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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-01-13 · Heft 2 (13.1.1893) · p. Seite 14

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 2 (13.1.1893)
Date
1893-01-13
Page
Seite 14 (sequence 4)
Language
German
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14 Abwehr. Bon Dr. I. Siaftan. „Oeffentlichkeit" ist die Losung unserer Zeit, und darin unterscheidet sie sich vornehmlich von der Vergangenheit, daß sie keinerlei Heimlichkeiten duldet. Alle Kümpfe, von denen unsere Gegenwart erfüllt ist, werden unter dem breiten, vollen Lichte der Oeffentlichkeit ausgefochten. Daher die ungeheure Lebhaftigkeit, ja die zuweilen eri schreckende Wildheit, mit welcher die Gegner auf einander einstürmen, j Und dennoch liegt in dieser unserer Zeit eigcnthümlichen öffentlichen! Kampfesweile ein unermeßlicher Fortschritt gegenüber den Sitten vergangener Geschlechter. Daß in unseren civilisirteren Landern nicht sogleich an die rohe Gewalt der Fäuste appellirt wird, verdankt man zruneist diesem entwickelten öffentlichen Streitverfahren auf allen Gebieten des staatlichen und des gesellschaftlichen Lebens. Die abscheuliche Judenhetze, welche sich dermalen gleich einer ansteckenden Krankheit über weite Strecken in unserem Vaterlande, die Gemüther verbitternd und vergiftend, verbreitet, zeigt, wie kaum eine andere Angelegenheit, den ungeheuren Unterschied in der jetzige» und in der früheren Kampfesart. Ohne dieses Sicherheitsventil der Oeffentlichkeit hätte sich die ungemeine Spannung unserer Volksseele sicherlich in furchtbaren Thätlichkeiten entladen. Parlament, Presse, Versammlungsrecht, das sind die drei hauptsächlichen Waffengattungen, mit welchen in unserer Zeit um allgemeine Interessen und Anschauungen gefochten wird. Die Gemüther werden freilich dadurch auf das Tiefste erregt und in Mitleidenschaft gezogen; allein das Schlimmste wird dennoch : dadurch verhütet. Und hierin liegt unstreitig ein sehr großer Fortj schritt in der allgemeinen Entwickelung. Für eine ausschließlich philoj sophischc Betrachtungsweise mag sich diese Art des Fortschritts recht j gcringwerthig ansnehinen, allein dem mit geschichtlichen Angen ausgerüsteten Beobachter zeigen sich die Dinge in einem anderen ge- | rechteren Lichte. Sind aber, so fragen wir, mit jenen aufgezählten Waffengattungen die Abwehrmittcl gegen eine so verderbliche Bewegung wie die Judenhetze erschöpft? Sind nicht vielmehr noch andere Abwehrmiltel in dein Köcher der Oeffentlichkeit vorhanden? Jene genannten Vertreter der öffentlichen Meinung, wie sie sich in der Presse, im Parlament, in den Versammlungen darstellcn, sind nur die bereitesten, über welche man nach Beliebe» verfügen kann, doch sie sind keineswegs die einzigen vorhandenen. Es giebt vielmehr unseres Dafürhaltens noch ganz andere Mittel, deren sich die angegriffenen Juden bedienen können, und es scheint uns hoch an der Zeit zu sein, von ihnen einen geeigneten Gebrauch zu machen. Um cs mit einem Worte ausznsprechen: Die so schwer und vielfach so ungerecht verleumdeten deutschen Juden sollen die Vcrtheidignng ihrer bedrohten gesellschaftlichen und rechtlichen Stellung nicht mehr so ausschließlich wie bisher j ihren Anwälten in der Presse und im Parlamente überlassen, sondern sie sollten srcimüthig, entschloffen und würdig die große Sache der allgenieinen Gerechtigkeit selber in die Hand nehme». Es ist in der allerjüngsten Zeit viel von solch einem Versuch die Rede gewesen, welcher seitens der bedeutendsten und zahlreichsten israelitischen Gemeinde in Dentschland unternommen werden sollte. Die gesetzmäßige Ver-! tretnng der Berliner israelitischen Gemeinde sollte, wie erzählt wurde, j die Absicht gehabt habe», sich mit einer Bitte oder Beschwerdcschrift! au das Staatsoberhaupt zu wenden, um demselben die bedrohte Lage j ihrer Glaubensgenossen zu schildern. Die Absicht mag eine löbliche, sicherlich eine menschlich sehr begreifliche gewesen sein. Zweckdienlich ist sie indessen wohl nicht gelvesen. Allein in einer andren Richtung könnte sich sehr ivohl die Ablvehr jener unberechtigten, verhetzenden Angriffe durch die gesetzmäßigen Vertreter der Juden als solcher bewegen, ohne daß sie der Vermittelung von Preffe und Parlament bedürfte. Wie die katholischen Staatsbürger alljährlich in großen Versammlungen durch ihre gelvählten Vertreter offen und frei vor aller Welt verkünden, welche Wünsche sie betreffs ihrer spezifisch kirchlichen Entwickelung im Staatsleben erfüllt sehen, welche Forderungen sie all die Staatsregicrungen erhebeil möchten, so ähnlich müßten die Juden die Wahrung ihrer Rechte selbst in ihre Hände nehmen. Allerdings sind Katholiken und Israeliten hinsichtlich ihrer verfügbaren gesellschaftlichen und materiellen Machtmittel nicht mit einander zu vergleichen. Allein das ist ja auch zum Glück für die Juden gar nicht nothwendig. Die fordern ja keine weltgeschichtlichen Revindikationen; sie verlangen ja keine Veränderungen in den bestehenden europäischen Staatengrnppirungeli zu Guiisteli der höchste» Kirchengewalt. Die Juden verlangen einfach, daß man nicht gefliffentlich ihnen insgesammt alles mögliche Ueble andichte, daß man ihre vaterländische Gesinnung nicht ungerechter Weise in Frage stelle, daß man ihnen die Liebe zu dem Lande, in welchem sie und ihre Vorfahren geboren, an deffen Schicksalen sie in Freud und Leid theilgenominen, nicht absprechc. Man wirft den Inden einen gewissen internationalen Sinn, eine gewisse kosmopolitische Neigung vor, und nian will damit zugleich einen Vorwurf gegen sie erheben, als mangle es ihnen an Liebe zum Vaterlande. Ein nur oberflächlicher Blick in die geschichtliche Entwickelung der modernen Staate» läßt die Hinfälligkeit, die Ungerechtigkeit dieses Vorwurfs hell und klar erkennen. Handelt es sich um die Abtvehr einer Unbill, welche den Jude» in einem barbarischen Lande zngefügt wird, dann freilich sind die übrigen Glaubensgenosse» überall bereit, sich der Bedrängten und Gekränkten nach Kräften anzunehmen. Ist das ein Charakterfehler, verdient solch ein Thun mit dem Makel einer vaterlandslosen Gesinnung gebrandinarkt zu werden? Nimmt sich der Gustav Adolf-Verein, nimmt sich der Pius-Verein nicht auch seiner bedrängten Glaubensgenossen an, die sich unter einer andersgläubigen Mehrheit naturgemäß nach einem Schutz nmsehen? Ist aber nicht jede Religion ihrem Wesen nach international? Machen die einzelnen Bekenntnisse innerhalb des Christenthums Halt vor den staatlichen Grenzpfählen? Nur das Judenthum also ist, wie jeder Religionsbegriff kosmopolitisch; die Bekenner des Judenthums dagegen sind und bleiben Kinder des Landes, in welchem sie geboren sind und welches sie lieben, trotzdem die Landesmutter gegen diese i ihre Kinder nicht immer die zärtlichsten Gefühle hegte. Man blättere! doch in den Geschichtsbüchern der modernen Kulturvölker, und man j wird überall, in Italien und in Ungarn, in Frankreich und in Polen, j in Deutschland wie in Rußland Juden, und zwar in nicht geringer Zahl finden, die von glühendster Liebe zu ihrem Vaterlande erfüllt sind und mit bent Tode vielfach ihre Vaterlandsliebe besiegelt haben. Polnische Aristokratinnen zeigten mit Stolz das Bildniß des Warschauer Rabbiners Meysc l neben dem des Erzbischofs, die als Märtyrer der polnischen Vaterlandsliebe in den Kasematten von Praga schmachteten. In den amerikanischen Heeren während des Sezessionskrieges fochten auf beiden Seiten Israeliten. Der Süden wie der Norden wies hervorragende jüdische Kämpfer auf. Nicht anders war es in Italien, in Frankreich, in England, nicht anders bei uns. Will man cs in Abrede stellen, daß unsere jüdischen Soldaten im Felde ihre volle Schuldigkeit gethan? Will man leugnen, daß viele jüdische Soldaten und Aerzte sich in unseren nationalen Kämpfen Ocdensauszeichnungen, eiserne Kreuze errungen haben? ' Sind das nicht Thaten, die von Vaterlandsliebe zeugen? Daß ' man immer nnd immer wieder dieser Dinge erwähnen muß! Wi i aber würden gewisse landläufige Pächter einer vaterländischen Gesin nung mit ihren Zähnen knirschen, tuen» ihnen trotz bewährter Tüch- -

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