Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1893)
- Date
- 1893-01-13
- Page
- Seite 17 (sequence 7)
- Language
- German
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17 man als sicher annehmen kann, daß das letztere zumeist vorgezogen werden wird. Das neue in der Philadelphiaer Gemeinde Krauskopfs eingeführte Gebetbuch hat bis auf wenige Responsorien, als "DID, yattf und VIAsd gar kein Hebräisch mehr. Diese Entwickelung datirt schon von längerer Zeit her. Ein hiesiger Kantor erzählt mir, daß er vor Jahren einer Versammlung von »Ministers" beiwohnte, wo die anwesenden Kantoren den Antrag stellten, statt »Minister" „Hazan" im Gebetbuch zu sagen. Befragt, warum er den Antrag nicht unterstütze, sagte er: „Viele Rabbiner sind des Hazan Tod." Eine Thatsache, die sich neulich ereignet hat. mag als eine besonders wichtige Illustration für die rasche Entwicklung des Judenthums nach der reformatorischcn Seite hin dienen. Als Nachfolger Dr. Jastrows wurde Dr. Henry Berkowitz aus Kansas City gewählt. Dr. Jastrow und die Gemeinde Rodef Scholom gehören zu den konservativsten; natürlich muß das im amerikanischen Sinne verstanden werden, denn ihr Gebetbuch läßt das Stein'sche und Geiger'sche weit hinter sich. Aber, genug daran, sie sind konservativ, so konservativ, daß sie aus dem Verbände der amerikanischen Gemeinden, (Union of American Hebrew Congregations), welcher das College erhält, austraten, weil bei einer Festtafel der Vereinigung in Folge eines Jrrlhums des jüdischen Restaurateurs Auster» servirt wurden!! Nun ist Dr. Berkowitz nicht nur ein Schüler des College, sondern einer der fortschrittlichste», denn er war es, der noch vor dem Beschlüsse der Conference über die Aufnahme von Proselyten ohne Beschneidung eine Ehe zwischen einem Christen und einer Jüdin einsegnete. Und doch haben seine persönlichen Eigenschaften und seine Beredtsamkeit ihm diese Stelle gewonnen. Wohl ist in erster Linie das Bestreben der Gemeinde maßgebend, einen Redner zu haben, der den populären Redner der andern Gemeinden „beaten“ kann, aber andererseits zeigt der Vorfall doch die entschiedene Tendenz nach links. Da wir gerade die Austern tangirt haben, muß ich eine Geschichte zum Besten geben, die echt amerikanisch-jüdisch ist und dem hiesigen Kantor Goldstein in einer New-Uorker Gemeinde passirte. An einem schönen Jom-Kippurtage wird ein junger Mann zur Thora gerufen, der seinem Vater zuliebe auf eine Stunde in den Tempel kommt. Der Vater, einer der „Hauptmacher" der Gemeinde, will dem Kommnnalsäckel etwas zukommen lassen und läßt den Sohn aufrufen. Die Segenssprüche sind glücklich überstanden, auch den jüdischen Namen bat der vorsorgliche Vater dem Sohne eingeprügt, nun kommt das verhängnißvolle „scbenodar". Mein junger Mann guckt in die Welt und thut gar nichts dergleichen. Der Kantor merkt, woran es fehlt, und raunt ihm englisch zu: „Sie müsien sagen, was Sie für die Gemeinde spenden wollen." Nun muß man wißen, daß hierzulande die Sitte, oder richtig gesagt, Unsitte herrscht, daß von einer Gasthansgesellschaft immer nur Einer zahlt, und daß man sogar oft in die Lage kommt, von Menschen, die man gar nicht kennt, getreatet (traktirt) zu werden. So ist das Mißverständniß des jungen Menschen erklärlich; er sieht sich um und sagt: „Gebackene Austern für die ganze Gesellschaft." Alle Anwesenden versichern, daß sie nie einen fröhlicheren Mischeberach erlebt hätten. Selbstverständlich ist die Geschichte schon längere Zeit her, denn inzwischen sind Ausrufen und Mischeberach den Weg des Tallith, des Tatars und des Machsor gegangen. Aber mit diesen Resten der guten alten Zeit ist eine werthvolle Reliquie geschiounden, das ist die deutsche Sprache. Der Emanuel-Tempel in New-Iork, dessen Gemeinde vielleicht die größte und angesehenste des Landes ist, hat das Deutsche schon längst aufgegeben, obwohl ihr erster Rabbiner, Dr. Gottheit, ein Deutscher ist, allerdings hierher an Samuel Adlers Stelle als englischer Prediger ans Manchester berufen wurde. Neulich hat auch die Bethel-Gemeinde, an deren Spitze Dr. Köhler steht, der mir noch im vorigen Jahre seine Gemeinde als eine deutsche rühmte, beschlossen, das Deutsche auszulaffen, und je weiter nach Westen und Süden man kommt, wo die Bevölkerung mehr stabil ist und die älteren Einwanderer und die Eingeborenen überwiegen, desto weniger ist an die Erhaltung des Deutschen zu denken. Ein dauerndes Beibehalten der deutschen Sprache ist freilich ein Ding der Unmöglichkeit. Der ersten Generation ist sie die Muttersprache, der zweiten ist sie Sprache der Eltern und der dritten ist sie eine fremde Sprache. Das ist der natürliche Lauf der Dinge, aber man könnte ibn verzögern, während er unter Juden beschleunigt wird, so beschleunigt, daß selbst die als Kinder Eingewanderten das mitgebrachte Deutsch völlig verlernen. Die ruhigere und solidere Entwickelung Hütte den Vortheil, die Gefahren zu vermeiden, welche in sprunghaften Veränderungen auf jedem Gebiete liegen; sie hätte aber speziell den Vortheil, daß die wisienschastliche Bildung der Rabbiner höher geschützt würde, was, wie die Verhältnisse jetzt liegen, erst nach und sich Bahn brechen muß. Als sich der erste Ministerverband im Lande bildete, waren die Theilnehmer englische Kultusbeamte, die ihre Gelehrsamkeit dadurch bekundeten, daß sie als Motto die Worte bD, die ihnen aus dem Mi-sche-berach geläufig waren, wählten. Einer von ihnen, der eine der hervorragendsten Stellen des Landes bekleidete, war einmal das Opfer eines ausgezeichneten Streiches geworden, den ihm zwei deutsche Kollegen, von denen einer mir die Geschichte selbst erzählte, spielten. „Hören Sie, Bruder Rüben, — das „Bruder" ist in religiösen Versammlungen der ständige Sprachgebrauch — sagte der eine, „Bruder Simon hat meine Aufmerksamkeit soeben auf eine sehr schwierige Stelle im Pentateuch gelenkt. Reichen Sie mir eine Bibel!" „Hier ist sie." „Tie ist englisch. Haben Sie nicht eine Hebräische?" „Zu Hause nicht, aber ich kann sie ans dem Tempel holen lassen." Die Bibel wird geholt und der Besucher sagt: „Sehen Sie, Bruder Rüben, da in dem Verse: Besser ist es, daß ich sie Dir, als daß ich sie einem anderen Manne gebe, steht zuerst inn und dann Warum steht nicht zuerst Wie?!!" Bruder Rüben kraut sich den Kopf und sagt: „Jes, indeed, das ist eine sehr schwierige Frage. Aber," meint er nach einer Weile, „Bruder Simon, würden Sie nicht, wenn es umgekehrt wäre, ebenso gefragt haben?" Derselbe Herr wohnte einst mit einem sehr fleißigeil Kollegen in demselben Hotel zusammen und fand diesen über dem Targum sclieni sitzen. „Was studieren Sie da. Bruder Abraham?" „Das Dargum sclieni,“ ist die Antwort. „Oh, ich kenne das," sagt der Besucher. „Da ist viel „Kaobbaläh" darin. Ich habe auch viel „Kaobbaläh" studiert, aber vcrrathen Sie mich vor Niemanden." Der Freund versprach», hat aber nicht Wort gehalten. Es giebt aber noch immer Leute, die behaupten, daß dieser große Gelehrte in den vereinigten Staaten seinesgleichen nicht habe. Der Mann war ein geborener Engländer, von einiger, aber durchaus nicht gelehrter Bildung, und das verschaffte ihm Bewunderer. Wäre das Englische nicht sofort zu alleiniger und bevorzugter Geltung gelangt, so wäre dem Eigenbau des Landes mehr Zeit gegeben worden, heranzureifen. Indessen muß man der Wahrheit die Ehre geben und gestehen, daß die Verhältnisse sich bessern und der theologisch geschulte Rabbiner den Dilettanten verdrängt. Ein merkwürdiger Gegensatz besteht in nationaler Richtung zwischen dem Judenthuin und der Kirche. Die letztere, und besonders die katholische, hat einen großen Theil ihres Einflusses dem Entgegenkommen zu verdanken, welches sie der Nationalität der Einwanderer angedeihen läßt. Die Deutscheil »ud die Italiener, welche die kompakteste Masse der Einwanderer bilde», haben Kirchen und Schulen, in denen ihre Muttersprache in hervorragendem Maße gepflegt wird.