Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1891)
- Date
- 1891-12-11
- Page
- Seite 599 (sequence 11)
- Language
- German
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„Wenn ich es auch wüßte, ich könnte es doch nicht recht sagen," erwiederte Eva. „Ich weiß nicht, ist es die liebliche Natur, die uns weit freundlicher als in unsereni Polen entgegenlacht, sind es die herrlichen Schätze der Kunst, die man täglich aufs Neue bewundert, sind es die Menschen, die freundlich dem Fremden entgegenkommen; sind es gute Sitte, Ordnung und Reinlichkeit, denen man allerwärts begegnet? aber alles das wirkt zusammen, um uns rasch hier heimisch zu fühlen." „So hoffe ich, wirst Dll bald Deine frühere Umgebung vergessen und Dich an Deine neue Stellung gewöhnen. Demnächst wird sich auch eine Gelegenheit bieten, Dich in die große Welt einzuführen und Dn sollst dann auch mit dem gesellschaftlichen Leben bekannt werden." „Mich gelüstet nicht danach," sprach Eva, „ja, ich weiß cs nicht, es ist ein gewisses unheimliches Gefühl, das mich vor der große» Welt warnt. — Noch habe ich die Eindrücke, die jene Welt, der ich int Hause des Barons begegnete, auf mich hervorbrachte, nicht völlig zu verwischen vermocht, tmd abermals soll ich mit Menschen in Berührung treten, deren Interessen und Gewohnheiten niir fremd sind. Das, was Sie große Welt nennen, gnädige Frau, zieht mich im Grunde genommen wenig an, vielmehr gilt dieses von jener kleinen Welt, die der Künstler in seinem bescheidenen Atelier für sich erschafft. O, wäre ich eine Künstlerin, o, wäre ich eine Malerin und dürfte ich diese schöne Stadt, die uns gastlich aufnahm, dttrch die Werke meines Pinsels verherrlichen." „Auch ich habe nur wenig Neigung, mildem, was sich anspruchsvoll „die Welt" nennt, zu verkehren, aber wir bedürfen ihrer und nur wenige Menschen sind so glücklich, sich einer Unabhängigkeit zu erfreuen, die ihnen verstattet, auf die Welt Berzicht leisten zu können. Der ganze Verkehr der Menschen untereinander beruht auf Associationen zu gemeinsamen Zwecken, atif Leistungen und Gegenleistungen tind gerade wie die Staaten behufs Verstärkutig ihrer Macht und ihres Einflusses Alliancen schließen, so geschieht dieses von den einzelnen Individuen zur Förderung der Zwecke ihres Ehrgeizes und ihres Eigennutzes." „O, das ist häßlich!" rief Eva. „Und doch muß es so sein," sprach die Gräfin. „Um des Guten und Schönen selbst willen würde nur sehr wenig in der Welt geschehe», und gerade der Ehrgeiz und der Eigennutz sind die zwei mächtigsten Triebfedern, auf welchen die Weiterentwickcluug der Gesellschaft beruht." Eva ivollte antworten, als ihre und der Gräfin Aufmerksamkeit mif zwei Damen gelenkt wurde, die, vom Walde kommend, den Weg nach der Stadt eingeschlagen hattet: und offenbar in der Absicht, einen Augenblick auszuruhen, nach dem Bergvorsprnng, auf welchem die Gräfin tntd Eva sich uiedergelaffen hatten, ihre Schritte lenkten. Als siie jedoch der Gräfin und ihrer Begleiterin ansichtig wurden, zögerten sie und wollten umkehren. Die Gräfin bemerkte das, bat näher zu kommen und in dein Genuß des herrlichen Natnrschauspiels, welches von der Höhe atis sich darbot, sich nicht beeinträchtigen zu lassen. „Wir sind fremd hier," sprach die Gräfin, „uitd es thut ttns wohl, eine Gesellschaft zu finden, welche mit tins die Freude an dem seltenen Anblick theilt." Die Gräfin Lubomirska stellte sich und ihre, Begleiterin den Damen vor, welche sich als die Malerin Sophie Friederike Dinglinger und ihre Nichte Anna Dinglinger zu erkennen gaben. „Ich bin Porträtmalerin," sprach Sophie Dinglinger, eine etwa vierzigjährige lehhafte Dame mit feinen, belebten Zügen; „meine Nichte Anna will sich zur Landschaftsmalerin ausbilden, und da ich die würzige Waldluft gern einathme, um mich zu erfrischen, begleite ich sie auf ihren Ausflügen." „So haben wir zivci Glieder der berühmten Künstlerfainilie Dinglinger vor uns, ich bin hoch erfreut darüber," sprach die Gräfin. „Wir sind unwürdige Nachkommen des großen Meisters Melchior Dinglinger, des erfinderischen Hofjuweliers August des Starken," antwortete Sophie. „Bescheiden stehen wir hinter beit würdigem Namen zurück, die gegenwärtig als glänzende Sterne leuchten, Sie muffen erst unseren Hofmaler Charles Hutie, unseren Belotti, den »tan Canaletto nennt, unseren trefflichen Bildhauer Knöfler und Kändler kennen lernen, wenn sie von der Dresdener Kunst sprechen wollen." „Ich weiß es," sprach die Gräfin, „die Stadt bietet Schönes und Reiches auf allen Gebieten. Nirgend wie anderwärts in Deutschland hat hier Malerei und Bildhauerei zur Verschönerung unv Veredelung des Lebens beigetragen. Darum wird auch Jedem Dresden so rasch lieb und Werth und erlangt eine Bedentung, die zu seiner Größe in keinem Verhältnisse steht." „Das ist gewiß wahr, gnädige Gräfin," bemerkte die Dinglinger, „aber leben Sie nur einige Zeit hier, uitd Sie können bemerken, wie man, gerade wie in einer kleinen Stadt, einander durch die Hechel zieht. Uebrigens sind die Dresdener so rücksichtsvoll, daß sie das unter sich abmachen und gegeit die Fremde», wenn sie es gar tticht ztt arg treiben, doch mit Schonung und christlicher Menschenliebe verfahren." Es entwickelte sich ein lebhaftes Gespräch, die beiden Damen Dinglinger thaten ihr Bestes, die Gräfin und Eva über die Stadt zu orientiren. Eva schloß sich namentlich an Anna an, die ihr nur um wenige Jahre im Alter voraus war. Beide junge Damen fühlten sich zu einander hingezogen. Anna Dinglinger war glückliche Braut, und die Hoffnungen, mit welchen Eva und Anna in die Zukunft blickten, bildeten für sie Beide einet: gemeinsamen Atikuiipfungspunkt. „Wenn Sie in Dresden Auskunft oder einer weiblichen Hilfe bedürfen," sprach sie zu Eva, „stichen Sie mich auf. Wir kennen die ganze Stadt innen und auswendig, alle Kaufleute und Gewerbetreibende, und cs ist kein Kavalier hier, von welchem meine Tante und ich nicht ein ganzes Sündenregister aufzuzählen wüßten." Unterdessen hatten sich die Abendschatten über der Stadt gelagert, die Sonne war untergegangen und nur die Höhen waren von dem letzten Reflex des immer mehr verlöschenden Abendroths matt erleuchtet. Die Damen kehrten gemeinsam in der Karosse der Gräfin nach der Stadt zurück.. Die beiden Damen Dinglinger stiegen an der Brücke aus, um ihre Wohnung in der Altstadt aufzusuchen. Die Gräfii: fuhr mit Eva itach dem in der inneren Neustadt erbauten Palast der Lubomirskis. Eva war von dem Ausfluge befriedigt. Für sie bedurfte es keiner geräuschvollen Zerstreuungen und Feste; ihre Seele begehrte Ruhe, um allmälig die Eindrücke zu verwischen, ivelche ihre Flucht von Warschau und die Loslösung aus allen ihre:: bisherigen Verhältnissen bei ihr zurückgelassen, denn mehr als je war wieder das Bewußtsein ihrer armseligen Lage in ihr erwacht, und mehr als zu einer früheren Zeit empfand, sie in den crstett Wochen ihres Dresdener Aufenthalts ihre Einsamkeit und Hilflosigkeit. Durch die Bekanntschaft mit den beiden Dinglinger glaubte sie ein Band sich schlingen zu sehen, welches das einsame, von der Gesellschaft losgelöste Mädchen wieder mit der Welt verknüpfte. Elftes Kapitel. Im Ku rländer Palais. Die erste Zeit des Aufenthalts Evas in Dresden war durch keinerlei Störung getrübt. Mit der Gräfin und Stanislaus genoß sie täglich theils die herrlichen Umgebungen der Stadt, theils den Anblick der in ben kurfürstlichen Schlössern aufgehäuften Schätze