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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-01-13 · Heft 2 (13.1.1893) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 2 (13.1.1893)
Date
1893-01-13
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Rußland. jgg Petersburg, <>. Januar. Nach Meldungen aus Riga steht dort die Ausweisung vieler jüdischer Handwerker bevor. Die jüdischen Handwerker haben zwar das volle Aufenthaltsrecht in Rußland; seitdem aber das Gesetz über die Vertreibung der Juden aus Moskau erlassen worden ist, wird dieser Erlaß stillschweigend auch auf das ganze Reich angewendet. Wird ein jüdischer Handwerker bei einer Revision zufällig nicht zu Hause getroffen, so wird er aus der Stadt nach seinem Geburtsort ausgewiesen, unter dem Vorwände, daß er sein Handwerk nicht betreibt. Die Beamten haben sich aus den „Revisionen" der Juden eine besondere Einnahmequelle gemacht und weisen ganz nach Willkür den nicht zahlenden Juden aus. In Riga herrscht die grenzenlose Polizeiwillkür noch mehr als irgendwo, und demgemäß haben es auch die Juden in diesem Orte am schlimmsten. * Warschau, 5. Januar. Die russische Willkür gefällt sich in immer neuen Erlassen, und es hat in Bezug auf die Tracht der Juden der „Warschawski Dniewnik", das Organ des General-Gouverneurs, folgendes Communique veröffentlicht: „Die Vorschriften, welche den Juden ihre eigenthümliche Tracht und den ihnen eigenthümlichen Schnitt der Haare verbieten, sind in der letzten Zeit vielfach unbeachtet geblieben. Vom heutigen Tage an wird jede Verletzung dieser Vorschrift durch eine Strafe von fünf Rubeln, im Nichteinbringungsfalle durch Arreststrafe geahndet." Damit werden jene Juden getroffen, die an ihren Traditionen hallen. In Petersburg und Moskau kommt es dagegen vor, daß von den Juden, die aus diesen Städten noch nicht ausgewiesen worden, einige darauf halten, ihre Abstammung nicht zu verrathen, und demgemäß auch ihre Firmentafeln einfach mit ihren russischen Namen versehen haben. Diese Leute werden nun von Amts wegen bei Androhung hoher Strafen gezwungen, auf ihre Firmatafeln ihre vollen hebräischen Namen zu setzen. Das Post- und Telegraphenamt hat ein Communique veröffentlicht, daß in Zukunft keinerlei Briefe, rekommandirte oder unrekommandirte, an Juden, welche christliche Namen haben, ausgegeben werden dürfen. Die praktische Schlußfolgerung aus alldem führt dahin, daß die russischen Juden es weder wagen dürfen, mit der Nation, unter welcher sie leben, sich zu amalgamiren, noch auch ihre Eigenart zu behalten. Was sie immer thun mögen, und wenn sie auch gar nichts thun, geratheu sie in Konflikt mit den Gesetzen und werden bestraft. Amerika. * Cincinnati, 15. Dezembee. Ueber die Rabbiner-Konferenz und Versammlung der „Union of American Heb re w Gon gregations“ entnehmen wir der „Deb." folgende Mittheilungen: Montag 5. Dezember 1892 fand in den Schulräumen des Tempels die Sitzung des Verbandes statt. Lebhafte Theilnahme, kurze und immer die Sache behandelnde Reden zeichneten die Verhandlungen aus. Das Gebet, von Dr. Hecht in Milwaukee gesprochen, wirkte tief anregend und erhebend. Mit Worten aufrichtiger Freundschaft hieß der Rabbiner der Gemeinde, Herr Stern, die Gäste willkommen, worauf Dr. Wise in meisterhafter Rede über die Grundlehren des Judenthums in Anlehnung an die messianische Weissagung im 2. Kapitel von Jesaias sprach. Ein Gesangsvortrag des Herrn Kantors Sparger aus New-Uork wurde von einem gespannt lauschenden Publikum dankbar ausgenommen. Ganz besondere Aufmerksamkeit fand der in Stil unb Vortragsweise ausgezeichnete Vortrag Dr. Silvermanns aus New-Uork, der das Thema „Der Unabhängige in der Religion" behandelte. Der im Grunde richtige Gedanke, daß blinder Autoritätsglaube nicht Religion sein könne, wurde ein wenig zu scharf pointirt. Das herrliche Gedicht „allgemeines Hallelujah", religiös und ohne konfessionelle Färbung, welches, wie der Verfasser, Herr Lewis Abraham, der es selbst zumVortrag brachte, bemerkte, sowohl in einer katholischen Kirche als in einer Moschee und in einem Buddha-Tempel gesprochen werden könnte, fand gleichfalls ein dankbares Publikum. Herr Rabbiner I. S. Moses aus Chicago, der „über die Bestimmung des Judenthums" sprach, hatte in Folge der vorgerückten Stunde gegen die Ermüdung des Auditoriums zu kämpfen. Er führte den Kampf tapfer und geschickt. Wenige eindringliche Gebets- und Segensworte des New-Uorker Predigers Benjamin beschlossen den Abend. Am nächsten Morgen tagte die Versammlung der Gemeinde-Delegaten, die nach jeder Richtung eine glänzende genannt werden kann. Es wurde hauptsächlich das Interesse des College und der Theilnahme an der Welt- , ausstellnng berathen, unb wir können sicher sein, daß die Versammlung , der hervorragendsten Inden des Landes die richtigen Schritte nach jeder Richtung thun wird. An: Abend desselben Tages versammelte ein Bankett * die Delegaten des Gemeindebundes und die Rabbiner mit ihren Damen. Herr Simon Wolf, der trotz seiner politischen und geschäftlichen Thätigkeii sich allezeit in hervorragenden: Maße jüdischen Interessen widmete, leitete j den Abend mit großem Geschicke. Die einzelnen Reden, die gehalten wurden, fanden begeisterte Aufnahme. Am darauffolgenden Tage wurde ' in beiden Häusern des Kongresses das Eröffnungsgebet von Mitgliedern der Rabbiner-Konferenz gesprochen. Im Hause sprach Dr. Wise und im Senat Dr. Silvermann, in beiden Fällen ein in der heutigen Zeit besonders erfreuliches Zeichen von dem Geiste der gegenseitigen Achtung zwischen den Konfessionen, wie er nur hierzulande möglich ist Der darauf erfolgte Empfang der Mitglieder beider Körperschaften durch den Präsidenten zeugt ebenfalls von der Thatsache, daß gesellschaftliche Achtung und Religionsfreiheit der Religion nur nützen können. Die amerikanischen! Juden erfüllen somit eine weltgeschichtliche Mission, wenn sie im Zeitalter Stöckers mb Drumonts vor der ganzen Welt den Antisemitismus all absurllum führen. „Alle, die sie sehen, müssen erkennen, daß sie eine Saat sind, die der Herr gesegnet hat." Von Nah und Fern. Der bekannte Oberlehrer an der königlichen Realschule zu Berlin Dr. Paul Förster ist aus der „Leitung" der deutsch-sozialen Partei ausgetreten. — Herr Dr. Christian (Morris) de Jonge, .der Liebling der Kreuz-Zeitung, hat von Zürich aus seinen Beitritt zmn „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" erklärt. Der betreffende Brief enthält den folgenden sonderbaren Passus: „Ich bemerke jedoch, daß ich nur den politischen Antisemitismus für sittlich verwerflich halte, dagegen die Bekämpfung des Judenthums auf religiösem und philosophischem Gebiet sowie auch im gesellschaftlichen Leben für nothwendig halte." (!) — Der Opernsänger Cerini in Breslau, den die dortige Gemeinde zum Oberkantor gewählt hatte, ist, weil er Ausländer, vom Minister des Innern nicht bestätigt worden. — Der Kantor der Israelitischen Religionsgemeinde Frankfurt a. M. Herr Nathan B. Adler feierte am 25. v. Mts., seinen achtzigsten Geburtstag. Er steht bereits 41 Jahre im Dienste der Gemeinde, versieht aber noch in jugendlicher Frische sein Amt. — Die Kultusbeamten in Elsaß-Lothringen haben ihre vorjährige Generalversammlung im Monat Dezember zu Colmar abgehalten. — Der Oberstaatsanwalt Hamm aus Köln und der Erste Staatsanwalt Baumgard sind in kanten eingetroffen, um bezüglich des Knaben Mordes weitere Untersuchungen vorzunehmen. Ueber das Ergebniß verlautet nichts Bestimmtes. — Die hundertjährige Jubiläumsfeier des Brüderschaftsvereiues „vereeb llesebara u. Maskil el dol“ in Prag fand am 26. v. M. in der schön geschmückten imposanten Klausspnagoge in Anwesenheit eines sehr zahlreichen distinguirten Publikums statt. — Baron Alfons von Rothschild in Paris hat zum Gedächtniß seiner verstorbenen Tochter, der Baronin Bettina von Rothschild, in Wien der Pariser Armenverwaltung die Sunrme von einer Million Franks zum Bau eines Wöchnerinnen- Hospitals übergeben. — Der französische Oberst Heu mann ist zu dem wichtigen Posten eines Studien-Direktors an der berühmten Kriegsschule zu St. Cyr ernannt worden — Vom 1. Januar 1893 ab erscheint in Paris unter der Leitung des bekannten Publizisten I. Singer ein gegen Drumont gerichtetes Blatt „La vraie Parole“ zweimal wöchentlich. — Im Alter von 103 Jahren starb in voriger Woche zu London Herr Joseph Levy. Derselbe hatte wenige Tage vorher noch seinen Geburtstag in voller Frische gefeiert. — Am 9. Dezember wurde Herr Moses Liwschütz in Odessa in seiner Wohnung von zehv maskirten, als Tscherkeffen gekleideten Räubern überfallen und im Bette ermordet. — Der Chacham-Baschi von Jerusalem, Panigel, ist am 4. Januar gestorben. Truct uuo Verlag von Rudolf Mo Ne in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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