Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1893)
- Date
- 1893-01-13
- Page
- Seite 21 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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21 sind, ist nicht nur eine wissenschaftliche These, das bewiesen die seiner Zeit traurigen Folgen, die von den Allegoriste» gewiß nicht beabsichtigt waren. Vielfacher Abfall vom Glaube» fand statt. „Die Allegorie," sagt Grätz/) erschütterte die festen Wälle des Gesetzes. Wenn die Gesetze nichts anderes sind als die Einkleidungen philosophischer Ideen, wenn der Sabbath nur „die Macht des unerschaffenen Göttlichen" bedeute, so genüge es ja, sich diese Gedanken anzueignen, sie theoretisch zu wissen, wozu denn noch die Uebung? Von der Lauheit gegen die Gesetze bis zum Abfall vom Judenthnm ist nur ein Schritt." Wenn nun die Frage entsteht: wie bei solchen Folgen sich die Allegorie bei hervorragenden und zweifellos begeisterten Anhängern des Jndenthuins erhalten konnte, so mag zunächst geantwortet werden, das; nicht Jeder die Ursache des Abfalles in der Allegorie gesehen hat. Dann darf nicht übersehen werden, daß bei so inanchcm Allegoristen eine Art Selbsttäuschung vorlicgt. Er hält für Forschung, was Spiel und Phantasie, für Deutring, was Deutelei ist. Wenn nun die meisten der besprochenen Religionsphilosophen sich von der Allegorie frei zu halten suchte», und ein Losringen von der alten Deutungsweise unverkennbar ist, so ist damit nicht gesagt, i daß sie immer das Wort in seinem einfachen buchstäblichen Sinne! nähmen. Das war bei der Bildersprache der Bibel nicht möglich j und ist überhaupt in keiner einigermaßen gebildeten Sprache möglich.! Je nusgebildeter eine Sprache ist, desto mehr bewegt sie sich in Bildern und Metaphern. Zur Nothroendigkeit werden diese da, wo j abstrakte Gedanken sich verständlich machen wollen, wo das Höchste, das der menschliche Geist zu fassen vermag, der großen Muffe beigebracht werden soll. Das ist so selbstverständlich, daß darüber kein Wort verloren werden sollte. Bon dieser Voraussetzung betrachtet, möchte man fast den Aufwand von Geist bedauern, den die Exegeten der verschiedenen Zeiten darauf verwandten, um Sinn und Bedeutung des einen oder anderen Wortbildes festzustellen, daß sie das Bild aus seinem Rahmen heransgehoben, um es in seiner reinen Wirklichkeit zu zeigen. Dennoch war es unbedingt nöthig. Nicht nur aus inneren Gründen der Exegese, die so manchen auftauchenden Widerspruch beseitigen wollte, sondern noch mehr aus allgemeinen religiösen Gründen. Denn es ist fast unglaublich, was auf dem Gebiete der sogenannten Exegese geleistet wurde. Infolge der Bildersprache der Bibel wurden Gott nicht nur Eigenschaften, sondern auch Gestalt und Körper beigelegt. Es wurden damit Anschauungen verbreitet, die einein einigermaßen geläuterten! Gottesbegriffe schnurstraks widersprechen und bis zur Blasphemie! gingen. l Die nüchternen Exegeten hatten nun die schwierige Aufgabe, auf! der einen Seite der Scylla der Allegorie, auf der anderen Seite der! Eharybdis des Antropomorphismus zu entgehen. Sie suchten daher! Regeln dafür aufzustellen, wo die Ausdrucksweise der heiligen Schrift! i» ihrem gewöhnlichen Wortverstande zu nehmen sei, wo nicht. Mit! dem Gedanken, daß der Ausdruck solange als möglich seinem buchstäblichen Sinne nach genommen werden müffe, haben sie sich eine l sichere Grundlage für die Exegese geschaffen und die Allegorie von vornherein ausgeschlossen. Mit dem ebenso richtigen Gedanken, daß dem Geiste der Sprache Rechnung getragen werden müsse, entj gingen sie der Charybdis des Antropomorphismus. I So stellte Saadja vier Regeln auf, die eine abweichende Arif- \ siffsung vom gewöhnlichen Wortsinne nicht nur gestatten, sondern j uothwendig machen. (Bacher pnK. 8). Er spricht daher von der! im Sprachgebrauch« begründeten llebertragung und bemüht sich, die ' >) Gesch., Band 111, 297. i in der heiligen Schrift von Gott gebrauchten Antropomorphismen als Metaphern zu erklären. Gottes Haupt bedeutet Erhabenheit und Würde, Gottes Auge, „Fürsorge", Ohr, „Erhörung" u. s. w. Saadjas Beispiele folgen die späteren Exegeten. Bachja beruft sich ausdrücklich auf ihn in seiner Abhandlung „der göttlichen Eigenschaften". Auch Bachja spricht von der Nothwendigkeit, von Gott in der dem Menschen verständigen Ausdrucksweise zu sprechen. Es ist eben die Methapher, die angewendet wird. Sie ist die Hülle, die vom Gedanken abznlösen ist. Dasselbe Bild von der Hülle und dem herauszuschülenden Gedanken gebraucht Moses ibn Esra in der Besprechung der metaphorischen Ausdrucksweise. Er polemisirt gegen Mohammedaner und Christen wie gegen die Karäer, die den Juden unterschieben, daß sie an eine Körperlichkeit Gottes glauben. Ibn Esra meint, daß es doch jedem Vernünftigen klar sei, daß Gott über alle ihm zugeschriebenen Attribute erhaben ist. Die Weisen haben nur von der Erlaubniß Gebrauch gemacht, von Gott in Bildern zu sprechen. Jehnda Halevi mit seiner eigenen Gedankenrichtung hat der Metapher in der Bibel keinen besonderen Abschnitt gewidmet. Es scheint, als scheute sich sein frommer Sinn, hieran zu rühren. Jedoch in seiner Bertheidigung der Traditionsexegese der Agada bekundet er deutlich genug, daß auch er die Ansicht Saadjas theilt. Jehnda Halevi spricht es auch einmal aus, daß die Agada ebenso wenig wörtlich verstanden werde» will, als die Redeweise der heiligen Schrift. Daß die heilige Schrift in Metaphern spricht, war ihm selbstverständliche Voraussetzung. Denselben Grundsätzen in Bezug auf die metaphorische Bedeutung des Bibelwortes, wie wir sie bei Saadja und Bachja finden, begegnen wir bei Abraham ibn Daud. Fast mit denselben Worten, nur nicht in solcher Ausführlichkeit und Gründlichkeit wie besonders bei Saadja. Abraham ibn Daud gilt das Wort der Alten: Die Thora spricht nach der Sprache der Menschenkinder. Dieser Satz gilt besonders auf Gott beigelegte Attribute. Von den hier behandelten Religiousphilosopheu machen nur Abraham b. Chija und Gabirol eine Ausnahme. Von dem Letzteren berichteten wir bereits, daß er der Allegorie in der Exegese ein weites Feld einräumte, obgleich auch er dem einfachen Wortsinn zuweilen Raum gewährte. Bei Abraham b. Chija ist nur das Verhältniß ei» umgekehrtes. Im Allgemeinen ist seine Erklärung nüchtern; er hat aber die allegorische Deutnngsweise nicht überwunden?) * FEUILLETON -«*- Gedalja. Eine Dorfgeschichte von Elise Orszeszko. II. Das große, strohbedeckte Haus Ignaz Korejbas hatte zwei Flügel; den einen bewohnte die Dienerschaft gemeinsam mit den Hühnern, den andern seine Familie. Erst vor einer Stunde war die Tagesarbeit zu Ende; in beiden Theilen des Hauses brennt nun ein großes Feller, um das Abendbrod zu kochen. Etwa vor einer Viertelstunde ist Korejba vom Felde, wo er gleich den Anderen arbeitete, nach Hause gekounnen. Erhitzt wirst l) In meinen ersten Aufsatz haben sich zwei sinnentstellende Fehler eingeschlichen: Seite 8, Spalte 2, Zeile 2G non oben soll es heißen: „sagt" statt „fragt" und ebenda Zeile 5 von unten soll heißem „Ihnen war die gefundene Deutung volle Wahrheit."