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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-01-20 · Heft 3 (20.1.1893) · p. Seite 31

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 3 (20.1.1893)
Date
1893-01-20
Page
Seite 31 (sequence 9)
Language
German
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31 Jetzt stimmte auch der Verwalter mit ein; er warf dem Juden; verächtliche Blicke zu und wiederholte spöttisch seine Worte: „Er wollte nur sehen, ob zwischen den Erbsen keine Rubel wachsen." „Ja, wahr ist es, daß ich die Erbsen gegessen habe," sagte der Jude heiser, „ja, das ist wahr, — aber nicht gestohlen." „Glaubst Du denn, Du alter Narr," hörte man wieder die stimme Korejbas, „daß ich deshalb meine Felder bearbeite, damit jeder Herunitreiber meine Arbeit verzehren soll? — Warte, — das lleibt Dir nicht geschenkt — den Schaden mußt Tu bezahlen — sonst verklage ich Dich." Noch tiefer verbeugte sich der Jude. „O," seufzte er, „das wird : ier gnädige Herr nicht thun. — Er wird es dem alten Gedalja verzeihen. — Hundert Jahre soll der gnädige Herr dafür leben. — .ich ging nur nach Sumna, um dort beim Schankwirth zu übernachten, sah aber auf dem Wege die Erbsen. — Sie wachsen noch io am Wege. — Warum wachsen sie auch so am Wege — und wie viel habe ich denn gegessen? — Ach, so wenig." Spöttisch lachte der Verwalter wieder und glaubte dadurch die! Aufmerksamkeit des Mädchens auf sich zu ziehen, welchem er unauf-! örlich verliebte Blicke zuivarf. „Also nicht viel zu stehle» erlaubt Eure Religion. Was?" fragte den Juden. Da flammte cs auf in den Blicken Gedaljas; er liß seine; Appen zusammen, senkte dann wieder seine Augen zur Erde, und nicht Tomkewitsch sondern Korejba antwortete er: „Heilig ist unsere "Religion — und streng verbietet sie zu stehlen!" Noch leiser fügte er inzu: „Ich — ich habe die Erbsen gestohlen, weil — weil ich Hunger wüte! . . ." „Warum hast Du nicht um Erlaubniß gefragt. Warum hast Lu Dir allein genommen, was nicht Dein ist. — Auch der Hunger ertheidigt Deine schlechte That nicht," schrie wieder Korejba. „Weißt Du, Jude," spottete Tomkewitsch weiter, „daß die Erbsen reife waren?" Die fahlen Lippen Gedaljas bewegten sich unruhig; es schien, As ob die Worte des Spötters ihn tief berührt hätten. Die Stirn unzelte sich unter dem grauen Haar, und sein Blick war immer der Erde zugewendet. Plötzlich richtete er sich, so weit es ihm unter der Last möglich war, empor, und sagte das erste Mal laut: „Was treife ist. weiß air ich — davon gebe ich einst Rechenschaft. Auch der Rabbiner, nenn er Hunger hat, einen langen Weg geht und solche schöne Erbsen sieht, würde etwas davon genießen, uni die Qual des Hungers u stillen." Aus diesen Worten hörte man die Qual des Hungers heraus, ae den Armen gepeinigt hatte, bevor er das Verbotene nahm. Niemand lachte jetzt mehr; im Gegentheil, die Gesichter der tanzen Familie Korejbas wurden ernst, nur der Verwalter hatte Lust, weiter zu spotten; als er aber sah, daß Hedwig langsam ihren tzlatz verließ, dem Kamine sich näherte und mit verwunderten miteidigen Blicken den Juden ansah, wurde auch er still. „Bist Du denn wirklich so arm geworden, Gedalja?" fragte Korejba milder, „es sind zwar schon zehn Jahre her, seit ich Dich das etzte Mal sah, doch ich weiß noch sehr gut, daß Du in Wolpe als wohlhabender Mann lebtest." „Ich bin wahrend dieser Zeit sehr arm geworden, gnädiger Herr." „Ja, das sollt Ihr ihm glauben," schrie Tomkewitsch, der sich j Acht länger halten tonnte. „Arm ist er? Wer von ihnen ist arm? Alle haben sie Geld; denn sie saugen wie Blutigel die Menschheit : aus. Ich kann mein Ehrenwort darauf geben, daß auch der da seine; Armuth uns nur vorlügt!" ' Langsam, ohne Aerger, wendete Gedalja sein Gesicht dem Spötter zu und sah ihn traurig au. Der Stock entglitt seinen Händen; dann wandte er den traurigen Blick vom Verwalter gen Himmel, und als ob ihm Luft fehlte, öffnete er seinen zerrissenen Rock, unter welchem ein zerlumptes aber reines Hemd hervorsah. Er hustete trocken und heiser und preßte die dürre Hand gegen die schmerzende Brust. „Wie schmutzig er aussieht," sagte wieder der Verwalter, der vor Ekel auf die Erde spuckte. Frau Korejba kehrte ihr blaffes Gesicht dem Feuer zu, Korejba klopfte unruhig mit den Fingern auf den Tisch, nur Janek fragte mit seiner kindlichen Stimme: „Warum nehmt Ihr die schwere Last nicht herunter, sie drückt ja Eure Schultern?" Höhnisch lachte Tomkewitsch: „Wie einfältig der Junge ist, „Ihr" sagt er zu dem Juden. Ich lebe nicht seit heute, habe aber noch nie gehört, daß man zu solchen Herumtreibern „Ihr" sagt." Es scheint ja, Janek, daß Sie in der Stadt die verkörperte Höflichkeit geworden sind?" Stolz wandte der Junge sein rothes Gesicht dem Verwalter zu: „Wie es scheint, Herr Tomkewitsch, sagte er, haben Sie noch Vieles nicht gesehen und gehört, aber alle Civilisirten wissen es schon seit langer Zeit, daß man gegen Jede» höflich sein müsse! „Still, Janek," unterbrach etwas barsch der Vater, aber gleich darauf sagte er zu Gedalja ruhig: „Nun, Gedalja, thue doch den Willen des jungen Herrn und lege Deinen schweren Packen ab." Eifrig sing jetzt der alte Jude an die Schnüre, mit denen er den Packen befestigt hatte, zu lösen; es ging aber nicht so leicht, wie er glaubte; die Hände zitterten ihm, und er seufzte iinmerfort. „Hilf ihm doch, Hedwig," sagte Janek. Im Nu waren die etwas rothen Hände des jungen Mädchens mit dem Losbinden des Packens eifrig beschäftigt, und das war keine leichte Sache, denn die Schnüre waren vielfach um die Schultern und den Hals des Juden gewickelt. Der Verwalter war dunkelroth vor Zorn. „Na, das fehlte noch," rief er, „daß Fräulein Hedwig ihre hübschen Händchen in Berührung mit diesen Lumpen bringen sollte, das ist doch zu viel!" „Bitte sich weiter um meine Hände nicht zu kümmern," antwortete das Mädchen, „wenn ich sie beschmutze, so kann ich mich waschen, um das Wasser dazu werde ich gewiß nicht bei Ihnen bitten." „Was habt Ihr denn eigentlich hier in dem Sack," fragte Fra» Korejba in ihrem ruhigen Tone, „Ihr geht doch nicht etioa betteln?" Gedalja verneinte mit dem Kopf: „Ich bettle nicht;" sagte er. „Was habt Ihr denn hier?" „Ich bin Hausirer und gehe von Hof zu Hof, von Dorf zu Tors, um meine Waare zu verkaufen." „Daß Du aber so arm geworden bist!" jagte Korejba. „Ich erinnere mich ja deutlich, daß Deine Frau in Wolpe einen Laden mit Salz, Eiseinoaaren und verschiedenen Kleinigkeiten hatte. Auch warst Du damals Besitzer eines kleinen Häuschens und hattest ein eigenes Fuhrwerk. Ich weiß ja noch genau, daß ich, ivenn ich »ach Wolpe kam, bei Deiner Frau oft gekauft habe. Eine schöne uiib kluge Frau war Deine Mirjam. Erinnerst Du Dich, wie Du mich mit Deinen Pferden bis nach Stonim zu meinem Vetter gebracht hast? Was ist ans Dir so plötzlich geworden?" Jetzt stand Gedalja aufrecht; aus seinem Gesichte lag die Sicherheit, daß ihn hier nichts Urbles treffen würde, und er antwortete ruhiger als bisher. „Was? — Gott wollte, daß cs so kommen sollte! Er schickte ein Feuer und das verbrannte inein Haus." „Das ist aber ein Unglück," sagte Korejba, „schade um das niedliche Häuschen."

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