Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1893)
- Date
- 1893-01-13
- Page
- Seite 20 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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20 Mauern getrieben wird. Soll er dennoch hineindringen, müssen die Quadern erst angebohrt werden. Das Qnadergebäude des jüdischen Schriftthnms widerstrebte so manch' feingeschliffenem griechisch-philosophischen Gedanken. Da nahmen die Juden Alexandriens eine ■ künstliche Anbohrung vor. Sie bestand in der Allegorie. Dennoch! saß der Nagel nicht fest. Im Gewände der Allegorie war die einfache, und gerade in ihrer schmucklosen Einfachheit erhabene biblische Erzählung nicht mehr zu erkennen. Manches Wort ward mit seinen Wurzeln ans dem festen Boden gerissen, ans dem allein es sicher stand, selbst das Gesetz verflüchtigte sich. Alles wurde zu Luft und Nebel. Während sonst; die Phantasie Luftschlösser baut, ward durch die Allegorie ans greifbarer Wirklichkeit, aus dem feste» sicheren Bane des jüdischen Schriftthums ein Luftschloß errichtet. Das jüdische Schriftthlim konnte damals sagen: Gott beschütze mich vor meinen Freunden. Das Allegorisiren hat bei den alexandrinischen Juden die höchste Blüthe erreicht. Sein Hauptvertretcr ist bekanntlich Philo. Diese Methode der Schrifterklärung hat sich bis zum heutigen Tage mehr oder weniger erhalte». Man muß cs daher den Religionsphilosophen des Mittelalters besonders Dank wissen, daß sie diese gefahrvolle Klippe zu umgehen snchte». Freilich nur zu umgehen suchten. Daß sie sie ganz ver-; mieden hätten, wäre zu viel behauptet. Man entreißt sich nicht so : leicht seiner und der unmittelbar vorangegangenen Zeit. Methoden; und Lehrweisen, die Jahrhunderte üblich waren, können nicht ohne \ Weiteres in ihr Gegentheil nmgewandelt werden. Es ist schon als I Fortschritt anzuerkennen, wenn man das Fehlerhafte erkennt und sich! von ihm loszuringen sucht.! Dieses Streben macht sich in hervorragender Weise geltend. Saadja warnt ausdrücklich vor der Allegorie. Er behauptet, daß; den Geboten durch die Allegorie ein Sinn untergeschoben werden! tönnte, den sie nicht haben; ebenso könnten die Thatsachen der bibli- 1 ichen Erzählungen zu bloßen Bildern verflüchtigt werden. (B. das. p. 10.) Bei den anderen Religionsphilosophen des elften und zwölften! Jahrhunderts ist das Bestreben, sich der Allegorie zu entwinden, unj verkennbar, obgleich auch sic oft genug an ihr streifen. Eine Ausnahme macht Salomon ibn Gabirol. Er ist, wenn s der Ausdruck erlaubt ist, rückfällig geworden. Man hätte dies nach s den in dieser Beziehung bahnbrechenden Arbeiten Saadjas kaum für! möglich gehalten, und dies umsoweniger, als man berechtigt wäre i voransznsetzcii, daß das grammatische Studium, das Gabirol mit Eifer betrieben, seiner Schrifterklürung eine andere Richtung geben werde. Es macht sich bei ihm in der Exegese — nicht zu ihrem Bortheil — mehr der Dichter, der er ja in hervorragender Weise war, als der Grammatiker geltend. Wir möchten sagen: die dichterische Phantasie ipielte ihm diesen Streich. Die Art, wie er die biblische Erzählung vom Paradiese deutete, ist unverfälschte Allegorie.! Diese ist hier in einer Weise auf die Spitze getrieben, wie man Aehnliches kaum bei den alexandrinischen Juden findet. Wenn man es Gabirol zugestehen muß, daß seine Anschauung eine tiefere war als die, deren Methode er nachahmte, so kann man es nur um so mehr bedauern, daß ec sie in den Nebel der Allegorie hüllte. Um nur ein Beispiel anzuführen, weisen wir darauf hin, daß Gabirol Adam zur „rationellen Seele" macht. Wir meinen, die Bibel! hat Adam die höchste Ehre erwiesen, die einem Menschen erwiesen werden kann. Sie läßt ihn „Namen nennen". Er bildet Worte, ist also der Erfinder der menschlichen Sprache. Kann cs Höheres geben? Hätte Gablrol diescin Gedanken, der ihm vorgeschwebt zu habe» scheint, einfachen Ausdruck gegeben, oder ihn, da er die hebräische Sprache jo wunderbar beherrschte, in dichterisches Gewand gehüllt, wir wären ihm dankbar gewesen und müßten nicht erst im Nebel der Allegorie tvandeln und errathen, ob er das wirklich gemeint habe. Im allegorischen Schmucke wird der alte Adam entkörpert, er hört auf, Mensch zu sein, er wird zur „rationellen Seele". Alle Achtung! Aber die Größe des Gedankens, daß es eben der Mensch Adam ist, der, wohl nach schwerer Mühe aus unartikulirte» Tönen Wörter gebildet, kurz die Sprache erfunden hat, geht uns dabei verloren. Ist Adam die „rationelle Seele", muß Eva (mn) die „animale" sein und nm die beliebte Dreitheilung des Aristoteles herauszubekommen, wird auch die Schlange zur Seele, natürlich zrir „vegetativen". Wir heben dies nur hervor, um zu zeigen, daß auch Helle Köpfe, so sie einmal die schiefe Gedankenebene betreten haben, sich zu Folgerungen genöthigt sehen, vor denen sie bei nüchterner Betrachtung znrückschrecken würden. Dieselbe Erscheinung tritt uns bei Abraham ibn Esra entgegen, dem wir diese Mittheilung über Gabirols Bibelexegese verdanken.') Ibn Esra war ein Heller Kopf, ein nüchterner Denker, ein scharfer Kritiker. Dennoch hat er sich von der Allegorie in der Exegese nicht ganz lossage» können. Dies beweist schon die Zustimmung, die er Ibn Gabirols Erklärung der Erzählung vom Paradiese zu Theil werden ließ. Bei der schonungslosen Kritik, die er an Zeitgenossen und Vorgängern übt, ist es sehr bemerkenswerth, daß er Gabirol, Bezug nehmend auf dessen Erklärung vom Paradiese, den „großen Weisen" nennt. Die Erklärung hat ihn also ganz befriedigt. Wenn Ibn Esra, wie es auch sonst seine Gewohnheit ist, eine eigene Deutung hinzufügt, so beweist diese, trotz ihrer Kürze und Dunkelheit, daß er selbst der Allegorie nicht sehr fern stand. Für Ibn Gabirol bedeutet der „Baum der Erkenntniß" — das „Vermögen der Fortpflanzung", dessen Kraft aus dem „Garten", das ist aus der sichtbaren Welt ist. Entspringt es nicht demselben Gedankengange, wenn Ibn Esra erklärt? Sjrisn msn rbv xim rann p nnxm... ’nn Ueberrascht es lins, daß Gabirol das Gebiet der Allegorie betreten hat, so wird die Ueberraschung bei ibn Esra zur Verwunderung. Eine Erklärung, aber keine Rechtfertigung dürfte in dem Umstande zu suchen sein, daß die Schöpfungsgeschichte, hauptsächlich die Erzählung vom Paradiese, die Phantasie besonders herausfordert. Geht man gläubigen Sinnes an die Erklärung derselben, so schleicht sich an Stelle des Verstandes unbewußt die Phantasie ein und es treten Resultate, wie die vorgeführte», in die Erscheinung. Wir meinen: vor Dingen, die gläubig hingenommen werden wollen, müßten die Gläubigen sich Selbstbeschränkung auflegen. Ihr Forschungstrieb ist dadurch nicht zur Uuthätigkeit verurtheilt. Wie der Naturforscher, so tief er auch dringen mag, zuletzt auf eine Kraft stößt, die zu erklären er außer Stande ist; wie der Psychologe sich dabei beruhigen muß, der Seele die Fähigkeit zuzuschreiben, den Raum anzuschauen, ohne zu fragen, woher sie diese Fähigkeit genominen: so muß der Forschungstrieb des Gläubigen vor gewissen Dingen Halt machen. Thut er es nicht, so hört er in Bezug auf gewisse Dinge auf, gläubig zu sein, verweist sie in das Reich der Fabel und Mythe, oder der Verstand, wenn er überhaupt noch mitwirkt, muß auf Abwege gerathen, irre gehen. Die Allegoristen haben das Letztere erwählt, sie sind sammt und sonders Gläubige geblieben. Daß sie aber auf Abwege gerathen ') S. B. p. 46 daselbst. -) Bacher hat die Exegese Abr. ibn Esra's, ans den ini Vorivort angegebenen Gründen, nicht behandelt.