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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-01-13 · Heft 2 (13.1.1893) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 2 (13.1.1893)
Date
1893-01-13
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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3 sich aber dahin aus, daß der Herausgeber ohne eigene Kenntniß der Zache und im guten Glauben an die Zuverlässigkeit von Gewährsmännern (Professor Rohling u. A.) gehandelt habe. Theiß, der wegen anderer Angriffe auf seine jüdischen Mitbürger schon bestraft ist, hat die Hauptverhandlung in der vorliegenden Sache wiederholt zu verzögern gewußt. Auch diesmal brachte er in letzter Stunde ein ärztliches Zeugnifc bei, wonach er wegen hochgradiger Nervosität nicht vor Gericht erscheinen könne, deshalb mußte die Verhandlung abermals vertagt werden. Sein Vertheidiger, Rechtsanwalt Metz Ul, hat übrigens der Frankfurter Zeitung zufolge die Vertheidigung niedergelegt. * Pforzheim, 2. Januar. Am 27. Dezember d. I. wurde die feierliche Einweihung der nach den Entwürfen des Architekten Ludwig ^evy, Professor an der Baugewerkschule in Karlsruhe, neuerbauten Synagoge vollzogen. Zu derselben waren als Vertreter des großherzoglichen Kultusministeriums sowie des großherzoglichen Oberraths oie Herren Ministerialrat!) Becherer und Regierungsrath Dr. Mayer aus Karlsruhe, sowie außerdem Herr Konferenzrabbiner Dr. Sondheimer aus Heidelberg erschienen Als Festprediger funktionirte Herr Konferenzrabbiner Dr. Schwarz voll Karlsruhe Mehrere Nachbar - gemeinden, insbesondere diejenige zu Karlsruhe, waren durch Abordnungen vertreten. Die staatlichen und städtischen Behörden betheiligten sieh nahezu vollzählig au der Feier. Ferner waren die drei Abgeordneten von Stadt nnb Bezirk in der zweiten Kammer der Landstände anwesend. Die rege Betheiligung von Seiten aller Konfessionen, namentlich auch der evangelischen und altkatholischen Geistlichkeit, sowie ganz besonders die Mitwirkung von Sängern und Sängerinnen der beiden ersten Gesangvereine der Stadt zeigten miss Erfreulichste, in welcher Eintracht die verschiedenen Bekenntnisse daselbst leben. — Tie Feier begann mit 31.2 Uhr mit der Eeremonie der Nebergabe des Schlüssels durch den Architekten Herrn Professor Levy an den Vorstand der Gemeinde, Herrn Heinrich Netter, welcher solchen an Herrn Ministerialrath Becherer als Vertreter der großherzoglichen Regierung iveiter gab. Aus dessen Händen empfing denselben Herr Rabbiner Tr. Schwarz, welcher nach einer kurzen Ansprache an die Versammelten die Pforte des Tempels erschloß. Mit dem Chor aus dem Oralorium „Samson" von Händel: „Höre Jakobs Gott, o Ewiger, hör'," begann die Feier im Innern des Gotteshauses. — Demnächst rezitirte der Kantor, Herr Reallehrer Bloch, das „Matowu“ in hebräischer und deutscher Sprache. Hieraus folgte der Vortrag des Minchagebets durch deu Kantor unter Mitwirkung eines Doppelquartetts des Synagogenchors. Während des Nachspiels zu dem als Duett gesungenen ,H'n sdieormi rocheeliem“ erfolgte alsdann die feierliche Einbringung der Thorarollen durch den Rabbiner und die vier ältesten 'Gemeindemitglieder. — Hierauf folgte die Predigt des Rabbiners Dr. Schwarz. Ausgehend von dem Mahnruf des sterbenden Patriarchen Fakob: „Sannnelt Euch und höret, Ihr Kinder Jakobs, höret auf Fsrael, Eueren Vater" (2. B. M 49, 2) beleuchtete Redner die drei- 'ache Bestimmung der Synagoge als Stätte der geistigen und gemüthlichen Sammlung für den einzelneit Israeliten, als Sammelpunkt für das religiöse Leben der Gemeinde und darüber hinaus als die rechte Vorbereitungsschule für die Sammlung und Einigung des ganzen Menschengeschlechts. Die formvollendete und inhaltlich bedeutende Rede, welche auch des aktuellen Interesses nicht entbehrte, wird dem Vernehmen nach im Druck erscheinen. — Prächtig erschallte danach von Solo und Chor das Sulzer'sche „Die Lehre des Ewigen ist ohne Tadel". Es folgte die Fürbitte für Kaiser und Großherzog, .Reich und Heimathland, Stadt und Gemeinde, dann das herrliche Beethoven'sche: „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre" und das Schlnßgebet des Rabbiners. Oesterreich - Angarn. Wien, 3. Januar. Von befreundeter Seite schreibt man uns: 'Vach meiner Heimkehr aus Berlin schrieb ich dem Fürsterzbischof von Etmütz Dr. Theodor Kohn unter Beilage eines Zeitungsausschnittes es handelte sich um eine Behauptung der „Germania", die ich abgedruckt in der Kreuzzeitung vom Mittwoch der vor. Woche gelesen — llnd fragte ihn, ob die Sache richtig sei. Darnach sollte Tr Kohn als Professor sich sehr antisemitisch geäußert haben. "Auf meine Anfrage nun erhielt ich heute die nachfolgende Antwort: „Euer Wohlgeboren! 'Aus das geschätzte Schreiben d. d. 31. Dezember 1832 beehre ich mich. die ergebenste Bitte vorzutragen: Hochdieselben wollen die Handlungen der in Dero geschätztem Schreibeit bezeichneten Persönlichkeit, bis selbe thatsächlich wird die Leitung übernommen haben, beurtheilen und auf unkontrolirbare Zeitungsberichte, sowie es die oben berührte Persönlichkeit immer thut, gütigst nicht achten. Olmütz, am 2. Januar 1893. OrolUiritaimicn. * London, 6. Januar. Der vor einem Jahre begründete Ausschuß zur Beförderung der jüdischen Kolonisation, der sich unter dem Drucke der Judenverfolgungen in Rußland gebildet hatte, hat eben seinen ersten, nicht uninteressanten Jahresbericht veröffentlicht. Der Vorsitzende des Ausschusses, Herr Baron Hirsch, theilt als Ergebniß seiner Nachforschungen mit, daß die argentinische Republik Bedingungen darbiete, welche das Gelingen des Unternehmens, die russischen Flüchtlinge von ihrer durch jahrhundertelangen Brauch traditionell gewordenen Bethätigung im Handel zu entwöhnen und sie in 'Ackerbauer zu verwandeln, ermöglichen. Der erste Schritt war freilich mit großen Schwierigkeiten verbunden, aber seitdem Oberst Gold schm:dt, in deu das Komitee das vollkommenste Vertrauen setzt, die Leitung an Ort und Stelle übernommen, hofft man unter Benutzung der bisherigen Erfahrungen der Sache Herr werden zu können. Sämmtliche Kolonien, die man bisher angelegt, umfassen ein Gebiet von 390,009 Acres. Die Kolonie Mauricio (72,500 Acres) liegt in der Provinz Buenos 'Aires, Moisesville 125,000 'Acres) in der Provinz Santa Fd, und die übrigen, ein Areale von 232,000 "Acres bedeckenden Kolonien in der Provinz Entre- Rios. Sämmtliche Kolonien haben ein gutes, klares, gesundes Trinkwasser und einen fruchtbaren Boden Bisher sind 180,000 Acres von den Kolonisten urbar gemacht worden. Diese selbst werden denjenigen Emigranten entnommen, die schon im Heimathslande Ackerbau betrieben. Sie werden zu Gruppen zusammengeschlossen und erhalten eine Organisation, welche ihnen später die Selbstverwaltung ermöglicht. Die russische Regierung hat die Vereinigung autorisirt, in Rußland Ausschüsse für die Auswahl des besten Menschenmaterials einzusetzen und überhaupt die Auswanderung methodisch zu betreiben. Obwohl auch in Eanada eine Kolonie von mehr als hundert Familien sich befindet, so ist doch vor Allem Argentinien für die erwähnten Zwecke in 'Aussicht genommen. Wenn gegen die Kolonisationspläne eingewendet werde, daß das vorhandene Kapital bei Weitem nicht der Aufgabe entspreche, so sei zu erwähnen, daß das Land nicht verschenkt, sondern gegen jährliche Ratenabzahlungen, zu denen die Ansiedluugs- und Verwaltungskosten prozentualiter hinzukommen, vergeben wird, so daß nach Ablauf einer bestimmten Reihe von Jahrelt das Betriebskapital wieder frei und seiner Bestimmung zurückgegeben wird. — Im 'Anschlüsse hieran verdient Erwähnung, daß der Vertrieb eines die bekannte Blutbeschuldigung kolportireuden Pamphlets, das noch vor einem Monat in Malta auf den Straßen feilgeboten worden ist, auf 'Anregung des Erzbischofs von Westminster durch den Minister der Kolonien verboten worden ist. «Frankreich. Paris, 7. Januar. Einberufen von der„Libre Parole", fand gestern unter dem Vorsitze des Marquis Mords eine zahlreich besuchte A n tisem i ten- Versammlung statt, der ein Polizeikommissar mit Amtsschärpe anwohnte. Mords entwickelte einen Plan zur Umgestaltung der Gesellschaft. Jeder Franzose soll bei Erreichung der Volljährigkeit 5000 Francs in Bankscheinen erhalten, denselben Betrag, wenn er sich verheirathet und so oft er Vater wird. Das Gesammtvermögm Frankreichs bildet die Unterlage dieser Geldscheine. Ein anderer Redner forderte 'Aufhebung der Gleichberechtigung der Juden. Jaques Debiez, einer der Urheber der Antisemitenbewegung in Frankreich, erschien im Saale, wurde für einen Juden gehalten, heftig geschlagen und hinausgeworfen, jedoch wieder im Triumph hereingeholt, als ihn ein Freund au der Thür erkannte. Da der Tumult heftig wurde und ein "Anarchist einen verdächtigen Gegenstand, angeblich eine Dyuamitpatrone, auf die Bühne warf, löste der Kommissar die Versammlung auf und ließ den Saal durch eindringende Schutzleute unter vielen Fußtritten mtd Fausthieben räumen. Die Menge zog vor die Redaktion der „Libre Parole," wo auf Drumont Hochrufe ausgebracht wurden, und dann nach der Rue Lafsite zum Hotel Rothschilds, dem sie eine Katzenmusik widmete.

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