniß kaum fühlbar werden ließen. Möge ein so treffliches Bemühen des fortdauernden Segens nicht entbehren. Möge aber auch eine so achtungswerthe Klasse unserer Mitbürger, gegeil die noch immer so Manches unsererseits gut zu machen bleibt, und die leider stets auch noch Besorgnisse der Zukunft zu tragen hat, hierbei der al l ge meinen Zustimmung und Mithilfe sich erfreuen!" — Varnhagen erwähnt dann noch eine merkwürdige Antwort, die Rahel einem Franzosen gab, der sich über den hohen Kulturstand der Berliner Judenheit wunderte: „Les Juifs de Berlin sont les Juifs de Frederic le Grand“, sagte sie, und der Gatt e fügte hinzu: „Allerdings kann man den Einfluß Friedrichs des Großen auch hierin nie zu hoch anschlagen. Denn ohne daß er die Juden als solche begünstigte, kam ihnen Alles zu Gute, was seine aufgeklärte menschenfreundliche Regierung in allen Klassen für die Geisteserhebung und für Gerechtigkeitssinn wirkte." Eine tiefere kulturgeschichtliche Bedeutung kann kein geschichtlich Gebildeter den« Wirken Baruch Anerbachs absprechen. Als der Begründer der Waisenanstalten nach Ueberwindung unendlicher Schwierigkeiten im Jahre 1837 seinen vierten Jahresbericht herausgeben konnte, schrieb ihm ein christlicher Geistlicher ans Wien: „Nicht Jedem ist cs gegeben, die entgegenstehenden Parteien zu einigen; die Scheidewand zwischen Christen und Juden großen Theils nicderznreißen." Im zwölften Jahresbericht ergiebt sich für die Anstalt, welche 1843 eine Abtheilung für Mädchen eröffnet hatte, bereits ein Vermögen von 30,817 Thalern. In den Vorstand wurde der Kgl. Hauptmann der Artillerie Burg gewählt, der dieses Amt bis an seinen Tod verwaltete. Mit Schulden war die Waisenpflege im Anfang des Jahres 1833 in dem Miethsstübchen des Hauses Rosenstraße 12 eröffnet worden; am 30. November 1852 gelangten die Auerbachschen Waisenanstalten durch den Ankauf des Grundstücks Oranienburgcrstr. 38, in den Besitz eines eigenen Heims. Vielen Lesern wird das stattliche Haus mit dem zum Spielplatz für die Waisen eingerichteten Garten, der bis zur Auguststraße Nr. 4 reicht, aus eigener Anschauung bekannt sein. Ter geläuterte pädagogische Geist, welcher der Anstalt in ihrem früheren Heim so viele Sympathien erworben hatte, begleitete sie in das neue Haus. Von den nach vollendeten Erziehungsjahren aus der Anstalt in das praktische Leben getretenen vierzig Zöglingen hatten sich nur zwölf dem Kaufmannsstaiide gewidmet, die anderen hatten sich das Handwerk erwählt. Ein Zögling wurde Arzt, andere Tischler, Gärtner, Schlosser, Schuhmacher, Gelbgießer u. s. w. Mit der Erwerbung eines eigenen Grrmdstücks hatten die Waisenhäuser eine neue Epoche ihrer Wirksamkeit begonnen. Man kann sich nur schwer von der heute fest begründeten Anstaltspraris ans, — nannte doch der Vertreter des Provinzial-Schulkolleginms bei dem 50jährigen Jubiläum das Institut, welches heute außer dem schuldenfreien Grundstück ein unantastbares Vermögen von 1 Million Mark besitzt, „eine der reichsten, lvenn nicht die reichste Stiftung Berlins". — einen Begriff davon machen, mit welchen Schwierigkeiten der Vorstand in den ersten 20 Jahren zu kämpfen hatte. I 1838 hatte die Anstalt Korporationsrcchte erhalten, indeß erst am > 6. Juli 1852 traten die Waisenhäuser in den Genuß der ersten i größeren Schenkung von 16,000 Thalern, welche „ein Ungenannter" noch bei Lebzeiten gestiftet hatte. Ebenso edel wie die Gabe war das Motiv des ungenannten Spenders, der dem Vorstand Folgendes mittheilte: „Was nrich zu diesem Schritt bewegt, ist das Bedürfnis;, auch für meine Nebenmenschen etwas zu thun. Meine ganze Kindi heit, zum Theil mein Jiinglingsalter, habe ich unter Kummer und; Sorgen aller Art verlebt; ich habe ein Geschäft betrieben, das viele 1 kostspielige Versuche erforderte, die oft inißlangen, habe Reisen machen, mit einem Wort, viel arbeiten müssen. Ich will meine verlorene , Jugend, welche in der Geschichte meines Lebens ein Blatt der wehinüthigsten Erinnerung ist, armen Waisenkindern dadurch zu Gute kommen taffen, daß ich sie Ihrem Hause, wo sie i hre Jugend froh : u ndheiterwiei m e l t e r l i ch en H a u s e v e r l e b c n, anvertraue." Von dieser schlichten Art der Wohlthätigkeit legen sännntliche Jahres- , berichte der Auerbachschen Anstalt noch heute Zeugnis; ab. Von dem! 20. Bericht, in dem die obige Mittheilung enthalten ist, sagte eine öffentliche Stinune indes; nicht mit Unrecht, derselbe sei kein Bericht, sondern : ein Buch, das in Beziehung auf eine bekannte Schrift von einem andern Anerbach den Titel führen könnte: „Edle Stadti geschichtcn". „Es kommen Geschichten darin vor, welche zeigen, daß der Wvhlthätigkeitssinn nicht eine bloße edle Befriedigung des Miti leidsgesühls suche, sondern durch die erhebendste Zartheit getragen > wird." Als die Anstalt noch mit den Drangsalen zu kämpfen hatte, welche jedes Entstehen begleiten, wurde sie eines Tages von dem damaligen Polizciminister v. Braun besucht. Erfreut über die Ordnung, sagte er zu dem Stifter der Anstalt, wie dieser erzählt: „Aber, lieber Auerbach, woher Haben Sie dies Altes genommen?" „„Alles erbettelt, Excellenz!"" Wie sehr haben sich seitdem die Verhältnisse z» Gunsten der Anstalt geändert! Mußte doch »och Major Burg de» Aufruf unterzeichnen, in dem zum Ankauf de? Grundstücks (dasselbe kostete 36,000 Thlr.f um milde Gaben gebeten wurde, weil Niemand damals ein so zahlreiches Personal in Miethe nehmen wollte. Heute werden de» Anstalten die Mittel unter den zariesten : Formen freiwillig zugewendet. Ans dem Hinterhause einer engen Gasse war die Kuabenanstatt in die freundlich n Räume des neuen Hause?, mit sauberem Hof und einem Garten versetzt, der dem frohen Jubel der Kinder . Raum bot. Das noch heute von der Anstalt benutzte Gebäude in der stattlichen Oranienburgerstraße, die damals eine der geräumigsten Straßen des alten Berlin vorstellte, ist seitdem durch An- und Neubauten wesentlich vergrößert worden. Im Jahre 1843, also vor nunmehr 50 Jahren, dehnte Auerbach seine Fürsorge auch auf i die weiblichen Waisen aus. Auch diese, in demselben Gebäude heute; befindliche Mädchen anstatt, welche nur mit 2 Zöglingen eröffnet i werden konnte und am 20. April 1843 Korporationsrechte erhielt, j hat sich vorzüglich entwickelt. Ein einfacher Handwerker, der Färber-! meister Bernhard Wolffenstei», spendete als ersten Beitrag zum Fond! die Summe von 5000 Thalern. Ein Neubau zur Erweiterung der! Knabenaustalt wurde im Jahre 1866 dadurch ermöglicht, das; ein j edler Mann, welcher kinderlos starb, L. Jonas, fast sein ganzes Vernwgen — 120,000 2Haler — den Waisen und ihrer Erziehungsi stritte vermachte. Im Jahre 1881 schloß sich Hiera» der Neubau zur Erweiterung der Mädchenaustalt uni 16 Stelle». Während die ' Knaben jetzt sännntlich die höheren Lehranstalten besuchen, nach ihrem Ausscheiden in der Berufswahl bis zur Begründung ihrer Setbsti ständigkeit gefördert werde», bleiben die Zöglinge der Mädchenanstalt, i auch wenn sie die Schule bereits verlassen habe», »och so lauge im ' Hanse, bis sie erwerbsfähig geworden sind. Im Ganzen sind von