Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1893)
- Date
- 1893-01-13
- Page
- Seite 23 (sequence 13)
- Language
- German
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und warf Hedwig, die fröhlich ans einem Teller mit dem Bruder aß und die ihres Anbeters gar nicht achtete, süße Blicke zu. Sie antwortete nur verdrießlich auf seine an sie gerichteten Fragen. „Sie scheinen böse zu sein, Fräulin Hedwig?" „Das kommt Ihnen nur so vor, Herr Toinkewitsch," meinte das Mädchen. „Wissen Sie, mein liebes Fräulein, daß Aerger ein böser Feind acr Schönheit ist?" „Da müssen Sie sich bemühen, immer vergnügt zu sein," lautete a>c schlagfertige Antwort des Mädchens. „Ich gelte also in Ihren Augen nicht für so häßlich, nicht wahr?" Da keine Antwort erfolgte, lachten Alle, nur Janck blieb still; ac Unterhaltung berührte ihn nicht; er war noch immer mit seiner agd beschäftigt und seine junge Stimme übertönte alle andern. Er i; und erzählte zugleich dem ihm eifrig zuhörenden Vater seine heungeu Erlebnisse, Der Hund, der oft seinen Namen erwähnen hörte, -cbelte lustig und sah verständnißvoll den jungen Helden an. Er »rde auch dafür mit einer vollen Schüssel Kartoffeln mit Milch belohnt. „Zu Allem ist der Schlingel fähig," sagte Korejba lachend, „zu;i!em hat er Geschick, ob Buch oder das Gewehr, das ist ihm eins. ';i mußt aber immer sehr scharf schießen mein Sohn, damit Du as Wild nicht blos anschießest, sonst kann es unangenehm werden." Da wurde plötzlich die Thür aufgerissen und jählings wurde m Mann, in zerlumpten Kleidern, bestaubten Stiefeln, Stock und Mütze in der Hand haltend, mit einem schweren Packen auf den schultern, von einem Andern hereingeschoben. Eine Weile konnte sich vor dem heftigen Stoß kaum auf den Füßen erhalten und ußte sich an der Wand stützen, um an der Schwelle stehen bleiben ■ können. Er stand zwischen der Thür und dem Kamin geblickt nter der schweren Last, seinen Kopf beleuchteten die Flammen des amins. Die hagere, in Lunchen gehüllte Gestalt mit dem schweren -acken, mit zerzaustem Haar und abschreckend magerem, pergamentlbem Gesichte, sah wie ei» Gespenst aus in dein hell erleuchteten uumer unter den frischen, rothe», zufriedenen Gesichtern. Es schien, als ob der Geist des Elends plötzlich das Zimmer ireten hätte. i „Um des Himmels willen!" rief erschreckt Frau Korejba. „Alle guten Geister loben Gott, den Herrn," wiederholte Tomkewitsch. „Ach Gott," rief Hedwig aus. den Kopf an der Schulter des Bruders verbergend, der den Löffel in der Hand, vom eifrigen Sprechen erhitzt, sein Gesicht dem geisterblaffen Armen zuwandte, welcher ohne Bewegung mit Schreck erfülltem Antlitz dastand. Erst jetzt trat ein junger breitschultriger Mann in polnischer Banerntracht den am Tische Sitzenden näher. Er war dem Vater so ähnlich, daß er wie ein lebendiges Bild Korejbas schien. Die blauen Augen des jungen Mannes funkelten, die weiße Stirn stach von dem braunen Gesicht ab, und das goldblonde Haar glich dem der Schwester. Seine Hände waren abgearbeitet wie die seiner Eltern. Höflichst grüßte er den Verwalter, und sich an den Vater wendend sagte er: „Da bringe ich Dir einen Dieb, er hat unsere Erbsen gestohlen, und hat vielleicht noch volle Taschen. Du mußt Nachsehen, Vater, ich habe das Meinige gethan, das Ucbrige überlasse ich Dir." Er setzte sich an den Tisch und wurde von der Mutter sorgfältig mit Kartoffel» und Milch bewirthet. Schnell erholte sich der alte Korejba und schlug mit der Hand so heftig auf den Tisch, daß die Teller klirrten. Auf der gerunzelten Stirn zeigten sich blaue Adern, die Augen flainmtcn und das Gesicht war dnnkelroth vor Wuth. „Du verfluchter Hund, Du Strolch, Du wirst das, was ich im Schweiße meines Angesichtes gearbeitet habe, stehlen und zerstören!" Wie ein Löwe brüllte der alte Mann. Stefan aber aß seine Portion, ohne mit irgend einem Worte de» Vater zu beruhigen; er erzählte dem Verwalter von dem großen Schaden, und wie er Tag und Nacht sein Eigenthum vor den Strolchen hüten müsse. Plötzlich verstummte der alte Korejba, und als ob er seinen Augen nicht trauen wollte, beschattete er sie mit der Hand. „Was ist das," ... sagte er leise, „Gedalja oder sein Geist?... Bist Du Gedalja von Wolpe?" schrie er den Juden, näher tretend, au. „Antworte ... Bist Du es ... oder bist Du stumm geworden?" «Fortsetzung folgt.) Der prahlerische Spatz. war ein schöner Sommermvrgen, Die Lerchen jubilirten froh. Da schaut der König Salomo o recht vergnügt und ohne Sorgen Aus seinem prächtigen Cedernhaus Ins lichte Morgenroth hinaus. t sieht mit innigem Behagen Dort drüben auf Morijah's Höh'n Jehovah's heiligen Tempel stehin; . >hu freut der Mauern stolzes Ragen, Der Helle Glanz am Heiligthum, Das er gebaut zu Gottes Ruhm. Und wie er so mit stillem Sinne Betrachtung pflegt, wird er gewahr Gin muntres keckes Spatzenpaar, Uns auf des Tempels goldiner Zinne Ganz ohne Scheu, wie's ihm gefällt. Sich ernst und eifrig unterhält. Uer weise König war begierig Zu wissen, was wohl diesen Zweiin So äußerst wichtig mochte sein. -ies zu erfahren war nicht schwierig. Von Gustav Jaeobsohn. Denn durch geheimen Zaubers Gunst Kennt er der Vogelsprache Kunst, Und solche Macht besaß der.König Durch dieses Zaubers Kraft allein. Daß jeder Vogel, groß und klein. War seinem Willen unterthänig. Er lausch! und läßt sie ungestört. Bis er den einen sagen hört: „Der König, will es mich bedünken. Ist auf dies Haus von Cedernholz Und Marmelstein gewaltig stolz Und auf des güldinen Daches Blinken Und doch! wenn ich, ein winzig Ding, Ein Sperling nur, an Kraft gering. Wenn ich mit meinem linken Beine Hier dreimal stampfe auf mit Macht, So fällt in Schutt des Tempels Pracht, Und Trümmer werden Holz und Steine." Kopfschüttelnd hört es der Kumpan Und sieht den Mächtigen staunend an. Der König aber pfeift dem Spatzen, Den augenblicks ein schneller Flug Zu des Gebieters Füßen trug. „Wie kannst du, Knirps, so frech nur schwatzen Und solcher Macht berühmen dich?" Fragt ihn der König, „Prahlhans, sprich!" „-Ach nimm's nicht iibel, lieber König," Erwiedert der Gescholt'ne schlau, „Der Sperling dort ist meine Frau, Und vor der Frau will man ein wenig Sich doch ein Anseh'n leih'n, mtb so —" „Hast Recht, flieg' ab!" spricht Salomo Und macht sein Fenster zu, indessen Der Vogel stolz in Flug und Blick -Aach [einem Sitze kehrt zurück. Und nun erzählt er höchst vermessen Der Gattin, die voll Neubegier Ten Herrn Gemahl erwartet hier. Wie sehr der König ihn gebeten, Doch zu bezähmen seine Lust, Und daß er ihm versprechen mußt', Das heil'ge Hans nicht zu zertreten. „Dies Hab' ich," schloß er, „auch gethan Und werd' es halten wie ein Mann."