Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1891)
- Date
- 1891-12-11
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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als Vertreter des Christenthums paradirt. Den Vogel schießt indessen ein Tiroler ab, indem er (aus Hall) schreibt: „Allgemeiner Weltfriede, allgemeine Menschlichkeit und Kultur, alles ist blos ein eitel Phantasiegebilde, ersteht in der Welt nicht ein reinrassiges, starkes Volk, einfacher, edler, urkräftiger als andere, das die Macht hat, Weltfrieden und Menschlichkeit zu wollen allenfalls auch zu erzwingen; ein Volk das wahre Kultur in sich verkörpert! Darum rufe ich Dir zu, deutsches Volk: „Erfaß die Größe Deiner Aufgabe. Dein Glück ist der Welt Glück! Wir Deutschen der Ostmark sagen: „Keine Nation wollen wir verneinen. Aber unser Haus bauen wir mit unfern Steinen, Und zierend nur mit unsrer Kunst, Die deutsch ist und nichts anderes stmst! Bauet, bauet nur, Ihr Pygmäen, Den neuen Babel zu Himnrelshöhen, Bauet ihn mit aller Sprachen Zettern, Gott wird ihn bald in Grund zerschmettern! Und ans dem Schutt da dringt sein Ruf: Ich nicht umsonst die Völker schuf. Nur im eig'nen Volk giebt es Vollendung, Aller Misch-Masch das ist Schändung!"- Wir glauben, es ist genug mit diesen Proben „unverfälschten" Blödsinns. * Leipzig, 2. Dezember. Der frühere Rektor der hiesigen Universität, Prof. Dr. Bind ing, hatte kurz vor den Sommerferien ein Referat über das antisemitische Buch: „Die Juden und der deutsche Staat", das im „Verein deutscher Studenten" gehalten werden sollte, verboten, worauf sich der genannte Verein Beschwerde führend an das Ministerium gewandt hatte. Die Beschwerde ist zuriickgewiesen worden. Prof. Binding hatte, wie der Vorsitzende des Vereins selbst airsgesagt, den Vortrag mit der Begründung verboten, daß er nicht wünsche, daß der Antisemitismus irr der Studentenschaft überhand nehme. * Leipzig, 6. Dezember. Skandalszenen aus dem Antisemitenlager sind zwar nichts Neues, und es hieße Ihren Lesern zu viel zirrnuthen, wollten wir sie mit all' dem behelligen, was seitens der Führer unserer Urterrtonen gegen Moral rrnd Gesetz gefehlt wird. Von Zeit zu Zeit thut jedoch eine Auffrischung noth. So hatte sich jetzt wieder das Schöffengericht mit folgender Geschichte zu befassen. Der vormalige Redakteur des antisemitischen Leipziger Tages-Anzeigers (der jetzigen Neuen Deutschen Zeitung), Hermann Lucko, war von dem neuen Besitzer dieser Zeitung, den: Maler Wauer, wegen Hausfriedensbruchs verklagt worden, weil Lucko, den: nicht gekündigt, aber wegen angeblichen Ungehorsams die Thür gewiesen worden war, nicht gegangen war, sondern erst durch einen Schutzmann zum Verlassen des Redaktionslokales veranlaßt werden mußte. Bei Gelegenheit der Beweisaufnahme stellte sich heraus, daß der als Zeuge geladene zweite Redakteur des Tages-Anzeigers, Lentsch, bereits bei seinem Eintritt in die Redaktion wegen Eigenthumsvergehen steckbrieflich verfolgt war; gegenwärtig befindet er sich wieder einmal auf der Furcht und wird wegen Unterschlagung steckbrieflich verfolgt. Die Verhandlung mußte vertagt werden, weil sich die Abhörung weiterer Zeugen nöthig erwies. E. Frankfurt a. M., 29. November. Einen glänzenden Verlauf nahm die vom Litterarischen Lesebund unter gefl. Mitwirkung des Vereins „Philharmonie", des Konzertsängers Herrn Max Bing und des Frl. Gans gestern Abend veranstaltete theatralische Abendunterhaltung zu Gunsten der russischen Juden. Der große Saal der Loge Karl war mehr als überfüllt. Es waren mehr als 700 Personen, darunter die Spitzen der hies. jüdischen Gesellschaft, erschienen, sodaß es schwer war, nur einen Platz zu erobern. Aber es war auch von Seiten der Mitwirkenden dafür gesorgt, daß das Werk der Wohlthätigkeit gleichzeitig zn einem wirklichen Genuß wurde und so diese Festlichkeit, welche einem edlen Zwecke galt, die Saison würdig eröffnete. Das Programm war ein reichhaltiges. Die Tombola lieferte einen schönen Ertrag. Das finanzielle Ergebniß dieser Wohlthätigteitsvorstellung ist noch nicht festgestellt, doch jedenfalls war es ein reichliches. * Frankfurt a. M. 8. Dezember. Der neunte Jahresbericht des „ Israelitischen Hilfsvereins" (Vereins zur Beschränkung des Wanderbettels) gewinntchesonderes Interesse durch den Umstand, daß die russische Kalamität die Zahl der Wanderbettler in Deutschland nicht unerheblich vermehrt hat. Wir entnehmen dem Berichte hierüber Folgendes: „Der starke Zuzug Hilfsbedürftiger aus Rußland, Polen, Galizien rc., welcher schon immer bestand, erleidet durch die neuen Verhältnisse eine nicht unbeträchtliche Zunahme. Durch keinerlei Vorkehrungen, seien sie auch noch so umfassend, kann es gänzlich verhindert werden, daß ein großer Theil der Vertriebenen, welchem aus diesem oder jenem Grunde die Beförderung nach einem überseeischen Gebiete versagt werden muß, an.Irgend einer Stelle die Grenze dennoch überschreitet, um, anstatt in das frühere Elend zurückzukehren, in Deutschland, der Schweiz, Holland re. möglichst Unterstützung zu erlangen, vielleicht einer: Wohnsitz und Erwerbszweig ausfindig zn machen. Dabei ist es sicher, daß, wenn nicht alle, doch der größte Theil dieser Flüchtlinge auf ihren Wanderungen sich hierher wenden; genießt doch unsere Genieinde einen weitverbreiteten und wohlverdienten Ruf wegen ihrer Privat- und öffentlichen Wohlthätigkeit und der vielfachen hier bestehenden humanitären Anstalten. Die Aufgabe, die uns durch diese Ankömrnlinge, die gewöhnlich aller Habe entblößt sind, auferlegt ist, fordert von uns große Opfer an Zeit, Bemühungen und Mitteln. Diese an und für sich schon harte Aufgabe wird noch durch de:: Umstand erschwert, daß es in vi'M: Fällen unmöglich ist, den wirklich Unterstützungsbedürftigen von dem gewohnheitsmäßigen Wanderbettler, die vielen Betrüger, welche das vorhandene Mitleiden fi':r sich anszunützen suchen, von den wirklich durch das Unglück Heimgesnchten zu unterscheiden. Wir bemühen uns allerdings nach Kräften, Abenteurer und Betrüger zu entlarven und Unwürdige auszuscheiden, doch wollen wir in Fällen des Zweifels lieber geben als versagen, um nicht unter den: Argwohn betrogen zu werden, dem wirklich Benöthigten die Unterstützung vorzuenthalten. Es hieße die besseren Regungen des menschlichen Herzens verleugnen, wollte :na:: jetzt dieser großen Klasse von Bedauernswerthen gegenüber den strengen Maßstab anlegen, der in gewöhnlichen Zeiten bestinnnend sein muß. Wie aus angefügter Tabelle ersichtlich, halten wir im verflossenen Jahre eine Zunahme von 375 Personen in der Zahl der Wanderbettler zu verzeichnen." Es ist hocherfreulich, zu konstatiren, daß der Verein auch diesen vermehrten Bedürfnissen gerecht werden konnte. Hoffen wir, daß auch für die Noth des kominenden Jahres — sie wird, wie zu furchten ist, noch größer sein — die Gaben in genügender Weise fließen werden. X Bockenheim, 29. November. Der Lehrer unserer jüdischen Genwinde, welcher noch nicht lange das Seminar verlassen hat, mußte sich in diesen: Frühjahr zun: Militär stellen. Er glaubte nun, wie seine Kollegen, die in staatlichen Stellungen sind, nur eine zehnwöchentliche Uebnng durchwachen zu müssen. Allein es wurde ihm mitgetheilt, daß für ihn diese Vergiinstigung nicht bestehe, da seine Schule nur eine Religionsschule, jenes aber nur für Lehrer an öffentlichen Volksschulen Geltung habe, er daher drei Jahre dienen müsse, falls er sich nicht nach einer anderen Stellung umsehe. Diese Praxis wird in Preußen allenthalben gehandhabt, und eine ganze Reihe Lehrer war aus diesem Grunde gezwungen, ihre Stellungen zu verändern, oft unter den schwierigsten Verhältnissen. Hildesheim, 2. Dezember. Bei der hiesigen Reichstagsersatzwahl wird die Judenhetze in schamlosester Weise betrieben. Ein Flugblatt des antisemitischen Vereins stellt die Behauptung auf, daß 6er Schnlchan-Aruch, der für das Judenthun: verbindliche Auszug aus den: Talmud, Betrng, Wucher, Meineid und Mord den Juden erlaubt, aller Völker Gut nur als herrenloses Gut zu betrachten, dazu bestimntt, von den Juden mit jenen Mitteln in Besitz genommen zu werden. Der Landrabbiner Dr. Guttmann in Hildesheim fordert angesichts dieses Flugblattes den Vorstand des deutsch-sozialen Vereins in Hildesheim öffentlich auf, die Belege für diese ungeheuerliche schmachvolle Behauptung beizubringen und sie der Oeffentlichkeit zu übergeben. Wenn er sich dieser Aufforderung entzieht, so erklärt der Landrabbiner die von dem Verein erhobene Beschuldigung für eine schändliche Verleumdung. Wie wir die Deutsch-Sozialen kennen, werden sie sich aus dem Nachweis, Verleurnder zu sein, nicht ebeft viel machen; sie sind das gewöhnt. Bielefeld, 4. Dezember. Sie haben aus der Rietberger Korrespondenz in der vorigen Nummer Ihres geschätzten Blattes die Erfolge ersehen, welche sich durch ein einigermaßen energisches Auftreten den antisemitischen Phrasenhelden gegenüber erzielen lassen. Es haben diese Erfolge dahin geführt, daß man sich hier entschlossen hat, sich nicht