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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-01-13 · Heft 2 (13.1.1893) · p. Seite 15

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 2 (13.1.1893)
Date
1893-01-13
Page
Seite 15 (sequence 5)
Language
German
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15 tigfeit, trotz nachgewiesener Befähigung, trotz abgeleisteter Dienstpflicht um ihres Bekenntnisses willen der Eintritt i» eine höhere Stufe unnachsichtlich verweigert würde, wie den israelitischen Soldaten? Es wird diesen gerade nicht leicht und nicht angenehm gemacht, ihr Vaterland zu lieben. Dennoch ist dies der Fall, und mehr als es sich die berufsmäßigen Verhetzer träumen lassen! Und ähnlich wie mit der vermeintlichen Kosmopolitizitüt der Juden ist es mit ihrem Radikalismus bestellt. Das Eine ist so wenig zutreffend wie das Andere. Die Juden sind als solche ebensowenig kosmopolitisch, wie sie radikal sind. Biel eher ist das Gegentheil der Fall. Die Juden neigen ihrer Natur nach viel mehr zu einer konservativen Auffassung hin, und es ist wahrhaftig nicht ihre Schuld, wenn sie sich vornehmlich den liberalen Parteien zugewendet haben. Will man etwa leugnen, daß es unter allen politischen Parteien in Preußen Inden gegeben hat? Aber es paßt in das unehrliche Berhetzungssystem, stets die radikalen Juden als abschreckende Beispiele vorzuführen und die Konservativen, ja die Reaktionären unter ihnen geflissentlich zu ignoriren. Noch bis auf den heutigen Tag gilt jenes witzige Wort, das ein alter Rabbiner gesprochen, der von der Stadt Krakau in den Wiener Reichsrath entsandt »vurde, und der seinen Platz unter den Linken eingenommen hatte. Als ihn nämlich der jugendliche Kaiser Franz Josef darum fragte, wie es denn komme, daß er als der einzige Geistliche seinen Sitz auf der Linken habe? „Weil wir Jude», Majestät, keine Rechte haben" — lautete die schlagfertige Antwort; so ist es in Wahrheit heute noch vielfach der Fall, und da nmndert man sich, das; die Juden sich zu einem großen Theile denjenigen Parteien anschließen, von denen sie sich einer Geltendmachung ihrer Rechte versehen müssen? Wenn das Egoismus ist, dann ist er sehr verzeihlich. Aber cs bleibt trotzdem wahr, die Juden als Geincinschaft haben als solche nichts mit Radikalismus zu schaffen, und man sollte diesen Vorwurf nicht immer wiederholen, wenigstens sollten das die billig Denkende» unter den Gegnern nicht thun. Wir haben in diesen Zeilen einige Punkie berührt, die sich auf die Abwehr der gegen die deutschen Juden erhobenen Vorwürfe beziehen, und wir haben auch einen Weg angedeutet, auf welchem diese Abwehr beschritten werden könnte. Mögen unsere Rathschläge befolgt werden. ¥ Wiener Briefe. XXIV. T. Man braucht sich gerade nicht auf die Deutung von Zeichen zu verstehen, um in dem. was am Horizonte des öffentlichen Lebens gegenwärtig vernehmbar ist, ctivas Linderes zu erblicken, als dasjenige, was durch das Medium des Gesichtssinnes zur Offenbarung gelangt. Es erweist sich lediglich als die Decke für Zwecke, Tendenzen und Absichten, deren Verfolgung sich nicht öffentlich betreiben läßt. Wesen und Bedeutung mancher Erscheinung liegen tveniger in dieser selbst, als in dem, was sich hinter ihm verbirgt. Das gilt namentlich vom Antisemitismus. Nicht der Glaubens- und Rassenhaß, nicht der Konkurrenz- und gesellschaftliche Neid haben ihn, wie im ersten Augenblick gemeint wird, gezeugt und zur Welt gebracht; sie sind ihm blos zu Gevatter gestanden und haben ihni den Namen gegeben. Diejenigen, denen er das Dasein zu danken hat, sind vielmehr dort zu suchen und zu linden, wo man sich mit jener Macht verbunden hat, die lichtscheu, in> Schatten der Nacht ihr schwarzes Werk zu vollführen bestrebt ist, >nit der Reaktion. Der Antisemitismus ist nicht Zweck, sondern Mittel, bestimmt, der leicht zu bcthörenden Menge, tvelche allzu bereitwillig ist, dem Rufe: „Steinigt sie!" zu folgen, als Köder zu dienen, um sie von der Wahrnehmung ihrer eigenen vitalen Interessen abzulenken und die Bahn freier zu machen für die riickschrittlichen Tendenzen. Nur so sind gewisse Akte der Gesetzgebruig, manche unter den Auge» der Regierungsorgane sich vollziehende Begebenheiten zu begreife». Antisemitismus sagt man, Reaktion meint man. Das Spiel ist ein getvagtes. „Wo rohe Kräfte sinnlos walten, da kann sich kein Gebild gestalten." Bereits sind sie in ihren Umrissen zn erkennen, die nach dem unwandelbaren Gesetze der kausalen Wechselwirkung aus einem solch gefährlichen Beginnen sich ergebenden unheilvollen Konsequenzen; schon umkreisen die Raben die Wählstatt, >oo Schlachten geschlagen werden sollen. — Dr. Geßmann spricht im Abgeordnetenhause offen von Unruhen, die demnächst mit Sicherheit zn erwarten sind, Dr. Lueger freut sich, in den Vorgängen in Frankreich die Losung zur Gewalt erblicken zu können; rückhaltslos reizt Schneider zu Angriffen gegen Person und Eigenthum auf. „Nichts Heiliges ist mehr, es lösen Sich alle Bande frommer Sche»; Der Gute räumt den Platz dem Böse» Und alle Bosheit waltet frei." Kann dieser Zustand lange währen? Muß nicht vollständige Verwirrung eintrete», wenn solche Schrankenlosigkeit geduldet wird? Thoren, die noch einen Kitzel darin zu finden verniögen, wenn auf die kecke Rede von der einen die scharfe Antwort von der andern Seite folgt, auf den Klotz frecher Beschimpfung der grobe Keil verletzender Antwort füllt: ist damit etwas gethan? Im Gegentheil. Au den Inhabern der staatlichen Macht ist es, ein Ende zu mache»; die Rechnung war falsch: den Antisemitismus — sprich: Reaktion — meint man, und die Anarchie ist daraus geworden. Auch in anderer Richtung dürste eine arge Entäuschung eintcctcn. I» einer am 12. v. M. stattgehabten Versammlung des Wählervereins der „Vereinigten Christen" sagte Lueger: „Bisher haben die Volksaufstände immer gegen Bischöfe und Mönche gewülhet, jetzt kann man die Hoffnung hegen, daß man die Bischöfe und Mönche in Ruhe lassen und dafür fettere Opfer auserseheu wird." Das war wieder Sand in die Augen gestreut. Unter dem Vorgeben, daß darin eine Gewährleistung für deren eventuelle Sicherheit läge, sollen von den reichen Bisthümern und Klöstern die Mittel geholt werden für die agitatorischen Zwecke dieser Maulhelden; in Wahrheit meint es Lueger in diese», Falle gerade so ehrlich, wie er es seinerzeit mit dem Liberalismus, mit der Demokratie ehrlich gemeint hat. Diesem Demagogen ist jeder fremde Besitz ein Greuel. Selbst der geistige Besitz ist ihnen ein Dorn im Auge; das gesellschaftliche Chaos ist das Ziel ihrer Sehnsucht, ihrer Agitation. Ob cs der Wahrheit entspricht, daß die von Schneider gehaltene, der Interpellation Sammarugas zum Gegenstände dienende Brand- und Schaiidrede nun gerichtlich verfolgt werden soll, wird die nächste Zukunft lehren. Die Rede, welche (am 20. v. Nt.) Lueger in Klosterneuburg hielt, wirtte gerade nicht hoffnungerregend. Sie stand in nichts der aufreizenden und zum Angriffe gegen die Juden direkt aliffordernden Rede Schneiders nach, und doch fand der anwesende Regierungsvertreter sich nicht veranlaßt, seines Amtes zu walten. - Auch der Ort, wo, iuid die Zuhörerschaft, vor der die katilinarische Rede gehalten wurde, geben zum Denken Anlaß. Die Restauration des reichen Klosternenburger Stiftes öffnete ihre weiten Räume dieser Antisemiten-Versammluiig und eine große Zahl von Geistlichen gehörte mit zuin Kontingent der Zuhörer. Frage noch Jemand, woher das viele Geld kommt, das die wüsten Gelage und das zuchtlose Treiben der Antisemiten konsumiren? Hört sich nicht die Rede

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