Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1891)
- Date
- 1891-12-11
- Page
- Seite 600 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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600 bei Kunst. Dresden war damals schon wie heute der Sammelplatz von Fremden aus allen Ländern Europas, welche theils angezogen durch die Stadt und ihre Kunstschätze Elbflorenz, wie es zu jener Zeit schon hieß, zum Aufenthalte erwählten, theils aber auch, um an dem seit Jahrhunderten durch seine Gastlichkeit berühmten kursächsischen Hofe die Zeugen und Theilnehmer glänzender Feste und Jagden zu sein. Es fehlte auch niemals an zweifelhaften Persönlichkeiten, die sich unter diese aristokratische Gesellschaft mischten. Dresden war zu allen Zeiten ein Sammelplatz für Abenteurer und räthselhaster Mensche». Die Genialität, mit welcher August der Starke seine Residenz zu einem Sitze täglich wiederkehrcnder, durch die Kunst veredelter Freuden und Genüffe umgeschaffen hatte, lockte Künstler und begabte oder gewandte Menschen aus allen Theilen Europas hierher und. wer nur in irgend einer Kunstfertigkeit sich anszeichnete, durfte sicher sein, an dem Hofe zu Dresden eine Belohnung seines Talentes zu finden. Durch die langjährige Verbindung mit Polen war Dresden so zu sagen zu einer polnischen Residenz geworden, und die Polen, von welchen sich viele Hunderte hier aufhielten, waren gewohnt, die Stadt als ihre zweite Heimath zu betrachten. Die Anhänglichkeit der Polen ist traditionell geworden, und noch heute halten sich polnische Familien in großer Zahl in der Residenz an der Elbe auf. Ebenso war die Aristokratie der Nachbarländer Böhmen und Ungarn am Hofe vertrete». Der Umstand, daß die Hofsprache das Italienische war, führte zahlreiche gewandte Italiener an den kursächsischen Hof, unter welchen viele angesehene Stellungen bekleideten. Zahlreiche^ talienische Künstler und Arbeiter fanden Beschäftigung, und so fand man in der kursächsischen Residenz ein merkwürdiges Gemisch von germanischen, slavischen und romanischen Bevölkerungselementm vereinigt. Frankreich stellte zu dieser Gesellschaft die Tanz- und Fechtmeister, die Köche und Haarkünstler und zuweilen auch einen oder den andern vornehmen Abenteurer. Eva und Stanislaus, welche enttveder die Gräfin Lubomirska begleiteten oder sich auch ohne diese öffentlich zeigten, bewegten sich mit sichtlichen! Vergnügen unter dieser merkwürdigen Bevölkerung. Rasch betrachteten sie sich als Angehörige derselben und machten aus ihrer Freude an dem Aufenthalt in der Stadt an der Elbe kein Hehl. Dieselben Empfindungen brachte man Eva und Stanislaus eutgeg.n. Das schöne junge Paar wurde allerwärts bewundert, und mit sichtbarem Wohlgefallen ruhten die Augen der Begegnenden sowohl auf der ritterlichen Gestalt des jungen Polen, wie auf der edlen, wahrhaft übii irdisch schönen Erscheinung Evas. Die Beiden waren der Gegenstand der allgemeinen Neugier. Wie in Warschau bemächtigte sich die Mythe alsbald der Person der unbekannten freniden Schönheit, und phantastische Erzählungen knüpfte die Fania an dieErscheinung der jungen Dame, obwohl deren Name noch nicht einmal iin Publikum bekannt war. Anfangs hielt es schwer, irgend etwas über die Unbekannte in Erfahrung zu bringen. Die Gräfin war selbstverständlich bei Hofe eingeführt, allein ihr Sohn hielt sich von den Vergnügungen und Festlichkeiten zurück. Auch Eva widerstrebte langedem ihr ausgesprochenen Wunsche, in der großen Gesellschaft zu verkehren. Allein Niemand, der damals in der aristokratischen Welt lebte, vermochte sich auf die Dauer dem Verkehr mit seinen Standesgenossen zu entziehen, am wenigsten aber eine Erscheinung die, wie Eva, die allgemeine Bewunderung erregte. Graf Marcoliui theilte eines Tages der Gräfin mit, daß der Herzog von Kurland sich für Eva interessire und dieselbe kennen zu lernen wiinsche. Dieser Wunsch >var für die Gräfin Befehl. Der Herzog hielt einen glänzenden Hof, er galt für einen Beschützer der polnischen Jntereffen, und bei ihm sammelten sich zahlreiche unternehmende Köpfe, namentlich auch viele Angehörige der polnischen Aristokratie. Die Gräfin ließ sich daher mit ihrer Schutzbefohlenen zur Audienz anmetden, und bald darauf wurde ihnen eine Einladung zu einer der Hofgesellschaften zu Theil. Der damals etwa sechzigjährige Herzog von Kurland war wie alle kursächsischen Prinzen fein gebildet, ein Verehrer der schönen Künste, und sein stattliches, heute noch vorherrschendes, dem alten Zeughaus gegenüber erbautes Palais war ein Sammelplatz für Alles, was die Gesellschaft an höher strebenden Elementen enthielt; allerdings waren auch einzelne Abenteurer und Sonderlinge darunter gemischt, aber im Ganzen fand sich in den Eirkeln des Herzogs eine Gesellschaft zusammen, die Alles, was jene Zeit an Bildung darzubieten vermochte, in sich vereinigte. Eine glänzende gepuderte Hofgesellschaft bewegte sich an jenem Abend, welchen wir schildern, in dem großen Reunionsaal umher. Es war einer jener Cercles, wie man sie nach dem Vorgänge von Paris in der hohen Gesellschaft von Zeit zu Zeit abhielt, um seine Ansichten über Kunst und Wiffenschaft und alle die Dinge, welche für die vornehme Welt Interesse besaßen, auszutauschen. Der Herzog begrüßte seine Gäste, unterhielt sich mit ihnen und übernahm es, diejenigen, ivelche, wie er glaubte, gemeinsame geistige Berührungspunkte besaßen, einander näher zu führen. An Eva nahm der Herzog den lebhaftesten Antheil und er machte sie mit den ihm näher stehenden, hervorragenderen Herren persönlich bekannt. „Oberst Agdolo," stellte der Herzog Eva und der Gräfin Lubomirska einen stattlichen Herrn, einen Mann von etwa vierzig Jahren vor. 9 Littrrarische Mittheilungen. * Paul Dimidow: Wo hinaus! Mahn wort an die westen ropäischen Juden. Charlo tt enburg 1891, R u d olf Jsa ac.jDer durch seine Broschüre „Juden-Elend in Rußland" bekannte Verfasser ist nicht nur in Rußland selbst geboren und auferzogen, er kennt auch Gedanken und Sehnsucht seiner unglücklichen Glaubensgenossen welche Liber das „Wo hinaus?" gar nicht zweifelhaft sind. Er erörtert ausführlich die Frage: „Palästina oder Argentinien," und entscheidet sich schließlich für das erstere Land, welches seiner Ansicht nach nur von Unkundigen als zur Kolonisation ungeeignet verschrieen ist; er weist nach, daß russische Juden seit 10 Jahren in aller Stille bereits Kolonien in Palästina angelegt haben. Kein Wunder: der russische Jude hegt aus religiösen und historischen Gründen eine fast kindliche Anhänglichkeit an das „Heilige Land". Die dort eingewanderten Kolonisten ernähren sich durchweg als Ackerbauer und Weinbauproduzenten,, und haben bisher günstige Resultate aufzuweisen. Aber in der Aufbringung der Mittel zur Förderung der Einwanderung will der Verfasser umfangreiche Schritte angebahnt sehen, wenn die Zukunft seiner unglücklichen Glaubensgenossen und Landsleute einigermaßen sicher gestellt werden sollen. Er fordert die westeuropäischen Juden auf, ihre osteuropäischen Glaubensgenossen in ihrem Vorhaben kräftig zu unterstützen, wobei Dimidow auf die Gründung von Ansiedlungsgenossenschaften mit beschränkter Haftpflicht als auf den geeignetsten Weg hinweist. Die Schrift: „Wo hinaus?" ist populär geschrieben, die Darstellung ist anziehend und fesselnd und führt den Leser in eine neue Welt ein, welche vor seinen Micken entrollt wird. Dem Buche ist eine instruktive Karte Palästinas mit den neuen jüdischen Kolonien beigegeben. Druck und Verlag von Rudoli Mo Ne in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.