Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1893)
- Date
- 1893-01-13
- Page
- Seite 22 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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22 er den Rock von sich, zieht einen leichten, granleinenen Kittel an nnd setzt sich an den Tisch. Vor ihm liegt ein schön gebackenes Schwarzbrod; daneben einfache Porzellanteller und zinnerne Löffel. Korejba ist klein und stark, mit breiten Schultern und rundem Gesicht und hat kurz geschnittenes graues Haar. Das von der Hitze verbrannte Gesicht und der Hals sind dunkelroth, die Stirn stark gerunzelt und die Hände grob, mit wunderlich verkrümniten Fingern, ein Zeichen, das; er zu dem fruchtbaren Strick Land nur durch harte Arbeit und große Entbehrung gekommen ist. Die ganze Gestalt zeigt dennoch die Kraft eines Riesen; das Gesicht strotzt von Gesundheit, nnd die glücklich strahlenden Augen verrathen innere Zufriedenheit. Ganz anders sieht der zweite ebenfalls am Tische sitzende Man» aus. Es ist eine sehr starke, auf laugen Füßen stehende Gestalt, die etwas Spöttisches an sich hat. Ter etwa sechsunddreißig Jahre alte Verwalter von Sumna hat ein dunkel abgebranntes Gesicht, kleine listige Augen, ein spitzes Kinn imb einen großen i Schnurrbart, der die ganze Oberlippe bedeckt; er trägt einen schwarzen j Rock und eilte rothe Kravatte. Soeben ist er von einem kleinen! Dorfe, wo er Arbeiter bestellt hatte, zum Gutsherrn gekommen und : von dem gastfreundlichen Wirth zum Abendbrod eingeladen worden; sein Pferd steht vor dem Hause, an einen Zaun festgebunden. Die beiden Männer sprechen nun eifrig über Wirthschaftsangei legenheite»; doch die kleinen stechenden Augen des Verwalters ruhen! unaufhörlich auf der Tochter Korejbas, einem Mädchen von etwa! fünfzehn Jahren, nicht sehr groß, die ein einfaches Kattunkleid trägt. i Der Gast scheint ihr aber nicht augenehm zu sein, denn sie kehrt ihm beständig den Rücken und wendet ihr rundes, wie ei» rother Apfel nussehendes Gesichtchen dem Feuer zu. Die Flamme spiegelt sich in ihren grauen Augen, und das rothe Bändchen, das ihr blondes Haar schmückt, sieht wie eine brennende Kohle aus. Die Wirthin des Hauses, Frau Korejba, steht ebenfalls am Kamin, wo die Kartoffeln braten, und nimmt an der Unterhaltung der Männer keinen Antheil. Es ist eine hohe starke Frau mit gerunzelter Stirn und mit denselben Händen, die ihr Mann hat; ihre Züge verrathen Gram, während! sie in Gedanken vertieft da steht. Viele Jahre hat sie gearbeitet im Hause nnd im Felde ... viele Kinder erzogen und begraben ... nur drei sind ihr geblieben, das rothe am Kamin stehende Mädchen nnd zwei Söhne. Eben erzählt Korejba dem Verwalter, daß er wegen seines Aeltesten, der so eifrig die Erbsen betvachte, viel Verdruß habe. Stefan wird am Peter- Paulstage zwanzig Jahre alt. Roch einige Monate und er muß zu den Soldaten. Was wird er ohne ihn in seiner Wirthschaft cinfangeu? ... Es wird ihm schtver werden, dabei dauert die Dienstzeit! so lange. Damals, als Stefan noch Kind ivar, ging es nicht so wie ' heute; er konnte den Jungen nicht nach austvürts in die Schule schicken, er mußte zu Hause schreibe» und lesen lernen, nnd da er keine Schule absolvirt hat, muß er nun sechs Jahre dienen. „Vielleicht sehen ihn unsere Augen nie mehr! . . . wer weiß >vas ans ihm wird. Vielleicht kommt Krieg... . Dem armen Vater tvird die rechte Hand fehlen/' seufzte Korejba. Die am Kamin stehende Frau tvendete ihr Gesicht dem Feuer zu und trocknete verstohlen mit dem Aermel die herunterrollenden Thrünen. „Dafür ist Janet ein tüchtiger Junge," tröstete der Verwalter ihn begütigend, „der wird schon die Schule durchmachen, der wird nicht Soldat werden." lieber das runde, rothe Gesicht KorejbaS flog ein Strahl der Freude. „Janet wird dem Staate diene», aber nicht als Soldat, sondern als Beainter, ha, ha, ha, das ist ein braver Kerl, er studirt so eifrig die Bücher wie der Jude die Bibel. Wissen Sie, tvas er mir neulich sagte: „Papachen, ich muß studiren; so wie ich nur aus der Schule komme, ivill ich auf die Universität und ein tüchtiger Advokat werden." „Gott mit Dir, mein Kind," antwortete ich, „mag sein, vielleicht wird aus einem Korejba etwas Tüchtiges werden, ich kann mir das jetzt erlauben — jetzt habe ich so viel, um meine Kinder unterrichten zu lassen. Armer Stefan, der konnte nichts lernen, für den reichte es noch nicht so weit — was kann ich aber dafür? Damals waren andere Zeiten. So Gott will, wenn er vom Militär glücklich zurückkehrt, soll er mehr Feld bekommen — gerecht muß man sein. — Ich will keins von meinen Kindern kürzen, behüte Gott, alle drei sollen ihren gleichen Theil bekommen — mir ist jedes Kind lieb — selbst die Mädchen; auch sie bekommt so viel wie die Brüder-ja — aber bei Stefan mache ich doch eine Ausnahme." Seltsam wirkten die letzten Worte auf den Verwalter. Sein Gesicht röthete sich und die kleinen stechenden Augen liefen unaufhörlich vom Vater zur Tochter, als wenn er die Seelen der Beiden durchschauen wollte. Endlich wendete er sein ganzes Gesicht dem jungen Mädchen zu und rief mit einer Stimme, die den Wirth erschrecken ließ: „An was denken Sie denn so eifrig, Fräulein Hedwig?" Das tvar ein geschicktes Mittel, um die Unterredung mit dem Vater abzubrechen und die Aufmerksamkeit der Tochter auf sich zu lenken. Ohne jedoch ein Wort zu erwiedern, lief das junge Mädchen eiligst vom Kamin der Thür zu. In diesem Augenblick öffnete sich dieselbe, und von zwei jungen Stimmen ertönte zu gleicher Zeit ein Schrei, und zwei junge Köpfe stießen mit einem im ganzen Zimmer hörbaren dumpfen Dröhnen an einander. Das junge Mädchen lief lachend auf ihren Platz zurück und hielt de» schmerzenden Kopf mit beiden Händen, dasselbe that ein kaum zehnjähriger Junge, der eine Blouse trug und mit einer Büchse bewaffnet war. Mit einer Hand zog er seine silberbetreßte Mütze vom Kopfe nnd mit der andern warf er triumphirend zwei geschossene Vögel auf den Tisch. Hinter ihm stand lustig wedelnd ein großer Hund, dessen Pfoten und Fell mit Blut bedeckt waren. Man sah, daß der junge Mann und sein Hund soeben von der Jagd zurückkamen, denn auch sein Anzug war ganz naß. Das Gesicht des Jünglings glich dem der Schwester, es war klein und rund und von der Anstrengung geröthet. Es strahlte vor Vergnügen, denn zum ersten Mal hatte ihm heute der Vater erlaubt, ans die Jagd zu gehen, und er hatte das Glück, zwei Schnepfen zu schießen. „Daß der Bengel so gut schießen kann," lachte glückstrahlend der Vater, die Vögel betrachtend, „das sind wahre Prachtexemplare, fett, wie mit Butter begossen." Der Junge schien jetzt den Mittelpunkt der ganzen Gesellschaft zu bilde»; der Verwalter frug neugierig, auf welchem Felde er gejagt habe, nnd versprach, ihm das nächste Mal seine besten Jagdhunde mitzugeben. Die Mutter nahm ihm das Gervehr ab und trocknete ihm mit der Schürze sein erhitztes Gesicht. Hedwig war eifrig mit der Vorbereitung des Abeudbrods beschäftigt, denn der Bruder war schon seit Mittag weg und mußte großen Hunger haben. Im Nu dampfte auf dem Tisch eine volle Schüssel mit Kartoffeln, bekränzt von großen Tellern mit dicker Milch; Alles im Zimmer athmete Frohsinn und Heiterkeit, das Feuer flackerte lustig in dem breiten Kaniin. Das Zimmer selbst war durch zwei in messingenen Leuchter steckende Lichte erhellt. Zu Ehren des Gastes hatte man neue zinnerne Löffel aus dem Spind genommen, die wie Silber blitzten und an die Teller klirrten. Korejba füllte die Gläschen mit .Kornbranntwein und reichte eins seinem Gaste. Frau Korejba theilte Jedem das Essen zu; der Verwalter glättete seinen Schnurrbart, damit man den goldenen Ring, der an seiner Hand Prangte, sehen könne,