Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1891)
- Date
- 1891-12-11
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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mehr so leichten Kaufes verleumden zu lassen. Vielmehr sollen sachkundige .Redner fortan die Herren Hetzer überall begleiten, um an Ort und Stelle das Volk aufklären zu können. Thatsächlich hat sich auch schon durch das Fiasko der letzten Versammlungen derjenigen Kreise, welche hier die Judenhetze als Beruf betreiben, eine gewisse Furcht bemächtigt; das „Geschäft geht schlecht". Man beabsichtigt daher — wie dies in Rietberg und anderorts bereits geschehen ist die Propaganda derart zu betreiben, daß die Antisemitenführer stets nur unter Mitnahme einer Leibgarde valgo Claque in die verschiedenen Gegenden ziehen, damit es an den nöthigen „Bravos" bei passenden Stellen nicht fehle. Es wäre zu wünschen, daß demgegenüber die oben geschilderte Gegenagitation in umfangreicherer Weise betrieben würde. An Gutgesinnten, die das nöthige Wissen und auch die gehörige Redegabe haben, fehlt es ja nirgends. ll Aus Westfalen, 6. Dez. Einern Zeitungsberichte entnehmen wir, daß der wegen notorischer Trunksucht aus denr Amte entlassene Pastor Dr. Danneil aus Bielefeld auch in Crefeld eine seiner berüchtigten Hetzreden gehalten hat, wie früher schorr in Mürrster, Osnabrück und an verschiedenen andern Orten. Ausgefallen ist uns, daß ihm weder in Münster noch in Crefeld von berufener jüdischer Seite entgngengetreten wurde. Auch in hiesiger Gegend regte sich die antisemitische Agitation in diesem Jahre stärker als bisher — es ist ihr aber nicht gelungen, die Epidemie in die breiten Schichten der Bevölkerung zu tragen, weil in allen öffentlichen Versammlungen eine geeignete Persönlichkeit, gewöhnlich der Lehrer, dem Hetzredner entgegentrat, um augenblicklich die vorgebrachten sinnlosen Beschuldigungen zn entkräften und zu widerlegen. Es ist das ja so leicht und so sehr wirksam. Selbst vorurtheilslose Christen fragen mit tiefer Entrüstung: Warunr dürfen solche Männer, die aus der Berläumdung und der Aufstachelung aller schlimmemnen schlichen Leidenschaften einen Br oderwerb machen, immer und immer wieder ungestraft das Judenthum und mit ihm alle seiner Bekenner verunglimpfen, ohne daß einer von diesen den Muth hätte, für seine und seiner Glaubensgenossen Ehre einzutreten! Gewöhnlich hört man als Antwort auf diese Frage: „Unsere Rechtfertigung muß, um wirksam zu sein, von Andersgläubigen ausgehen. Wir Juden dürfen so etwas nicht thun." Ja, du lieber Himmel, warum denn nicht? Findet sich ein tüchtiger Redner aus anderen Kreisen, der für uns eintritt, nun gut. Wenn aber nicht, so sind wir doch entschieden die Nächsten dazu! Sagt Jemand zu einem ehrenwerthen Manne „Du bist ein Lump", so antwortet ihm dieser, ist er temperamentvoll, mit einer Ohrfeige. Der ruhigere setzt ihm sein Unrecht auseinander. Der Phlegmatische sagt nichts wieder, sondern geht vor Gericht und klagt. Was aber würde man von dein Manne denken, wenn er schnell zuni Freunde liefe mit dem Verlangen: Der hat mich einen Lumpen genannt, sag' ihm doch mal die Wahrheit! Das Judenthum ist rein, ist erhaben! Seine Gegner aber stempeln es zu einer Religion des Truges, sie machen jeden Juden zum Verbrecher. Die blinde Masse glaubt —- und wir sollen nun schweigen? Da ist es doch kein Wunder, wenn die Krankheit des Jahrhunderts eine schreckenerregende Ansdehnung gewonnen hat und noch stets im Zunehmen begriffen ist. Oder aber man erklärt jede Gegenwehr für zwecklos, weil doch unsere Feinde von der Unwahrheit ihrer Behauptungen überzeugt sind, von einem Bekehren zu andern Ansichten also gar nicht die Rede sein könne. Ja wohl, die Hetzer selbst wissen, daß sie lügen, auch die enragirten Antisemiten, ihre Freunde, nicht aber der große Haufe der Neugierigen, der sich zu jeder dieser Versammlungen einfindet, um einem interessanten Redetournier beizuwohnen, — leider aber nur des Einen Meinung zu hören bekonnnt. Manche unterlassen den Versuch in der Ueberzengung, sie würden gar nicht zürn Wort kommen, ihre Beweise würden von der wüsten Menge niedergeschrien werden. Welch' ein Armuthszeugniß stellen sie sich damit aus! Wenige, treffende Worte, in der rechten Weise gesprocherr, über: stets einer: moralischen Zwang auf eine große Menge aus, wie Herr Prediger Coblenz-Bielefeld bewieserr hat. Muth und Begeisterung, gepaart mit der nöthigen Redegewandtheit verfehlen ihre Wirkung nie. Der Einwand: „Ich stehe zu hoch, um mit dem Gesindel rnich zu befassen, — ich vergebe mir etwas dabei, hat nur den Vorzug, daß er wunderschön klingt. Als im vorletzten Jahre der Abgeordnete Rabbiner Dr. Bloch im Oesterr. Parlamente in seiner meisterhaften, weithin bekannt gewordenen Rede die Hetzereien des Abgeordneten Türk geißelte, als derselbe Herr vor Kurzem ebenso treffend die boshaften Ausfälle des antisemitischen Fälschers Schneider zurückwies — hatte da irgend Jemand das Gefühl, als habe sich der genannte Herr etwas vergeben? Gewiß nicht. Man pries seinen Muth; man begeistert sich für seine Ausführungen — man verkündete die Reden wie ein glückliches Ereigniß — mit dem wehmüthigen Stoßseufzer: „hätten wir viel solcher Männer"! Auch Ihr Predigerund Lehrer, kämpft für die Wahrheit gegen Lüge und Heuchelei! Ihr Rechtsanwälte —vertheidigt Eure Ehre! Ihr Geschäftsleute — wehrt Euch gegen den Vorwurf der gewissenlosen Grwerbsgier! Antwortet den Feinden Eures Glaubens und Eurer bürgerlichen Gleichberechtigung, wie Herr Coblenz-Bielefeld; weist die rohen Angriffe der antisemitischen Presse in vorurteilslosen Blättern zurück, wie Herr Lehrer Steinweg-Rheda die Beschuldigungen der „Gütersloher Zeitung" in einer Reihe von Artikeln im hiesigen Kreisblatte „Der Bote an der Ems" mit Erfolg widerlegt hat! Schämt Euch nicht, öffentlich zu beweisen, daß Ihr echte deutsche Männer, treue Juden — und eben deshalb ehrenhafte Menschen seid! und es muß, es wird besser werden! * Hamburg, 9. Dezember. Das Be k l ei d n n g s - C o mi t6 für russische Juden, welches sich hier vor einem halben Jahre gebildet hat, kann auf eine segensreiche Arbeit zurückblicken. Fast 8000 arme Durchwandernde sind ganz oder theilweise mit Kleidung versehen worden. Indessen haben die umfangreichen Ansprüche, welche dergestalt an das Comitö herantraten, die Vorräthe desselben völlig erschöpft, so daß die Mildthätigkeit Edelgesinnter aufs Neue zur Lieferung von Bekleidungsgegenständen aller Art in Anspruch genommen werden muß. Jede, selbst die kleinste Sendung wird mit Dank entgegengenommen. Die Adresse ist: An das Bekleidungs-Comitö für russische Inden, Hamburg, Katharinenstr. 80. Oesterreich-Ungarn. 8 Wien, 1. Dezember. In Nr. 48 Ihrer gesch. Zeitung erörtert einer Ihrer Wiener Korrespondenten die Knltussteuerfrage, die be. uns schon so viel Staub aufgewirbelt hat. Seit Menschengedenken ist in der Wiener isr. Kultusgemeinde stets ein Defizit in den Jahresrechnungen vorhanden. Die Jahresrechnung vom 80. Oktober 1890 überraschte alle pessimistischen Kritiker unserer Finanzwirthschaft. Nach langen, defizn - reichen Jahren folgte endlich mit dem Jahre 1890 ein defizitloses Jahr, was aber de facto nur bent Umstande zu bauten ist, daß man sich im Schooße des Vorstandes entschlossen hatte, die Kultussteuer anf ein Maximum von 3000 fl. gu erhöhen. Der neue Finanzminister der Wiener Jsraelitengemeinde handhabt nun die Steuerschraube mit einem Maximal' beitrage von 3000 fl. an unserer Finanzaristrokatie unb traf damit den Nagel auf den Kopf; denn das Defizit ist verschwunden. Als seltene Begebenheit aus der vom Antisemitismus durchtränkten Wiener Lehrerschaft diene folgendes wahre Faktum. Ein jüdischer Kommunallehrer war seit längerer Zeit durch Krankheitsfälle in seiner Familie derart finanziell herabgekommen, daß er thatsächlich am Hungertuche nagte. Sein christlicher Oberlehrer und Vorgesetzter, ein sehr humaner unb vorurteilsfreier Mann, überraschte den verzweifelnden, schwer gebeugten Familienvater mit einem Darlehen von 100 fl., ohne irgendwie dazu aufgefordert worden zn sein. Nur nicht ungehalten, lieber Kollega, sprach der edle Menschenfreund, auch ich war einmal in einer solchen Lage, darum fühle ich mich auch verpflichtet, dort zn helfen, wo Hilfe dringend nöthig ist! Viele Rücksichten verbieten mir, den Namen des mustergiltigen Jugendbildners zu veröffentlichen, auf privatem Wege bin ich stets bereit dazu. Hoch kling das Lied vom braven Mann! Der wackere, christliche Oberlehrer ist thatsächlich einer von den zadikim uinaus hoad'olom. H. G. Reichenberg (Böhmen), 2. Dezember. Um ben hiesigen erledigten Rabbinermtb Predigerposten sind 29 Bewerber eingekommen. Von diesen sind 5 Kandidaten zur Abhaltung einer Probepredigt berufen worden. Ungetheilten Beifall konnte sich nur Herr Dr. Emil Hofmann erwerben. Er weilte am Roschhafchana in unserer Mitie und seine Beredtsamkeit war von solch nachhaltiger Wirkung, daß der Vorstand — trotzdem Herr Dr. Hofmann erst 24 Jahre alt ist — sich veranlaßt sah, ihn als einzigen Kandidaten vorzuschlagen. Die überaus stark besuchte, am 29. v. M. stattgefundene Generalversammlung hat diesen Vorschlag mit großer Begeisterung genehmigt und Herrn Dr. Hofmann einstimmig zum Rabbiner gewählt. Unser neuer Seelsorger hat die Landes-Rabbinerschule in Budapest absolvirt und seine theologischen Stildien an der Lehrfanstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin beendigt.