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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-01-13 · Heft 2 (13.1.1893) · p. Seite 18

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 2 (13.1.1893)
Date
1893-01-13
Page
Seite 18 (sequence 8)
Language
German
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18 Es unterliegt keinem Zweifel, daß ein großer Theil der Katholiken | seine Kinder nur deswegen in die Pfarrschule sendet, damit sie die; deutsche Sprache gründlich erlernen. Bon den Protestanten hat wohl j nur der orthodoxeste Theil, die Lutheraner, deutsche Schulen, aber alle Denominationen haben deutsche Kirchen, von denen manche über hundert Jahre alt sind, ja selbst solche Kirchen, die in Deutschland selbst nicht offiziell vertreten sind, wie Methodisten, Baptisten und Episkopalkirche, bilden hierzulande deutsche Gemeinden, nur die Juden ändern sich am schnellsten.! Es scheinen dafür zwei Gründe maßgebend zu sein. Der eine! ist, daß der deutsche Christ, wenn er zu seiner Muttersprache hält,! ein German heißt, während der Jude in gleichem Falle ein .lew | oder, wenn man höflich sei» will, ein Hebrew bleibt. Ja, so »ni glaublich cs klingt und so sehr es die Teutomanen verdrießen mag,! es giebt hier Leute, die meinen, das alle Deutschen Juden sind. Wenn j der Jude daher für einen echten Amerikaner gelten will, so muß er! englisch sprechen. Ein zweiter Grund ist der Antisemitismus in i Deutschland. Diese Bewegung hat viele Juden, die wissen, daß hier-! zulaude, »ach mehr als hundertjähriger Erprobung des Systems der i völligen Religionsfreiheit, an eine Beschränkung ihrer Bürgerrechte nicht gedacht werden kann, dahin gebracht, daß sie an das alte Vaterland nicht crrinnert werden »vollen. Schließlich mag die praktische Erwägung dazu kommen, daß an eine daueruve Erhaltung des Deutschen nicht zu denken ist, wahrend ein gutes, accentfreics Englisch eine unerläßliche Bedingung für das Fortkommen im Lande ist. U Stligmann Keller. Bon Emil Schiff. Heller, der am 8. Juli 1831 zu Raudnitz in Böhmen als der Sohn eines in schlichtem bürgerlichen Wohlstand lebenden Brauers geboren war, gehört zu den Geistern, die beinahe Alles äußeren Hiuderuisseu abtrotzeu mußten und die, nachdem sie endlich Geltung erlangt, ebenso durch ihre Schriften, wie durch den Einfluß ihrer Persönlichkeit in Lehre und Beispiel gewirkt haben. Früh waren an ihm besondere Geistesgaben entdeckt; der Vater brachte de» Sohn in höhere Lehranstalten der Landeshauptstadt Prag, wo er durch Talent und eisernen Fleiß bald alle Mitschüler überflügelte, aber durch seine unersättliche Lernlust zugleich eine solche Verschlimmerung einer angebornen Kurzsichtigkeit sich zuzog. daß die erste» Augenärzte dem Vater die baldige Erblindung des Sohnes voraussagteu. Dies geschah in feinem 15. Jahre. Es scheint, daß jene traurige Voraussage den Vater bestimmte, nicht auf einem besonderen Brodtstudium des Sohnes zu bestehen; dieser aber ließ sich in seinen Studien nicht abhalten und sein Feuergeist eignete sich, außer den anfangs beabsichtigten Rcchtskenntnifsen, im Lauf der Jahre durch gründliche Arbeit ein Wissen von einem Umfang und einer Tiefe au, deren Wenige sich rühmen dürfen. Vom Bibel und Talmudstudium ausgegaugen, studierte Heller in den späteren Jahren aufs Eifrigste die Geschichte der christlichen Kirche, die Kirchenväter und die ncuplatonische Philosophie. Die klassische Philosophie hatte er, als ein gründlicher Kenner der alten Sprachen, ohnedies früher keimen gelernt. Später folgte die neuere Philosophie und den Abschluß seiner Neigungen bildete die Vertiefung in die alten Geistesschätze der Inder, deren ehrwürdigste Schriften er im Original ebenso geläufig las wie die modernen Sprachen. Seine Erholung hatten in der Jugend die Hauptwerke der europäischen Litteraluren gebildet, die er durchlveg in ihren Ursprachen las. Die idealistische Richtung, welche Heller, trotz seiner praktischen Grnndanlage und der fast pedantischen Genauigkeit seiner Studien genommen, erklärt sich daraus, daß die Jünglingsjahre dieses für alles Hohe und Große glühenden Herzens in das Ende der vierziger und den Anfang der fünfziger Jahre fielen, in denen das Geistesleben Prags auf ganz Deutschland befruchtend wirkte; es war der Ort und die Zeit, wo Moritz Hartman» und Alfred Meißner durch ihre Freiheitssänge begeisterten. Damals gehörte auch Heller einem Kreise junger Dichter und Gelehrten an, unter denen ihm der später durch Selbstmord aus dem Leben geschiedene Moritz Reich, tvie er in dem kleinen Städtchen Rauduitz an der Elbe zu Hause, in wahrer Herzensfreundschaft verbunden war. In einem seiner letzten Aufsätze „Zum Fall Meißner" setzte er auch diesem Freunde, als einer „Seele von wahrhaft jungfräulicher Lauterkeit", ein schönes Denkmal. Jener Aussatz, in welchem Heller ein auch an diesem fast unbekannt gebliebenen Dichter begangenes Plagiat Mcißuers aufdeckte, war ein tragisches Kapitel aus der Geschichte deutscher Dichtung. Ein nur von wenigen gekannter, aber in dein Bewußtsein dieser Anerkennung und in dem Halt feines eigenen festen und stolzen Charakters aufrecht gebliebener Dichter griff da wenige Wochen vor seinem Ende zur Feder, um den gleichfalls verkannten Freund, den Lebensüberdruß und Roth früh in den Tod getrieben, ins Gedächtniß zurückzurufen und daran zu erinnern, daß! Moritz Reichs Novelle „Mammon im Gebirge" von Paul Heyse und i Hermann und Kurz ihrem „Deutschen Novellenschatz", der bekannten Sammlung novellistischer Meisterwerke, einverleibt worden ist. Aber Heller bekannte darin auch, was ihn vom Freunde noch lange vor dessen Ende geschieden hatte: dessen Scheu vor gründlicher Arbeit. Dies war für Heller charakteristisch. Obwohl er nie zu den zünftigen Fachgelehrten zählte, betrieb er jedes Studium, das er in Angriff nahm, mochte es ein klassischer Autor oder der heilige Augustinus, ein mittelalterlicher hebräischer Dichter oder ein Gegenstand der neueren Philosophie und Geschichte sein, mit einer so peinlichen Gründlichkeit, als wenn dieser spezielle Eegeustand sein besonderer Lebenszweck geioeseu wäre. Auf der Grundlage einer solchen universellen Bildung baute sich sein 1866 und, vollendet 1868, erschienenes Epos „Ahasverus" auf, eine hochfliegeude Dichtung in Terzinen, welche in der Personifikation des ewigen Juden den Entwicklungsgang des Judenthums und, in höherer Verallgemeinerung der ganzen europäischen Kulturwelt durch das Urchristenthum, das dunkle Mittelalter und die Reformation zu dem freien Menschenthum Goethes darstellt. Diese gedankenschwere Dichtung, welche durch den geräuschvollen äußerlichen Erfolg des ungefähr gleichzeitig erschienenen Hamerlingschen „Ahasver in Rom" zu wenig zur Geltung gekommen ist, verdiente noch heute eine sorgfältige kritische Würdigung. Dichter, wie Friedrich Rückert, Litterarhistoriker, wie Kurz und Scherr, stellten das Werk ungewöhnlich hoch, aber es blieb trotz alledem eine Speise für wenige; jetzt, wo der Dichter todt ist und ihn öffentliche Anerkennung nicht mehr erfreuen kann, wird es wohl einmal auferstehen und die i platten Goldschnittreimereien hie und da verdrängen. Auch als i Lyriker war S. Heller nicht ohne Bedeutung; leider hat er den i größten Theil seiner Gedichte nngedruckt gelassen. Nur eine ganz 1 kleine Auswahl davon hat er im Jahre 1872 zum Besten der durch die damalige Ueberschwemmung in Böhmen Geschädigten veröffentlicht. Eine große Wirkung übte Heller aber als Theaterkritiker, in welcher Eigenschaft er bei der Prager „Bohemia" von 1867 bis j 1872 thätig war, während welcher Zeit er zugleich als Professor an . der Prager Handelsakademie Litteraturgeschichte vortrug und als 1 Lehrer an der Talmud Thora-Schule Rabbinatskaudidaten unter-

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