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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-01-20 · Heft 3 (20.1.1893) · p. Seite 30

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 3 (20.1.1893)
Date
1893-01-20
Page
Seite 30 (sequence 8)
Language
German
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30 Einen eigenthümlichen Standpunkt nimmt wieder Gabirol ein. Einen Urstoff anzunehmen, widerspricht dem Begriffe der göttlichen Allmacht. Die Welt aus Nichts hervorgehen zu lassen, ist ihm unphilosophisch. Da es hier doch nur ein Entweder — Oder giebt, sah j sich Gabirol zur Aufstellung eines Systems genöthigt, das wohl scharfsinnig, auch logisch durchgeführt ist, aber doch der klaren, sicheren Grundlage entbehrt. Gott ist die Ursubstanz, in dieser wirkt schöpferisch der göttliche Wille. Der Wille wieder enthalt potenziell alle denkbar möglichen Wesen, die ihm entströmen, wie die Strahlen dem! Lichte. Zunächst entströmen die rein geistigen, dann nach verschiedenen Abstufungen die körperlichen Wesen. Wenn nun dem System Gabirols nicht klar zu entnehmen ist, j ob er die Welt als aus Nichts geschaffen betrachtet, oder sie aus einem! Urstoff entstanden hcrvorgehen läßt, so darf man doch annehme»,! daß er dem ersteren zuneigt. Denn mit der Annahme, daß dem > Willen die Kraft inne wohnt, „aus dem Nichts das Sein zu bilden"'), j ist die Schöpfung aus Nichts zugestanden. Wille, Ursubstanz, Gott, j sind doch die Ringe einer Kette, die nur gedanklich geschieden, in Wirklichkeit aber ein und dasselbe sind. Gott ist ihm doch die Ursubstanz. und der Wille kann unmöglich vom Wesen Gottes getrennt werden. Gabirol hat also doch, wenn auch auf Umwegen, mit Aufführung eines philosophischen Apparates, den gläubigen Standpunkt einer Schöpfung aus Nichts vertreten. Grätz-) irrt, wenn er Gabirol vorwirft, daß seine Ausstellungen mit den Lehren des Judenthunis nicht i» Uebereiustimmung seien. Ueber den eigen gearteten Standpunkt, den Jehuda Halevi einnimmt, ist schon oft genug berichtet worden. Seine in sich harmonische Denkweise weist den Kampf zwischen philosophischem Denken und Glauben von vornherein ab. Die Aufstellungen der heiligen Schrift bedürfen des Beweises nicht. Sie stehen fest, da sie auf Thatsachen beruhen. Mit diesen Thatsachen mag sich der Verstand auseinandersetzen; sie leugnen oder nur bezweifeln darf er nicht, weil sie! vielfach bewiese», von Millionen Menschen bezeugt werden. So ist die Existenz Gottes durch die Offenbarung erwiesen, weil ein ganzes Volk für dieselbe Zeugenschaft ablegt, das sich wohl nicht habe täuschen lasten. In derselben Weise werden von Jehuda Halevi andere Fragen l behandelt, wie die Einigkeit Gottes, sein Verhältniß zur Welt, deren Schöpfung aus dem Nichts u. s. w. Es ist der sichere biblische Standpunkt, den er einnimmt. Am Wort der Bibel darf nicht gemäkelt werden. Philosophische Anschauungen in die Schrift hineinzutragen, gehe nicht an. Das Wort der heiligen Schrift ist, weil auf Thatsachen beruhend, unveränderlich wahr, während philosophische Anschauungen ungewiß sind und wechseln. Demgemäß ist auch seine Bibelexegese frei von jedem Zwang und jeder Künstelei. Da er es nicht nöthig hatte, Sätze oder Abschnitte mit den herrschenden philosophischen Ansichten in Einklang zu bringen, konnte sich seine Exegese mit dem einfach Gegebenen beschäftigen und Wort und Sinn in ihrer natürlichsten Bedeutung nehmen. Das Gejagte zusammenfassend, darf behauptet werden, daß die in dem Zeiträume vom Ende des 9. bis zum Ende des 12. Jahrhunderts lebenden Religionsphilosophen ihre beste Kraft daran setzten, den Glaube» mit dem philosophischen Denken in Einklang zu bringen. Sie versuchten cs, wie vielfach bereits bemerkt, auf dem Wege der Exegese. Sie zeigten das Bestreben, diese von der Allegorie loszulösen. Bei den meiste» der Genannten hatte dieses Bestreben Erfolg. Nur der ebenso geistestiefe wie phantasievolle Gabirol verfiel wieder in dieselbe. Seine Kraft war seine Schwäche. Die Kraft seiner Phantasie zog ihn unwillkürlich in den Strudel der Allegorie. Da er jene nicht be- 0 Königskrone, -i Geschichte Bd. <J >>. 47. herrschen konnte, unterlag er. Ta das Ueberwinden der allegorischen Auslegung als ein Fortschritt auf dem Gebiete der Exegese betrachtet werden muß, Gabirol sie aber nicht zu überwinden vermochte, möchten wir ihm nicht jenen Platz in der Entwickelung der Exegese einräumen, de» er zeitlich einnimmt. Zeitlich folgt Gabirol Saadja.LDer Art seiner Auslegung nach müßte er lange vor Saadja gesetzt werden. Es zeigt sich dabei, daß auch auf dem Gebiete der Exegese die fortschrittliche Entwickelung keine gradlinige ist. Diese Erscheinung tritt uns nicht nur in jenen Jahrhunderten entgegen, wir begegnen ihr auch in viel.spüterer Zeit. Das Bestreben, das Wort der Schrift seinem einfachen, erhabenen Sinne nach zu erklären, ist nicht immer eingehalten worden. Die folgenden Jahrhunderte zeigen uns auf diesem Gebiete einen bedauernswerthen Rückschritt. Die Allegorie lebt wieder auf. Sie trägt aber nicht mehr das Gepräge der Bildung wie zur Zeit Philo's. Erzwungene Deutungen, Spielen mit Buchstaben, Wörter nach vorn und rückwärts lesen, ihren Zahlenwerth bemessen — wird als Schriftauslegung ausgegeben. Diese Deutungsweisen fließen in einander. Nach Bedürfniß wird die eine oder die andere hervorgeholt, oder sie werden auch mit einander verbunden. Daß dies Alles einen Rückschritt bedeutet, kann Niemand leugnen. Den Weg aber, den die Exegese zu gehen hat, haben die behandelten Religionsphilosophen in großen Zügen gezeigt. Wir schließen mit den Worten, mit denen auch Bacher sein Vorwort schließt: „In dem Glauben an den göttlichen Ursprung des religiöseir Inhaltes der heiligen Schrift, aber auch im Erkennen der Nothwendigkeit, an die heilige Schrift den Maßstab der Vernunft zu legen, können und sollen wir auch heute uns von ihnen leiten und bestärken lasten."? FEUILLETON Gedalfa. Eine Dorfgeschichte von Elise Orszeszko. - (Fortsetzung.) Ohne ein Wort herausbringen zu können, bewegte der Arme einige Mal seine blaffen Lippen.... doch vergebens. Erst nach einer Weile sprach er heiser, indem er sich ehrfurchtsvoll vor dem Herrn neigte: „Ja, gnädiger Herr, — ich — ich bin Gedalja von Wolpe, — derselbe, bei dem Sie so oft Salz und Eisen gekauft haben, — derselbe, der das hübsche Fuhrwerk, — die schönen Pferde hatte. — Sie — Sie, gnädiger Herr, Wissens wohl — o . . o . . o." Ruhiger blickten seine Augen lind traurig nickte er mit dem Kopfe. Korejba setzte sich langsam wieder an den Tisch. „Schön hast Du Dich herausgearbeitet," sagteer, „ein Strolch bist Du geworden — auf fremden Feldern gehst Du stehlen!" — Der Jude legte seine dürre Hand auf die Brust und antwortete : „Nein, gnädiger Herr — ich habe nicht gestohlen, fern ist von mir ein solcher Gedanke, ich bin kein Dieb." „Was hast Du denn gethan?" — rief Stefan, sich schnell emporhebend, in der einen Hand den vollen Teller haltend, mit der andern ihm drohend: „Was hast Du denn gethan?" wiederholte er. Du Strolch — Du Lügner — habe ich Dich nicht bei den Erbsen ertappt. — Was? ..." „Ich bitte den jungen Herrn um Verzeihung — ich wollte Sie nicht ärgern. - Nein, ich habe die Erbsen nicht gestohlen!" „Was denn war das?" schrie jetzt wieder der alte Korejba.

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