Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1893)
- Date
- 1893-01-13
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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57. Jahrgang. Nr. 2. Allgemeine Berlin, 13. Januar 1803. eitung des Zudenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Voitover direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. »uedacteur: Gustav K arpeles. Begründet von Rabbiner 8*. Ludwig Philippsou-Bonn. Verlags-ErpeLition: Gerlin. Jerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag der „Allgem. Zeitung deö Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/40 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhltlt. Leitartikel: .Schutzjuden oder Staatsbürger?" — Abwehr. Von Tr. I. Kaftan. — Wiener Briefe. XXIV. Von T. — Briefe aus Amerika. II. Äon Dr. G. Deutsch. — Seligmann H.ller. Von Emil Schiff. — Die Exegese im Dienste des Glaubens und der Philosophie. II. Von Dr. I. Stier. — Feuilleton: Gedalia. II. Eine Dorfgeschichte von Elise Orszeszko. — Der prahlerische Spatz. Von Gustav Jacobsohn. — Litterarische Mtttheilungen. Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Äosen. Breslau. Schweidnitz, Oels in Schl.. Hannover. München. Darmstadt. Vwrzheim. Wien. London. Paris, Warschau Cinclnuati. — Von Nah und Fern. Miscellen. — Bei der Redaktion ringegangene Bücher. „Schuhjuden oder Staatsbürger?" Berlin, 19. Januar. Die Absicht der Berliner Gemeindevertretnng, eine Adresse an , den Kaiser zu richten, hat, wie bekannt, zn eifrigen Diskussionen geführt. Sie ist sogar die Beranlaffung zu einer Broschüre geworden, Die soeben unter dem Titel: „Schutzjuden oder Staatsbürger?" erichiencn ist. Uebcr diese Schrift, die gegenwärtig viel besprochen wird,;'.ehen uns von verschiedenen Seiten eingehende Zuschriften zu. Wir haben für heute die folgende ausgewählt, iveil sie besonders klar und mchlich die Bedenken formulirt, die gegen den Standpunkt jener Schrift erhoben werden müssen. ' „Schutzjude oder Staatsbürger", so lautet die Ueberschrift einer ■ lroschüre, die in diesen Tagen die Preffe verlassen hat und den Anruch erhebt, als Ausdruck „des besseren Theils der deutschen Juden" zu j - len. Bon dem Streit über die Opportunität einer Adresse an den! i onarchen ausgehend, will die Broschüre die Grundlage zu einer Ber-!\ Willig dieses besseren Theils, der „die Mehrheit der jüdischen Staats- > . rger" umfaßt, bieten und formulirt bereits sechs Grundsätze als! i pgramm für ihre Thätigkeit in der Zukunft. Den meisten dieser I undstttze zuzustimmen, wird keinem unter den Gebildeten unserer mbensgenosien schwer werden — sprechen dieselben doch in ihrer : ignanten Formulirung unverhüllt ans, was Jeder von uns seit; ’ er dachte und empfand. Zu schweren Bedenken giebt indeß der dritte Satz des Programms i nlaß; er lautet: „Unser Glaube und unsere Moral beruht nicht ans n Lehren vergangener Jahrhunderte, sondern ans den Anschauimdie wir einer modernen, nationalen Erziehung verdanken." Mit! -/erlaub — das ist nicht wahr, und in dem Kampfe, der leider : um schon fünfzehn Jahre unser Leben verbittert, bedarf es ja nach >em Ausspruch des Verfassers vor Allem der Wahrheit und des Muthes. Die weitaus meisten Menschen, Juden, Katholiken oder Prostauten, erwerben sich ihre sittlich-religiösen Anschauungen nicht blos durch Aneignung der großen Gedanken der nationalen Dichter", ndern vor Allem aus dem Unterricht in der Religion. Dieser interricht hat die Ausbildung des sittlich-religiösen Gefühls als I Hauptzweck, während die anderen Disziplinen die Erwerbung einer Fachbildung herbeiführen wollen und erst mittelbar jenem Zweck zustreben. Nun fragt es sich: Ist denn der auf diese Weise von uns den deutschen Juden, gewonnene Glaube und die so geschöpfte Moral nicht mindestens ebenso gut und rein wie der Glaube und die Moral unserer andersgläubigen Nachbarn? Haben wir nicht vielmehr ans verschiedenem Wege dieselben ethischen Grundsätze für unser Thun und Handeln erhalten wie unsere christlichen Mitbürger? Lediglich auf diese ethischen Grundsätze kommt es an; denn ob Jemand die „verschimmelten Gesetze", wie der Herr Verfasser nicht eben sehr pietätvoll (S. 9) schreibt, die doch auch nur auf anderer Weise ethischen Zwecken dienen sollten, beobachtet oder nicht — das ist Sache des Einzelnen, und selbst der strenggläubigste Orthodoxe wird es nicht versuchen, einen Juden, der diese Gesetze unbeachtet läßt, ans der Reihe der Glaubensgenossen zu stoßen, wofern dieser nur den Glauben an den einig-einzigen Gott sich bewahrt hat. Wir Juden haben keine Dogmen, wir hegen die weitgehendste Achtung vor der religiösen Meinung eines jeden Einzelnen nicht laut genug kann dieses unser Bekenntniß in die Welt tönen! Wir haben wiederholt feierlich erklärt, daß der Talmud kein für »ns bindendes Buch ist, daß er der Niederschlag von Meinungen der verschiedensten Gelehrten in verschiedenen Jahrhunderten ist, daß wir aber (und der, wie überhaupt in der Wissenschaft, so auch in der Kenntniß des Talmuds gebildete Herr Verfasser erklärt es Seite 9 gleichfalls ausdrücklich) die Moral des Talmuds für eine gute, also die gleiche, wie die aller Ehrlichen und Gebildeten der Jetztzeit halten. Weil nun unsere Gegner aus Bosheit und Unkenntniß dieses Buch, die Geistesquelle, aus der unsere Vorfahren Jahrhunderte lang die einzige Nahrung gesogen haben, schmähen und mit Schmutz bewerfen, deshalb sollen wir es gleichfalls von uns stoßen? Nimmermehr, eine solche Erklärung abzugeben hindert schon die Pietät, die hervorragendste der „großen, nachahmenstverihen Tugenden der Juden!" Der dritte Satz muß, um der Wahrheit zn entsprechen, lauten: „Die ethischen Grundsätze d er Juden sind die nämlichen, wie die unserer christlichen Mitbürger." Die Verachtung, die der Herr Verfasser dem gennßgierigen Protzenthnm zu erkennen giebt, sein Mahnruf an die getvaltige Masse der Gleichgiltigen, wird alsdann hoffentlich nicht unbeachtet bleibe»!'! i) Von anderen Seiten sind übrigens noch mancherlei, allerdings nicht so schwerwiegende, darum aber doch gewichtige Bedenken gegen einzelne Behauptungen, wie gegen den herausfordernden Ton der in Rede stehenden Schrift, und vor Allein gegen die unberechtigten Angriffe aus die Berliner Gemeindeverwaltung, mit Recht geltend gemacht ivorden. Die Red