Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1893)
- Date
- 1893-01-20
- Page
- Seite 32 (sequence 10)
- Language
- German
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32 „Das geschah Dir Recht," rief der Verwalter, „der Wolf hat immer Andere gefressen, es ist nun die Zeit gekommen, wo man ihn anffrißt. Haben diese Leute wenige Häuser zerstört! In Kowno haben die Verdammten sogar eine Spiritusfabrik in Brand gesteckt!" Ruhig, ohne einen Zug seines Gesichtes zu ändern, sagte Gedalja: „Ich habe mein Haus nicht angeziindet!" „Weil Du keine Gelegenheit dazu hattest; ich bin überzeugt, das; auch Du so handeln würdest, wie es die Andern gethan haben." „Nein, das thäte er nicht," widersprach Korejba, „ich kenne ihn sehr gut und weiß, was für ein ordentlicher Manu er ist. Was macht Deine Frau Mirjam? Hat sie noch den Laden?" „Sie ist todt - «Fortsetzung folgt.) d Bas Suerbachsche Waisenhaus. Von M. Friedeberg. Die Baruch Auerbachsche Waisen-Erziehungsanstalt für Knaben, aus der die unter dem Protektorat der Kaiserin Friedrich stehenden Waisen-Erziehungsanstalten für jüdische Knaben und Mädchen hervorgcgangen sind, wurde im Jahre 1833 begründet; sie blickt in diesem Jahre auf ein sechzigjähriges Bestehen zurück. — Ein Rückblick auf die Zeit der Gründling der Stiftung und die Lebensgeschichte des Begründers dieser Anstalten gewährt nicht nur einen wichtigen Anhalt für die Geschichte der Berliner jüdischen Gemeinde, sondern auch interessante Erinnerungen aus halbvergangener Zeit. — Als Barnch j Auerbach seine Studien an der Berliner Universität vollendet hatte, i empfahl ihn der Kultlisminister v. Altenstein an den Minister des Innern, v. Schuckmann, behufs Ertheilung des preußischen Staatsbürgerrechtes. Auerbach, der im Jahre 1826 vom Vorstand der Gemeinde znnl Mitglied einer Kommission zur Beaufsichtigung des jüdischen Schulwesens ernannt wurde, erzählt über die bei seinem Abgang von der Universität erlangte Audienz bei dem Miuister. „Derselbe nahm mich sehr freundlich auf und unterhielt sich lange mit mir über verschiedene Gegenstände. Mit einem Male brach er ab und sagte: „Vergessen wir nicht die Hauptsache. Im Vertrauen gesagt: ich lese in den Akten Ihren Vornamen Baruch. Ist er Ihnen nicht etwa unangenehm? Wählen Sie sich den schönst klingenden christlichen Vornamen, ich will ihn statt Baruch in Ihren Staatsbürgerbrief eintragen lasien." Die Antwort Auerbachs verdient weiteren Kreisen bekannt zu werden, weil sie uns dieses Philanthropen ausgezeichnetste Eigenschaft, die Charakterstärke zeigt, dieselbe Tugend, welche ihn auch bei der Gründung des Waisenhauses über Verkennung und offene Feindschaft hinweg zum edlen Ziele führte. Der junge jüdische Schulamtskandidat hörte dem Minister ruhig zu und erwiederte: „Ew. Exzellenz überschütten mich mit Ihrer Gnade. Aber ich möchte meinen Namen Baruch beibehalten." Ueberrascht wollte der Minister seine Gründe hören. „Abgesehen davon, sagte er, daß der Name Baruch ein biblischer ist, daß diesen Namen ein edler Schüler des Propheten Jeremias führte, daß er „Gesegnet" heißt, abgesehen davon, daß einer der größten Philosophen meiner Glaubensgenossen, Spinoza, ihn geführt und ihn nur latiuisirt hat (Benedictus), — abgesehen von allem dem will ich den Namen heibehalten, weil ich gegenwärtig (als ein erst von der Universität Entlassener) noch gar nichts bin, werde ich in der Folge etwas leisten, so werde ich einen echt jüdischen Rainen zu Ehren gebracht haben." Sehr bald schon sollte Baruch Auerbach, nachdem er im Jahre 1829 die jüdische Gemeinde-Knabenschuie als tüchtige Volksschule eingerichtet halte, zeigen, daß auch er ein „Gesegneter" war. Die traurige Lage der seine Schule besuchenden Waisenkinder erregte sein Mitleid. Die Waisenpflege lag damals noch sehr im Argen. Auerbach trat in Verbindung mit dem Vorsteher der „Civil- Waisenversorguugsanstalt" iu Potsdam, v. Türk, der ihm am Sylvesterabend des Jahres 1826 schrieb: „Ueberall giebt es edle, wohlwollende Menschen, die gern jedes gute Werk fördern, sei es mit Geld und Gut, sei es mit ihrer Zeit, mit ihren Kräften oder mit ihrem Rathe, wenn ihnen nur die Gelegenheit dazu dargeboten wird." — Baruch Auerbachs großes Verdienst ist es, daß er in der jüdischen Gemeinde vor nunmehr 60 Jahren diese edlen Menschen für sein Werk zu begeistern verstand. Die Mutter von Meyerbeer und Michael Beer, Amalie Beer, spendete als Erste einen namhaften Beitrag zur Ausführung der Idee des Stifters, daß, wenn Jemand durch Umstände verhindert sei, die Jahrzeit seiner Lieben zu begehen, dieselbe iu der Anstalt durch Anzünde» des Jahrzeitslichtes und Verrichtung des Kaddischgebetes durch einen Waisenknaben begangen werde. Amalie Beer, welche damals gerade ihren Sohn, den Dichter des „Paria", Michael Beer (gestorben in München am 22. März 1833), durch den Tod verloren hatte, war von dieser Idee, nachdem sie bereits früher das Amt einer Ehrenmutter übernommen hatte, so tief ergriffen, daß sie dem Waisenhause einen jährlichen Beitrag von 300 Thalern spendete, zur Feier der Jahrzeit ihres Sohnes. Des Dichters Michael Beers Jahrzeit war die erste, deren Feier iu einem Berliner jüdischen Waisenhause für ewige Zeiten begründet wurde. Tie vier Waisenkinder, mit denen Baruch Auerbach seine Anstalt eröffuete, besuchten dann alljährlich die Beersche Familiengruft auf dem jüdischen Friedhofe in der Schönhauser Allee und verrichteten vor der Erinnerungstafel Michael Beers die üblichen Gebete für sein Seelenheil. In der jüdischen Gemeinde waren vor 60 Jahren die meiste» angesehenen Gemeindemitglieder den religiösen Gebräuchen und so auch der Jahrzeitfeier vollständig entfremdet. So war es nach zwei Seiten von Bedeutung, daß Auerbach fast jede Woche, nachdem er die von ihm verfaßte Liturgie einer Jahrzeitseier dem damaligen Rabbinatsverwalter I. Oettinger und dem Rabbinatsassessor E. Rosenstein zur Genehmigung vorgelegt hatte, Gaben mit der Aufforderung erhielt, die Jahrzeit theurer Angehöriger in der Anstalt feiern zu lasten. Heute haben die hervorragendsten Mitglieder der jetzigen Gemeindc bereits bei Lebzeiten die dereinstige Feier ihrer Jahrzeit in der Anstaltssynagoge angeordnet. Es brennt eine Kerze 24 Stunden im Betsaale, und ein Waisenknabe verrichtet das Kaddischgebet. Die Angehörigen werden rechtzeitig von dem Datum uud der Stunde der Feier benachrichtigt, damit sie sich an dem Gedenkgottesdienst betheiligen können. Baruch Auerbach verkehrte nicht nur in den Häusern von Amalie Beer, Bendemann und David Friedländer, sondern auch bei Frau Elise v. d. Recke, bei Tiedge, Schadow, Zelter und Marheineke. Auerbach hatte nicht die Absicht, ein Waisenhaus zu gründen, in welchem elternlose Kinder nur vor Mangel geschützt und nothdürftig herangebildet werden, sondern er wollte seinen Pfleglingen das Elternhaus möglichst ersetzen. Uni an großen Vorbildern zu lernen, besuchte er im Jahre 1835 die bedeutendsten Schul- und Erziehungsanstalten Deutschlands. Welche Bedeutung das Institut für die Humanitätsbcstrebungen des Berliner Judenthums zu jener Zeit in sympathisirenden Kreise gehabt hat, ersieht man aus einer längeren Ausführung, die sich bei Varnhagen v. Ense (Denkwürdigkeiten N. F. Hl, 533) findet. Der gesprächige Gatte Rahels schreibt: „Mit antheilsvoller Aufmertsamkeit folge ich seit längerer Zeit den Fortschritten der im Schooß der hiesigen jüdischen Gemeinde hauptsächlich durch den Eifer des Herrn B. Auerbach gegründeten Waisen-Erziehungsanstalt. Der echt menschenfreundliche Sinn, der sich hier ausspricht, die Sorgsamkeit der Aufsicht und Pflege, die Zweck-