Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1891)
- Date
- 1891-12-11
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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b5. Äahrgang. Nr. 50. {Berlin, 11 Dezember 1891. Weikage zur „Akkgemsrnen Zeitung des IuöenLHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. Q Berlin, 7. Dezember. Den Hauptgegenstand der Berathungen der gestern unter dem Vorsitz des Herrn Justizrath Makower abgehaltenen Sitzung der Repräsentantenversammlung der jüdischen Gemeinde bildeten die eingehenden Verhandlungen über eine Neuorganisation der Lehranstalt für Wissenschaft des Judenthums und die Beziehungen der Gemeinde zur Anstalt. In längerer Rede führte Herr Justizrath Makower aus, daß die Lehrstätten der jüdischen Wissenschaft den Haupteinignngspunkt innerhalb des Judenthums zu bilden hätten. Da der Staat der jüdischen Wissenschaft keinen Zuschuß gewähre, innerhalb der deutschen Judenheit eine feste Organisation nicht vorhanden sei, müsse die Berliner Gemeinde für die hiesige Lehranstalt für Wissenschaft des Judenthums eintreten. Der Etat der Anstalt belaufe sich zur Zeit auf ungefähr 15,000 M., der eiserne Fonds liefere einen Zinsertrag von ungefähr 5000 M., ferner würden alljährlich 10,000 M. an freiwilligen Beiträgen und durch Vorträge aufgebracht. Gegenwärtig fehle es an geeigneten Räumen für die Anstalt, welche wohl ein Recht darauf hätte, von der Gemeinde einen Hörsaal zu erhalten. Wenn eine Synagoge mit einem Kostenaufwand von einer halben Million Mark erbaut worden sei, so sollte man für den Geist des Judenthums auch einmal kräftiger eintreten und das ganze Institut in die Verwaltung der Gemeinde übernehmen, welche heute für 5 Hospitaliten mehr ausgäbe als für die Entwickelung der Wissenschaft des Judenthums. — Im Namen des Gemeinde-Vorstandes, welcher gewillt ist, die Hochschule mit einer jährlichen Subvention von 3000 Mark zu unterstützen, hob Herr Direktor Hermann hervor, daß nach der finanziellen Seite sich die private Theilnahme an der Unterstützung der Lehranstalt allerdings vermindert hätte. Nach seinen Informationen wäre indeß das Kuratorium der Lehranstalt einer Neuorganisation, welche die bisherige Selbstständigkeit aufhebe, nicht geneigt. Herr Sanitätsrath Blumenthal suchte durch Vorlegung der Rechenschaftsberichte der Rabbinerseminare in Breslau-Pest sowie des hiesigen orthodoxen Seminars in der Gipsstraße nachzuweisen, daß die Lehranstalt Unter den Linden im Verhältniß während ihres achtzehnjährigen Bestehens wenig amtirende Rabbiner ausgebildet habe. Redner will die Subvention von 3000 Mark nur bewilligen, wenn eine Motivirung erfolge, wozu das Geld verwendet werden wird. Herr Professor Lazarus, als Mitglied des Kuratoriums der Hochschule, tritt den Ausführungen des Vorredners in längerer Rede entgegen. Die Anstalt habe bereits viele Schüler ausgebildet, welche vorher auf anderen Seminaren gewesen. Ehemalige Zöglinge der Anstalt wirkten heute in Groß-Gemeinden der verschiedensten Richtungen, so in Szegedin, einer durchaus konservativen Gemeinde, und in Chicago, der radikalsten Gemeinde Amerikas, ferner in Stockholm, Darmstadt, Berlin u. s. w. Die Berliner Gemeinde habe geradezu die Pflicht, neben ihrem Wirken für humanitäre Anstalten auch einmal für die Wissenschaft des Judenthums etwas zu thun. Zur Zeit sei auch die Wiener Gemeinde mit der Organisation einer Lehranstalt mit einem Kostenaufwand von 8000 Mark beschäftigt. Herr Rechtsanwalt Tiktin spricht sich ebenfalls dafür aus, daß die Gemeinde genügende Räumlichkeiten für die Lehranstalt hergebe. Nachdem Herr Sachs noch hervorgehoben, daß sich die finanzielle Seite der Angelegenheit am besten nach Fertigstellung des Etats, der in 14 Tagen abgeschlossen sein werde, übersehen lassen werde, wird der Antrag des Herrn Geh. Sanitätsraths Dr. Markuse, einstweilen 3000 Mark auf ein Jahr zu bewilligen, angenommen, desgleichen der Antrag Tiktin, die aus den Herren Hirschberg, Lazarus, Landsberger und Tiktin bestehende Kommission mit der nochmaligen Prüfung der Angelegenheit zu betrauen, mit dem Ersuchen, eine Vorlage wegen Uebernahme der Anstalt in die Gemeindeverwaltung vorznbereiten. Um 1' -. Uhr erfolgte der Schluß der Verhandlungen. * Berlin, 6. Dezember. Am jüngsten Mittwoch hielt der„Centralverein für die Angelegenheiten der jüd. Gemeinde" in Berlin seine erste Wintersitzung im Saale des „Vereins junger Kaufleute" ab. Voran ging ein sehr interessanter Vortrag von Karl Emil Franzos über die russischen Juden, der die Kalamität, welche dieselben getroffen, vom politischen, ökonomischen und sozialen Gesichtspunkte aus mit großer Sachkenntniß und in geistreicher und klarer Weise erörterte. Dem Vortrag schloß sich ein Referat des Herrn Weinberg an, das eine gute Uebersicht über die bisherigen Leistungen des Vereins in objektiver Weise gab. Diese Objektivität fehlte leider den Rednern vollständig, welche in der sich anschließenden Debatte das Wort ergriffen und in leere Klagen über den Religionsunterricht, über den Mangel an Bethäusern u. s. w. sich ergingen. * Berlin, 8. Dezember. Ein Bazar zum Besten der israelitischen Waisenmädchen ist am 1. d. M. in der Wohnung der Frau Philippine Liebermann, am Pariser Platz Nr. 7, wo erst kürzlich das schöne Fest der goldenen Hochzeit gefeiert wurde, eröffnet worden. Zahlreiche werthvolle Kunst- und Luxusartikel sind für das wohlthätige Unternehmen gespendet worden, aber auch praktische Gebrauchsgegenstände, namentlich weibliche Handarbeiten, von den Damen des „Frauenvereins von 1833 zum Besten israelitischer Waisenmädchen in Berlin" angefertigt, find in großer Anzahl zum Verkauf ausgestellt. Der Bazar war drei Tage geöffnet. * Berlin, 5. Dezember. Sachsen ist eifrig erpicht auf seinen alten Ruhm, das Stammland des Judenhasses zu fein; und da der neueste Vorstoß der schlesischen Junker diesen Ruhm zu verdunkeln scheint, so mußte schleunigst Abhilfe geschafft werden. Schönerer allein, der österreichische Commis vogageur des Antisemitismus, genügte noch nicht, es mußten Ur- und Erzsachsen auftreten, um die erschütterte Hegemonie dieses Landes auf dem Gebiete der Judenhetze wieder herzustellen. Und sie haben es ja dazu!> Der Kammerherr von Friesen, Mitglied des Reichstages, hat sich zu reden veranlaßt gesehen und hat gar grimme Forderungen gethan. Er verlangte den Ausschluß aller Elemente, die nicht der christlichen Religion angehören, von öffentlichen Aemtern und begründete das wie folgt: „Die Juden gehören nicht in unsere Schule, nicht an den Richtertisch, nicht in die Anwaltkammer. Wir können nicht Leute brauchen, die auf anderem sittlichen Boden stehen; nicht wir, sie scheiden sich aus. Deswegen fort mit den Juden. Es ist ein Unding, daß ein Jude dem Christ den Eid abnimmt, ihn schwören läßt, an was er selbst nicht glaubt." Ja, es ist doch ein böses Ding um die Juden. Wir schwören noch immer bei unserem alten Gotte, dem Schöpfer des Hinnnels und der Erde, und bekennen uns zu dem Sittengesetze, daß als seine Offenbarung gilt. Herr von Friesen natürlich, der auf einem anderen sittlichen Standpunkte steht, wie er selbst sagt, kann solche Leute nicht brauchen. L2 Dresden, 4. Dezember. Als eine kleine Probe, welch kindlicher Unfug hier mit dem Auftreten des antisemitischen Enkels Schmul Leb Kohns, des Oesterreichers Schönerer getrieben worden ist, theile ich Ihnen Einiges aus der Nr. 48 der „Deutschen Wacht", den: Organ der hiesigen Judenhetzer, mit. Das Beiblatt dieser Nummer enthält nämlich die — in bekannter Weise herbeigeschaffterr — Glückwunschschreiben und Telegramme, von denen einige werth sind, and) weiteren Kreisen bekannt gemacht zu werden. So grüßt der „antisemitische Volksverein" den neuen Fürsten mit den Worten: „Treudeutschen Gruß dem Führer der ostdeutscher: Länder, ein donnerndes Hoch dem Ritter von Schönerer!" Die „Nationalen" in Kirchberg an: Walde drahten: „Gegrüßt seid ihr Männer mit deutschem Sinn! Hoch Bismarck! Hoch Schönerer! Hoch Zimmermann r:nd Allen, die anwesend sind!" Ueberhaupt muß Bismarck sehr stark zum Vergleich nrit Schönerer herhalter:, selbst zwei österreichische Abgeordnete, Hauk und Doetz, rufen: „Heil Bismarck! Hoch Schönerer!" Ein Grazer Biedermann wählt als k ritten im Bunde statt Zimmermann der: alten „Cincinnatus", den er wahrscheinlich ftir einen Urgermanen hält, ebenso wie der Cherusker Herr, mann