Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1893)
- Date
- 1893-01-20
- Page
- Seite 27 (sequence 5)
- Language
- German
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Die Schule „Trud", an deren Spitze tüchtige Lehrer in allen erforderlichen Fächern stehen, bereitet jährlich Hunderte von brave» Bürgern und Arbeitern vor. Sämmtliche Schüler werden mit Kost und Kleidung versehen, und nach Beendigung ihres Studiums tragen die Verwalter dieser Schule sogar Sorge für sie, bis sie sich eine Existenz verschafft haben. Solche Handwerker, wie die „Trud" entläßt, brauchen aber nicht lange zu suchen, bis sie Arbeit und Beschäftigung haben. Verschiedene Gemeinden im russischen Reiche ahmten das gute Beispiel nach und eröffneten Schulen für jüdische Handwerker, wo die Schüler dabei auch eine gute religiöse Erziehung genießen. Solche Schulen sind jetzt in Warschau, Dünaburg, Wilna, Minsk rc. von Schülern überfüllt. Auch in den kleinen Städten, wo der Fanatismus noch stark herrscht, wo Viele von der alten Generation das Handwerk noch als Erniedrigung betrachten, auch dort sind solche Schulen keine Seltenheit mehr. ' Die Handwerkerschule in dem kleinen Städtchen Molodezni, Gouvernement Wilna, wie in der Kreisstadt Swerziani, sind voll besetzt, und wie in Odessa so werden in den oben erwähnten Städten die armen Schüler mit Kost, Wohnung, Kleidung frei gehalten. Unter den Schülern sind aber nicht wenige, die selbst zahlen, denn auch wohlhabende Leute unterlassen es nicht mehr, ihre Söhne in solche Schulen zu schicken. In sogar Mädchenschulen, wo in verschiedenen Arbeiten, wie Rahen, und Blumenbinden :c., unterrichtet wird, floriren seit Jahren in Warschau, Wilna, Minsk w. In der Stadt Disna, Gouvernement Wilna, besteht seit 1887 eine solche Schule, welche 80 Schüleriunen jährlich aufnimmt; jetzt ist dort auch eine Knabenschule »ach gleichem Muster eröffnet worden. Sogar eine Ackerbauschule versuchte die Odessaer Gemeinde zu gründen, was ihr auch vortrefflich gelang. Schade, daß diese für den Ackerbau vorbereiteten Jünglinge späterhin einen fremden Boden zu bearbeiten gezwungen sein werden, da sie in Rußland, wie bekannt, ihre Arbeit nicht frei ausüben können. Auch eine Handwerkerschule für Waisen wird bald in Odessa aus dem Legat Leon Finkelsteins (50,000 Rubel) errichtet werden. Der Verstorbene, dessen Tod allgemeine Theilnahme erregte, hat fast sein ganzes Vermögen von 800,000 Rubeln zu wohlthätigen Zwecken hinterlassen. Was Mittel- und Volksschulen anbetrifft, so ist ihre Zahl sehr groß. Seitdem die Pforten der höheren Schulen für die Juden geschlossen sind, wächst die Zahl der jüdischen Mittel- und Volksschulen mit jedem Jahr, ja mit jedem Monate. Da die Lehrer derselben, sämmtlich Juden, von der Regierung anerkannt sind, so werden die Schulen privilegirt und Zeugnisse derselben geben auch Privilegien für den Militärdienst. Das Lehrermaterial für diese Schulen liefert das jüdische Lehrerseminar in Wilna. Dieses Seminar ist jetzt aber nicht mehr im Stande, alle Anfragen zu genügen. Cs wäre sehr wünschenswerth, wenn es möglich wäre, dasselbe zu vergrößern, oder das in Zitomir von der Regierung vor mehreren Pahren geschlossene Seminar vom Neuem zu öffnen. Die jüdischen Seniinaristen werden, gleich den christlichen, die ganze Zeit frei gehalten, mid bei deni Antritt einer Schullehrerstelle als königliche Beainte betrachtet; sie sind auch militärfrei. In Odessa und Warschau bestehen 'eit Jahren jüdische Handelsakademien, die stark besucht werden. Odessa gatte eine Zeit lang sogar ein jüdisches Gymnasium, dessen Leiter öer verstorbene Magister und Rabbiner Jonas Gurland war. 1 Man kann jetzt mit aller Bestimmtheit sagen, daß es keine einzige : Stadt in Rußland giebt, selbstverständlich, wo der Aufenthalt den , Juden gestattet ist, welche keine Schule hätte. Und alle Schulen! sind von Knaben und Mädchen überfüllt. Die „Chedarim" sind in I manchen Städten ganz und gar verschwunden, so daß man ihren i Namen nur vom Hörensagen kennt, und auch in den übrigen Städten,! wo der „Melamed" noch lebt, neigen sie schon dem Untergänge zu. Die Zeit der „Melamdim" ist vorüber. Keiner, der die schrecklichen Erfahrungen, im „Cheder" in seiner Jugend selbst dürch-; gemacht hat, hat die Neigung, seine Kinder nach dem „Cheder" zu schicken. Auch die Regierung hat einen Schritt zur Beschränkung der „Chedarim" gethan; während früher Jeder ohne jegliche Bewilligung „Melamed" werden und in jedem Loch sein „Cheder" einrichten! konnte, bemüht sich jetzt die Regierung, die Gründung eines „Cheders" i zu erschweren. Der „Melamed" muß der Zahl der Schüler ent- : sprechend einen angemessenen Raum zum Unterrichte habe», derselbe darf auch keine Privatwohnung sein; aber auch die Zahl der Schüler! wie auch die Stunden für Unterricht werden begrenzt. Viele „Chedarim",in denen gegen die neuen Gesetze verfahren wurde, sind bereits geschlossen und die „Melamdim" werden sich noch vor Gericht zu rechtfertigen haben. An Stelle der „Melamdim" werden jetzt gebildete Lehrer zur Erziehung der neuen Generation herangezogen. Die Regierung erkennt die Leistungen solcher Lehrer vollständig an und giebt ihnen durch mannigfache Auszeichnungen ihre Zufriedenheit kund. So sind jetzt die Lehrer: Paßirno in Plozk, Sachs in Warschau, Gottesmann in Proskurow, Gouvernement Podolien, mit silbernen Medaillen dekorirt worden. Diese Woche verstarb in Mir, Gouvernement Minsk, der berühmte und scharfsinnige Rabbiner Jom Tow Lippui a un, dessen Name bei den russischen Juden hochangesehen war. Der Verstorbene »ahm an den Rabbinerkongreffen in Petersburg Theil und war ein eifriger Vertreter der Orthodoxie. Vor einigen Jahren unternahm er eine Reise nach Frankfurt a. M., um mit dem dortigen Rothschild über die Emigration nach Palästina Rücksprache zu nehmen, jedoch ohne Erfolg. Lippmann erreichte ein hohes Alter und wurde von seiner in die Lage gesetzt, sein Leben sorglos und ruhig genießen können. Jz. Börsel. U MeProtzen". In den zahlreichen „Bekenntnissen" und „Auseinandersetzungen", die der Antisemitismus hervorgerufen hat, wird bei den angeblichen Schäden, die wir Juden offenbaren sollen, das „Protzenthum" stets als der hervorragendste genannt. Ja, manche Broschürenschreiber, wie z. B. der Verfasser der in den letzten Tagen vielgenannten Schrift: „Schutzjuden oder Staatsbürger", sehen in dem „genußgierigen Protzenthum, in der geschmacklosen, aufdringlichen Putzsucht", die sich unter den Juden breitmache, die hauptsächlichste Ursache der Ausbreitung des Antisemitismus. Was man unter „Protzenthum" versteht, darüber brauchen wir nicht lange nachzugrübeln: Jeder, der in der Absicht, gesehen, bewundert — und beneidet zu werden, in geschmackloser Weise seinen Reichthum prahlerisch Jur Schau trägt, gehört zu der Kategorie der Protzen. Nun läßt es sich nicht leugnen, daß der Reichthum in manchen jüdischen Kreisen eine größere Bedeutung hat, als ihm znkonunt, daß dieser Reichthum auch zuweilen in prahlischer Weise den Mitmenschen vor Augen gestellt wird; aber die Ursache für diese Erscheinung ist