Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1893)
- Date
- 1893-01-20
- Page
- Seite 26 (sequence 4)
- Language
- German
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26 Briefe aus Paris Von I. Singer. Wir stehen hier ohne Zweifel unter dem Zeichen der Revolution. Die (fmgiiiffe, die sich seit schier zwei Monuten mit geradezu fieberhuster Beschleunigung vor uiifercu erstaunten Augen abspielen, sind ivahrscheiulich die Vorläufer einer großen gesellschaftlichen Umwälzung. Wer, wie ich dein am 3. Januar von Marquis v. Moros und dem ganzen Generalstabe der hiesigen antiseinitifchen Partei veranstalteten großen Meeting in Tivoli-Baurhall beigewohnt hat, der tau» sich der Erinnerung an die uns von der Geschichte überlieferten Seeneu des Konvents nur schwer erivehren. Es kann hier nicht meine Ausgabe sein, den vor Allem heut angetlagten Parlamentarismus zu vertheidigeu. Nur so viel sei gesagt, daß wir Juden diesem verfassnngsniäßigen Wahrer der politische» Freiheiten der Völker zum großen Theile die Verbürgung unserer schtver genug errungene» Rechte verdanken. Bildung und Gerechtigkeitssinn, die wahren Grundlage» des geläuterten, allgemeinen Stimmrechtes, sind aber leider noch lange nicht in dem Maße in die tiefen Schichten der Gesellschaft gedritngen, daß die in die Kammern etitsandten Volksvertreter wirklich die Elite der Nation bildeten und die genügende Kraft und Autorität besäßen, um nach Unten auch nach Oben hin die unveräußerlichen Rechte der Humanität und Gerechtigkeit gegen jedwedeit frevelhaften Eingriff zu wahren .... Ich wende mich sofort dem zweiten Angeklagte», dem Judenthum, zu, zumal derselbe von den öffentlichen Ankläger» dem Volksgerichte als Hauptschuldiger dargestellt wird. Die französische Jndenheit, die vor zwei Jahre» die Centenarseier ihrer Emanzipation beging, ähnle damals wohl nicht, das; so bald darauf ein Jaques de Bielz vor einer von 3000 französischen Bürgern besuchte» Versammlung unter dem frenetischen Veifalle derselben eine Tagesordnnng Vorschlägen könnte, lvelche in beleidigender, geradezu herausfordernder Form die Revision des Dekretes vom 27. September 1791 enthält. Wer hatte es, auch nur vor Jahresfrist voraussehen könne», daß in Paris der mittelalterliche Ruf ,,A bas los .Inifs!“ wieder in den Straßen ertöne» werde? Unsere hiesigen Glaubensgenosse» rechneten zn sehr aus die Zauberkraft der republikanischen Staatssormel: Liberte. Egalite, Fraternite, welche uns in allen öffentlichen Urkunden stolz entgegeukritt, doch in Geist und Herz unr eines geringen Theiles der französischen Nation gedrungen z» sein scheint. Denn tvozu sich in der Stunde der Gefahr eitler Selbsttüufchtmg hingeben? Man beschwört ein Unglück nicht, indem man hartnäckig die Augen vor demselben schließt, sondern indem man wirksame Gegenmaßregcln ergreift. Als das Erscheinen von Drumouts Organ, der „Libre Parole", im Anfänge des vorigen Jahres durch Riesenplakate den Einwohnern der Hauptstadt verkündigt wurde, rieth ich bereits zur Veröffentlichung eines Gegenorganes, das jeden Hieb Drumouts rasch und kräftig parireir sollte. Man wendete mir an einflußreicher Stelle ein, das; Drumont nicht über genügende Kapitalien verfüge, um die Kosten eines Tageblattes zu decken, daß er nach 10 Nnmuiern jämmerlich Fiasko machen werde, daß man den Teufel nicht an die Wand malen dürfe — und wie sonst die Grundsätze der so tapferen Vogelstraußpolitik lauten mögen. Doch die Ereignifle gaben mir leider Recht; meine Befürchtungen trafen ein. Ich hatte eben seit 10 Jahren, oft selbst eingreifend, alle Phasen der antisemitischen Bewegung in Oesterreich und Deutschland durchlebt und war von vornherein überzeugt, oas; der tvieder an der Donau und an der Spree entfesselte mittelalterliche Judenhaß nicht vor den französischen Grenzpfählen Halt machen werde. Wir leben eben in einer Epoche, >vo die politischen Strömungen mit geradezu fieberhafter Geschwindigkeit über die noch immer zwischen den Nationen künstlich anfgerichteten Scheidewände sich dahin wälzen. Als Marquis v. Moros, der Degemvart der antisemitische,, Partei, im Sommer vorigen Jahres den dem mosaischen. Kultus a„- gehörigen Hauptmann Mayer im Duell getödtet hatte, glaubte nun, hier einen Augenblick ernsthaft an die Möglichkeit, daß die noch „, ihren Keimen sich befindliche antisemitische Bewegung in der von de, ganzen Pariser Bevölkerung zur Ehrung des Andenkens des gefallen,, jüdischen Offiziers veranstalteten Manifestation werde erdrückt werden. Drumont selbst wurde melancholisch und zweifelte an der Zukum! seines Blattes und demgemäß an dem Erfolge seiner Kampagne gegci, die Juden. Doch Mores, der Mörder seines ehemaligen Kriegskameraden Mayer, wurde von den Geschworenen freigesprochen: di, Hoffnung erwachte wieder im antisemitischen Lager. Da trat der ehemalige Marineminister, damals Vizepräsident der Kammer, Heer Bnrdeau, gegen Drumont wegen eines beleidigenden Artikels klägerijch auf. Drumont wurde zri einer Buße von 100,000 Fres. und einer dreimonatlichen Gefäugnißstrafe verurtheilt. Die „Libre Paroli ’ zahlte die Riesensumme; Drumont fuhr fort, aus seinem Gefängni,,, unter dem Pseudonym Silvio Pellico die Leitartikel seines Blatt,» zu schreiben. Nun kam gar der Panauiaskandnl und hier war ,» endlich dem von der» Pamphletisten Drumont, dem anarchistisch-,, Gesinnungen huldigenden Marquis von Moros, dem Ex-Petroleunihändler Gnorin, dem Ex-Major Biot und dem Ex-Mechaniker Valloe angeführten antisemitischen Clan gegeben, in ihrem wahren Eleiuem. d. i. im Trüben, nach Herzenslust zu fischen. Es ist nicht zn leugne,, daß die Firnra „Mores cl ses amis“ im gesellschaftlichen Leb, „ der französischen Hauptstadt ein Machtfaktor z» iverden beginnt », e daß deren Organ, die „Libre Parole", im Vereine mit dem v, „ Marquis de Mores ne» zn gründenden Blatte, „La Uelivran« , . im Stande ist, durch geschickte Ausbeutung der Zustände, in den-,, wir leben, das Volk Frankreichs gegen die jüdischen Bürg., desselben anfznwiegeln. Mit einem Worte: die Situation ist sehr ernst und sebü Diejenigen, welche im Anfänge der Bewegung meine Befürchtuugin als pessimistische und unbegründete hinstellte», saugen an, zn ernster, Anschauung der Dinge hinzuneigen. Doch die Zeit des Diskutire;» und Debattirens ist vorüber; es muß energisch und rasch gehande.i werden. Als ich in der eingangs erwähnten Versammlung in Tivoli Vauxhall die wüthenden Ausrufe der Menge gegen die Juden gehö„ hatte, da faßte ich den Entschluß, auf eigene Faust vorzugehen. A > den beiden folgenden Tagen ließ ich — und zivar durch Ausruf,, der „Libre Parole" — 2000 Exemplare meiner eben erschienenen Broschüre „La qiiestion juive“ unentgeltlich auf den groß,, Boulevards vertheileu. Und ivähreud ich diese Zeilen schreibe, >verd>,, in meinem Aufträge 3000 Cirkulare an die Jude» Frankreichs ve - sandt, um sie zur Gründung eines gegen die „Libre Parole" gerichteten Organes „La Vraie Parole“ aufzufordern. Es steht n hoffen, daß das französische Judenthum endlich seine zuwarteiü, Haltung dem Antisemitismus gegenüber aufgeben und zur Gegenwehr schreiten iverde. Und ich rufe zum Schluß von der auch in den hiesigen maßgebenden Kreisen sehr geschätzte» Tribüne dieses Blattes der französischen Jndenheit den bekannten Spruch der Volksweisheit „Mienx vaut Iar<I que jarnnis!“ 9