Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1893)
- Date
- 1893-01-13
- Page
- Seite 24 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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24 Fitterarische Mittheitungen. * Jüdische Volks- und Haus-Kalender für das Jahr 1893. Mit einem Jahrbuch zur Belehrung und Unterhaltung Herausgegeben von Dr. M. Brann. Druck und Verlag von Th. Schatzkp. — Der 40. Jahrgang, in dem der Kalender jetzt erscheint, beweist am besten seine Brauchbarkeit und Beliebtheit. Das Jahrbuch, das den aufs Genaueste ausgearbeiteten kalendarischen und Markt-Tabellen beigefügt ist, erweckt in diesem Jahre noch besonderes Interesse durch einen ausgezeichneten Artikel aus der Feder des Professor Dr. Kaufmann über Professor Grätz, dessen Bildniß auch dem Kalender vorangeht. Der gelehrte Herausgeber Dr. Brann hat zwei interessante Arbeiten beigesteuert; die eine, ein Erinnerungsblatt an Jost's karäische Studien, berichtet über das Schicksal zweier kostbaren karäischen Handschriften und einen deshalb angeknüpften Briefwechsel zwischen Abr. Muhr und Jost, die andere „christliche Zeugnisse gegen die Blutlüge" verdient in unserer Zeit ganz besondere Aufmerksamkeit. Sie enthält, aus einer im jüdisch-theologischen Seminar zu Breslau befindlichen Handschrift, zum erstenmal veröffentlicht, die Bestätigung eines von Jonathan Eibenschütz 1759 verfaßten Gutachtens durch den bekannten Orientalisten Michaelis und den nicht minder berühmten Theologen Seniler; in eingehender Darstellung widerlegt der Letztere das alte Märchen der Blutbeschuldigung und verlangt, daß „die Juden mit so läppischen elenden Beschuldigungen vor keiner billigen gnädigen Obrigkeit belangt, vielmehr aber solche einfältige oder boshaftige Ankläger abgewiesen werden, auch zur Ehrenerklärung wohl gar angehalten werden könnten". Neben einem Aufsatz über „die böhmischen und mährischen Judenchristen des vorigen Jahrhunderts", aus dem Böhmischen übertragen, bringt der Kalender endlich als Unterhaltungslektüre eine hübsche Erzählung von Wassermann: „Achtet die .Kinder der Armen". Wir können Kalender und Jahrbuch empfehlen! Fr. ~ Hest 4 der „ Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums", herausgegeben von M. Brann und D. Kaufmann (Breslau 1893, Schlesische Buchdruckerei, Kunst- und Verlagsanstalt) hat folgenden Inhalt: M. Güdemann: Neutestamentliche Studien. — A. Schwarz: Die erste halachische Kontroverse. — I. Theodor: Der Midrasch Bereschitrabba. — I. Perles: Beiträge zur rabbinischen Sprach- und Alterthumskunde. (Forts.) — M. Gaster: Das Schiur Komah. — M. Steinschneider: Miscellen. — M. Freudenthal: Die ersten Emanzipationsbestrebungen der Juden in Breslan. — Besprechungen unb Anzeigen. 9 Spvechsacrt. Geehrte Redaktion! Das Sprichwort: „Wer sich entschuldigt, klagt sich an", dürfte mindestens ebenso alt sein als die Anekdote, welche Herr Franzos als Einleitung für seine Abu-ehr meines Referates anführt. Mir scheint, der verehrte Herr ist nachträglich zu der Ueberzeugung gelangt, daß der Inhalt seiner Vorlesung im hiesigen „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" bei den zahlreich in diesem Verein vertretenen Anhängern der Orthodoxie Anstoß erregt hat und ist darüber in Zorn gerathen. Vielleicht hat Herr K. E. Franzos aber auch „in jeder Klaus, in dcr die Frage über den Apfelbiß, die Jakobsleiter u. s w." seit Jahrhunderten disputirt wird, unter den in u. s. w. begriffenen Disputationsthemen die Lehre unserer Weisen „Zürne nicht, so wirst du nicht sündigen" behandeln hören. Herr Franzos thut Unrecht, wenn er glaubt, daß mein Referat in der Absicht geschrieben sei, seinen Ruf oder sein Talent als Schriftsteller zu verkleinern. Meine Absicht war, darauf hinzuweisen, daß ein der freien Richtung zugehöriger Schriftsteller, Gelehrter u. s. w., der, ohne Anstoß zu erregen, hier öffentliche Vorträge halten will, sich über seine Zuhörer orientiren muß. Leider hat die Redaktion mein Referat „beschnitten", und dafür muß der arme Referent büßen. Aber so ganz unschuldig, wie es nach den Ausführungen in Nr. 1 den Anschein hat, ist Herr Franzos doch nicht. Zugegeben, Herr F. hat gelesen: „In der Kownoer Jeschiba wurde das uralte Disputationsthema über den Apfelbiß und die Jakobsleiter behandelt," während ich die so hochwichtigen Fragen Mendele stellen lasse. Die Antworten Mendele's: „Ein Sabbat," — oder hat Herr Franzos Schabbes gesagt, das weiß ich wirklich nicht mehr — „kann es nicht ge wesen sein, denn an dem darf man ja nicht pflücken", und ob es ein? „Steh-, Schiebe- oder Hängeleiter gewesen, die der Erzvater im Traum? gesehen", und „ob diese Leiter oben eine Plattform gehabt, auf welche? der Herr selbst gestanden", sind doch Ergebnisse, die das Phantasiegebild? des Herrn Franzos aus dieser Disputation des Mendele, so „originell ' er auch sein mag, herausgefunden, und gerade diese „originellen Bemer kungen" haben Anstoß erregt, weil man aus ihnen den Hohn auf unser? alten Talmudlehrer herausgehört haben will. Ich sage „man", ich refe rire. Von der „langen Reihe von Wörtern und Sätzen", die ich n:n Anführungen versehen habe und die Herr Franzos „überhaupt nicht oder doch in anderem Zusammenhänge gebraucht" haben will, behaupte ich: 1. Es sind überhaupt nur zwei Sätze in Anführungszeichen gesetzi nämlich: „Mein Vater hat gesagt, ich werde hinter der Hecke sterben' und „Laß mein Kind werden, was es will, nur keinen Schnorrer". Beid sind genau so und in dem Zusammenhänge gebraucht worden, wie fl in meinem Referat angeführt sind. 2. Auch die in Anführung ge gesetzten Wörter hat Herr F. alle gebraucht, nur an den Druckfehlern „Schub" statt Schul und Sabbat- (oder Schabbes-) fisch statt „Sabbat tisch" ist er ebenso unschuldig wie ich. Endlich will ich zugeben, daß er statt ,',zu zweit" „halbdritt" vielleicht „zu zweien, selbstdritt" gesagt hat Daß ich die „Stichwörter" nicht alle so anwenden konnte, wie Hern Franzos sie gebraucht, ist wohl erklärlich; ich hätte sonst ja das ganz«. Kapitel seines noch ungedruckten Romanes veröffentlichen müssen, und das würde Herrn Franzos gegen den — „humoristischen" — Referenten noch mehr in Harnisch gebracht haben. Von den Berichten in den Ham bnrger Tagesblättern habe ich allerdings nur den Bericht gelesen, den das „Fremdenblatt" gebracht, der war aber so kurz gehalten, daß man kann, ein Muster davon nehmen kann, und enthielt außerdem Vieles, was der Herr Vorleser nicht gesagt hat. Entschuldigen Sie, Herr Redakteur, dü Länge dieser Abwehr. In Zukunft werde ich mich bemühen, wenige? „phantasievotl und hmnoristisch" zu referiren, vielleicht vergiebt dani auch der von mir verehrte Herr Franzos Ihren: Referenten aus Hamburg. 9 B er ehrt. Redaktion! Mehrere Herren in und aus dem Elsaß suchen in wiederholte! Zuschriften an Ihr geschätztes Blatt dem Wanderbettel im Elsaß zi steuern, ohne daß sich dieselben über die Art und Weise, wie die^ geschehen könne, bestimmt antragstellend ausgesprochen hätten. In den letzte:: dieser verschiedenen Vorschläge wird nun der Gründung eine? Central-Armenunterstützungskasse für die Reichslande das Wort geredet Zu diesem Vorschläge möchte ich als langjähriger Schriftführer und Kontroleur von Unterstützungskassen folgende Mittheilung machen. Ende der 70er Jahre wurde unter Beihilfe der Oberämter, um den lästigen Wanderbettel zu bannen, in Württemberg „ein Centralverband zur Unterstützung durchreisender Armen" gegründet, mit fast allen Gemeinden des Landes als beitragenden Mitgliedern und Heilbronn als Vor ort und Sitz der Kasse. Allein der gewünschte Erfolg blieb aus! Die einzelnen Gemeinden klagten viel über fortdauernde Belästigung durch Bettler, und die Frequenz nahm, statt ab, bis zur Höhe von 2300 Bettlern zu. Nachdem also das Gegentheil von dem, was man zu erreichen hoffte, eingetreten war, entschloß man sich zur Auflösung des Verbandes, und heute sind wir mit unserer Ortsunterstützungskasse wieder bei der Normatzahl von früher, das ist ea. 1200 jährlichen Unterstützungen angekon:men. Da „Aschkenas eine Stadt" ist, möge man sich die in Württen: berg gemachte Erfahrung anderwärts zu Nutze machen. Heilbronn, 30. Dezember 1892. Hochachtungsvoll M. Dreifus, Lehrer und Kantor. Truck und Verlag von Rudolf Mo'fe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.