Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-12-11 · Heft 50 (11.12.1891) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 50 (11.12.1891)
Date
1891-12-11
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227928--48457-3270979
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

4 Dänemark. * Kopenhagen , 3. Dezember. Der hiesige Oberrabbiuer, Doktor Abraham Wolfs, geboren in Darmstadt 1801, ist heute Nachmittag um 3 Uhr gestorben. (Wir behalten uns eine ausführliche Würdigung unseres Heimgegangenen Mitarbeiters für eine der nächsten Nummern vor. Red ) Schweden. ■/V Sundsvall, 27. November. Es stand neulich in den amtlichen schwedischen Blättern, daß die Zahl der Mischehen zwischen Juden und Nicht-Juden in Schweden in den letzten 20 Jahren eben so groß war, als die der Juden unter einander. Ob dies für die Kultur ein Segen ist, darüber will ich mich hier nicht äußern. Auch darüber, ob diese Mischehen wirklich denen, die sie geschlossen haben, zum Segen gedeihen, melden die Zeitungen nichts. So viel aber geht daraus klar hervor, daß der religiöse Zustand hier im Lande ein trauriger ist, und zahlreiche Glaubensgenossen sich schämen zu sagen, daß sie Juden sind. Eine ruhnu liche Ausnahme aber können wir hier erwähnen, es ist dies eine hervorragende Persönlichkeit, der Senator General-Konsul E. Frankel, der kürzlich von der schwedischen Regierung als Delegirter nach Paris zur Unterhandlung mit der französischen Regierung wegen Erneuerung des Handelstraktates geschickt wurde. Dieser Mann hat im Gegensätze zu den hiesigen Gepflogenheiten einmal geäußert: „Meine Töchter gebe ich nicht mit meinem Willen an Nicht-Juden", wobei zu bemerken ist, daß die genannten Damen zu den Schönheiten Stockholms gehören. Eine derselben wurde letztes Jahr beim königlichen Hofball als die Erste von den Kronprinzen zum Tanze aufgefordert. Sie hat sich neulich mit einem Sohne des Senators Philipsohn verheirathet. Die Wahl des Letzteren zum Senator war bemerkenswerth. Sein Gegenkandidat war ein Bischof, trotzdem hat er von 28 Stimmen 25 erhalten. Philipsohn ist als Philanthrop in seiner Vaterstadt Norrköping sehr geschätzt, und auch um die schwedische Judenheit hat er sich verdient gemacht. Im Uebrigen aber ist, wie gesagt, der religiöse Zustand ein sehr trauriger. Am Samstag ist kaum die religionsgesetzlich nothwendige Anzahl von 10 Männern in der Synagoge 311 finden. Man würde irren, wollte man diesen Fehler den Rabbinern zur Last legen, vielmehr bringen es die sozialen Verhältnisse so mit sich, wie auch die vom Idealismus sich abwendende Zeit. Ein großer Theil der Juden gehört der sogenannten Freidenker-Partei all. Einen schlimmen Einfluß übt auch die Jugend der aus Polen eingewanderten Inden, welche leider ohne jede religiöse Erziehung aufwächst; denn die Eltern sind arm und müssen sehen, ihr Brod zu verdienen; die Kinder besuchen die schwedischen Volksschulen und erhalten gar keinen jüdischen Religionsunterricht. Ein Theil der christlichen Lehrer ist so human, die jüdischen Schüler Ml dem Religionsunterricht, soweit er alttestamentarisch ist, Theil nehmen zu lasser:. Es sind seit 15 Jahrerr 8 jüdische Gemeinden lediglich von polnischen Einwanderern entstanden, nämlich Malmö, Colmar und Sundsvall, welch' letztere noch nicht die Sanktionirung der Regierung besitzt. In der Malmöer Gemeinde herrscht eine sogenannte „polnische Wirthschaft" ilnd Skandale in der Synagoge sind an der Tagesordnung, in den Gemeinden Colmar und Sundsvall aber sind die Verhältnisse wohlgeordnet wie in Stockholrn und Gotenburg. Irr Sundsvall wohnerr jetzt circa 70 jüdische Familien, die größtentheils mittellos und sehr orthodox sind. Nur eine sehr kleine Zähl wohlhabender Leute. Diese' können aber leider nicht alle Andern unterstützen. Wenn die Gemeinde die Sanktionirung von der Regierung erhalten haben wird, so hoffen wir, mit der Zeit eine Synagoge zu bauen und hoffentlich auch eine Schule für unsere Kinder. Afrika. Mogador, im November. Man schreibt der^lIlauee iLrae rte um vers. von hier: „Zu meinem tiefen Bedauern muß ich Ihnen die Ermordung zweier Glaubensgenossen mittheilen, zweier Brüder, die in Mogador ansässig waren, und von denen der ältere, 26 Jahre alt, seit einigen Monatenverheirathet war. Sie sind die vorige Woche in der Provinz Haha, tu der Umgebung von Mogador, einem vom Said Mohamed Umbaret abhängigen Bezirk, verschwunden. Ihre Lastthiere sind herrenlos wiedergefunden worden, aber die Waaren und das Geld, das sie bei sich hatten, fehlen. Raubsucht war also der Beweggrund zu diesem doppelten Verbrechen. Ich bitte Sie inständig, Ihr Möglichstes zu thun, darnit diese traurige Angelegenheit untersucht werde. Die Zahl dieser Verbrechen vergrößert sich beständig und alle gehen straflos aus. Die unheilvollen Folgen dieser Straflosigkeit machen sich schon fühlbar, und es fleht zü befürchten, daß noch größeres Unheil sich über unsere armen Gemeinden ergießen werde. Es ist uns geglückt, die Körper aufzuftnden, als der Said des Distriktes von Jldaich, in dem das Verbrechen begangen worden ist, im Begriffe war, sie verschwinden zu lassen. Nur der Unter- ' stütznng durch die Saids der beiden Nachbarprovinzen von Jntuga und Jda Ubugia, auf deren Gebiet die beiden Leichname durch die Araber von Jblaach geworfen wurden, um den Verdacht von sich abzuwenden, ' ist es zu danken, daß man der schrecklich verstümmelten irdischen Reste der beiden Brüder hat habhaft werden können. Mit vieler Mühe und unter den größten Gefahren konnten einige Israeliten in Begleitung von bewaffneten Soldaten, welche von den beiden erwähnten Saids beigegeben worden waren, jene Leichen auffinden und sie Freitag Abend nach Mogador schaffen. Der verantwortliche Said, Mohamed Umbarek, wurde, in der sichern Annahme, daß die Israeliten den Sabbat nicht -verletzen würden, durch die Schnelligkeit dieser Entführung überrascht sonst würde er sich dieser wahrscheinlich widersetzt haben; er wurde von der Entführung erst unterrichtet, als unsere Leute schon an den Thoren von Mogador waren. Von Uatz und Fern. --- Die von dem antisemitischen „Verein deutscher Studenten" beliebte Agitation gegen die Feier des siebzigsten Geburtstages Rudolf Virchows hat für einige Mitglieder dieses Vereins ein böses Nachspiel gehabt. Zwei der Hauptanstifter haben die Relegation erhalten. Auch an anderen Universitäten wird diesen Vereinen, deren Beruf es ist, die Gewüther der studirenden Jugend zu vergiften, jetzt scharf auf die Finger gesehen. — Die Eheleute Moses und Rebecka Cohn, Schmidstraße 30, (früher in Johannisburg), feierten am 4. d. M. das Fest der goldenen Hochzeit. Seine Majestät der Kaiser ehrte das Jubelpaar durch Verleihung der goldenen Ehemedaille. — Am 2. Dezember beging Herr Kantor B. Loewenthal in Danzig seinen siebzigsten Geburtstag. — Der in jüngster Zeit mehrfach erwähnte antisemitische Amtsrichter Wiedernann in Breslau ist, wie d. N. Z. wissen will, an das Amtgericht in Groß- Strehlitz versetzt worden. — Wie gerüchtweise verlautet, will Herr Rabb. Dr. Guttmann-Hildesheim die Stellung als Nachfolger Joels in Breslau nicht antreten. Die Gründe sollen in verschiedenen innerhalb der Gemeinde zu Tage tretenden freieren Anschauungen hinsichtlich wichtiger dogmatischer Fragen liegen. — Die Aufforderung des Deutschen Reform-Vereins (Antis.) in Zeitz zur Begründung eines gleichartiger: Vereins in Weißenfels ist von den dortigen Bürgern aufs Energischste abgelehnt worden. — In der Synagogen-Gemeinde Köln soll nächstens ein Verein zur Pflege jüdischer Geschichte und Literattur begründet werden. — Die Feibes Blume ns e ld'schen Eheleute in Münster feierten am 27. v. M. das Fest ihrer goldenen Hochzeit. Bei der Beliebtheit des Jubelpaares nahmen weite Kreise an den: Feste regsten Antheil. — In Hamburg verstarb jüngst der Leiter der mit einer Lehranstalt für Kindergärtnerinnen verbundenen höheren jüdischen Töchterschule Herr Dr. Moritz Katzenstein im Alter von 56 Jahren. Sein allzufrüher Tod wird in allen pädagogischen und humanitären Kreisen tief betrauert. — Der zweite Staatsanwalt am Landgerichte Frankenthal, Herr- Mayer, ist zum Landgerichtsrath ernannt worden. — Als Ersatz für den Besuch der Herren Vergani und Schönerer haben die deutschen Antisemiten gleichfalls einen ihrer besten Kämpen, Herrn Ahlwarht, nach Oesterreich geschickt. Letzten Donnerstag sollte Herr Ahlwardt in Wien „enthüllen". — In Wien wird demnächst unter Leitung des Herrn Kantors Bauer eine Kantorenschule errichtet werden. — Das französische Großrabbinat hat in jüngster Woche einen Aufruf zu Gunsten der russischen Juden erlassen. — Der Ausschuß der „Etudes juives“ in Paris hat als Termin für die nächste Generalversammlung den 23. Januar 1892 festgesetzt. An dieselbe wird sich ein Vortrag des Herrn Moritz Bloch über „die jüdische Frau im Roman" anschließen. — Der Staatsrath und Präsident des Handels- und Industrie-Vereins in Taganrog, Herr Jaques Poliakoff, wurde vom Zaren in Allerkennung seiner Verdienste um den Handel und die Industrie Rußlands mit dem Großeordon des Stanislaus-Ordens 1. Klasse dekorirt. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.