Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1893)
- Date
- 1893-01-13
- Page
- Seite 19 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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19 richtete. Vom Publikum geachtet und von vielen geradezu vergöttert, war er andererseits ein Schrecken der Autoren und der Schauspieler. Zwei Charakterziige erklären diesen Widerspruch. Heller war ein enthusiastischer Idealist, der aber nur die höchsten Kundgebungen des Schönen in der Litteratur gelten ließ und an Alles den höchsten Maßstab anlegte; was diesem nicht entsprach, verwarf er rücksichtslos und init einer durch nichts beeinflußbaren Wahrheitsliebe, die ihm viele Feinde schuf. Aber der erhebende Ernst, mit welchem er seinen Gegenstand behandelte, zwang auch den Gegnern Ehrfurcht ab; denn unter seinen Händen wurde die einfache Theaterkritik zur litterarhistorischen und philosophischen Abhandlung; noch jetzt dürfte es verdienstlich sein, wenn Jemand seine Prager Kritiken in einem Buche vereinigen würde. Heller war, obschon vorwiegend sich an die großen Vorbilder der Alten, Shakespeares und der neueren Klassiker haltend, durchaus nicht rundweg ablehnend gegen das Neue; wo er hier etwas Bedeutendes entdeckte, kargte er nicht mit enthusiastischer Anerkennung; so war er einer der Allerersten, welche Anzengrubers Werth anerkannten, und er war es, der in seiner Wiener Rezension des „Meineidbaucr" zuerst den Muth hatte, den großen österreichischen Volksdichter mit Shakespeare zu vergleichen; ebenso begründete er durch eine geistvolle Kritik den Ruhm des „Neuen Tannhäuser", noch ehe er oder sonst Jemand dessen Autor, Grisebach, mit Namen kannte. Nur kurze Zeit war er, 1872 und 1873, in Wien als Feuilletonleiter und Kritiker der „Deutschen Zeitung" thätig. Seinem Denkergeist behagte die aufreibende und danklose journalistische Arbeit nicht, und kurz entschlossen, warf er sich, in dem Verlangen, unmittelbar Nützliches zu wirken, auf den Jugendunterricht. Auf diesem Gebiete hatte er schon ein Jahrzehnt vorher in seiner lwhmischen Heimath in engem Kreise und später an der Prager Handelsakademie treffliche Erfolge erzielt. Er war ei» vorzüglicher hehrer und unterrichtete mit Leidenschaft. Nichts freute ihn mehr, als einen Schüler in seinen eigenen Mußestunden von den Elementen auswärts in Kurzem so weit zu bringen, daß erden Homer, den Sophokles oder einen alten Philosophen in der Ursprache lesen tonnte. Mit Strenge hielt er darauf, daß seine Schüler — in Wien waren es später meist junge Mädchen — gründlich das Formale des Gegenstandes beherrschten, aber sobald sie so weit waren, ließ er sie den Ausblick aus die höchsten Ziele gewinnen. So war er, streng gegen sich selbst wie gegen Andere, für Alle, die je seine Belehrung genossen, ein Gegenstand der höchsten Ehrerbietung, und nichts ist rührender, als zu erfahren, mit welcher Andacht seine Schülerinnen an dem Munde dieses Mannes hingen, dessen bartloses, durch Zahnlücken entstelltes Gesicht und dessen schiefe Körperhaltung nicht das Mindeste von dem, was sonst junge Dame» an Lehrern auzuziehen pflegt, aufwies. Aber dieses nicht eben schöne Gesicht war durch ein Auge belebt, welches, obschon durch sein weites Hervortreten und die tiefgehöhlten Brillengläser hochgradige Kurzsichtigkeit verrathend, durch sein Leuchten das bedeutende Geistesleben des Trägers verrieth; und so fesselte er seine Hörer bald durch das hohe Pathos seiner Rede, bald durch den beißenden Spott, mit welchem er das Untergeordnete überzog. Ebenso werden ihn die Wenigen beobachtet haben, welche de» Vorzug seines vertrauteren Umgangs genossen, wo seine Unterhaltung durch die oft nur scheinbare Behutsamkeit seiner leise geführten, scharf pointirten Rede an Reiz gewann. Am liebsten aber verweilte er in seinen schmucklosen vier Wänden bei seinem „Rig-Veda", an welchem er sich fast blind gelesen hat. Es scheint, das; er große Stücke einer metrischen Uebersetzung dieses bedeutendsten der Veden vorbereitet hat, wovon er in der Wochenschrift „Deutschland" nach jahrelanger Zurückgezogenheit einige Proben veröffentlichte.') Heller hinterließ, als er am 8. Januar 1890 starb, einen etwa fünfundzwanzigjährigen Sohn, Dr. Arnold Heller, der ebenfalls hochbegabt, sehr schnell das medizinische Studium beendete und, wie der Vater mit gerechtem Stolz erzählte, zu den bevorzugten Schülern des bekannten Wiener Chirurgen, Professor Albert, zählt. Auch dieser junge Arzt war nicht nur der Sohn, sondern auch der Schüler seines trefflichen Vaters, der uns mit Stolz berichtete, das; „der Junge" eine gute allgemeine Bildung habe und abgesehen davon, das; er ein guter Chirurgus sei, neben den modernen Sprachen auch sein Sanskrit ordentlich kenne. Erst kurz vor dem Tode des Vaters kehrte der junge Gelehrte von einer Seereise, die er zugleich als Arzt und als Patient nach Ostasien unternommen, zurück, und nur kurze Zeit war es ihm vergönnt, sich des Wiedersehens mit dem Vater zu freuen. Möge es ihm ein Trost sein, das; Viele mit ihm seinen Vater als einen echten Weisen betrauern, dessen Werth wir um so klarer erkennen, je länger und schmerzlicher wir ihn vermissen. U Me Gregese im Mienfte des Glaubens und der Philosophie. Von Rabbiner Dr. I. Stier in Berlin. n. Stand nun die Exegese im Dienste des Glaubens und der Philosophie nnd suchte die zwei weit auseinander liegenden Weltanschauungen zu überbrücken, so hat sie sich selbst den größten Dienst erwiesen. Zwei solch edlen Herren dienend, adelte sie sich selbst. Sie mußte, um beide zu verbinden, auch beide kennen, verstehen lernen. Sie mußte sich ebenso in die Tiefe religiöser Anschauung versenke», wie sie sich bestreben mußte, dem Geistesslnge der Philosophie zu folgen. Um dies im Stande zu sein, war es nöthig, das; sie nicht nur ein neues Kleid anziehe, sondern auch eine gründliche Selbstläuternng vornehme. Wer die Wege kennt, die die Schriftauslegung früher nnd auch später gegangen, wird dies gerne zugeben. Besonders eine Gefahr war vorhanden, die, um vermieden zu werden, besondere Aufmerksamkeit erforderte: die Gefahr des Allegorisireus. Der Versuch, das spekulative Denken mit dem Glauben zu versöhnen, ist ja ungefähr 800 Jahre vor Saadja von den Inden Alexandriens gemacht worden. Freilich war dort der äußere Anlaß ein anderer. Während die Religionsphilosophen des M ittelalters den Konflikt zwischen Glauben und Philosophie in sich selbst beseitigen und zur Versöhnung bringen wollten, war es den akexandrinischen Juden hauptsächlich darum zu thun, ihre Zeitgenossen mit den herrlichen Lehren des JudenthnmS bekannt zu machen lind nebenbei auch den Nachweis zu erbringen, daß das geistige und ethische Grit, auf das die Griechen so stolz waren, sich längst im jüdischen Schriftthum vorfinde. Wenn dieser Nachweis bei vielen Grundwahrheiten und allgemein ethischen Lehren leicht geführt werden konnte, weil inan dabei mir ans der thatsächlich bestehenden Fülle tiefer Gedanken nnd erhabener Sittenlehren des jüdischen Schriftthums zu schöpfen brauchte — wollten sich doch nicht alle zur Zeit gang und gäbe griechisch-philosophischen Anschauungen dem festen Ban, wie er sich in den heiligen Urkunden darstellt, einfügen lassen. Der Nagel krümmt sich, wenn er in steinerne ’) Aus dein Nachlaß Hellers sind vor einigen Wochen durch Prof. Tr. Kaufmann dessen ausgezeichnete Uebertragungen neuhebräischer Gedichte unter dem Titel „Die echten hebräischen Melodien" (Trier, T Meiner, erschienen, ein in jeder Beziehung merkwürdiges nnd bedeutsames Wert, auf das wir demnächst ausführlich zurnckkommen werden. Die Red.