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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-12-11 · Heft 50 (11.12.1891) · p. Seite 596

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 50 (11.12.1891)
Date
1891-12-11
Page
Seite 596 (sequence 8)
Language
German
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59k Hellas. Auf dieser Wanderung machten sie am Fuße des Olympos in der thefsalischen Ebene Halt und legten den Grund zur künftigen Gestaltung ihres Volksthums und der Bildung ihres Staates. Der Olympos ward ihre Schutzmauer gegen die von Barbaren bewohnten nördlichen Länder und blieb auch in der Folge der nördliche Grenzwächter von Hellas. Hoch aus diesem Berge errichteten sie ein Heiligthum den Göttern, die sie aus Asien mitgebracht hatten, vor Allem Zeus, dem Haupte derselben.^ Wie auf dem Berge dem Vater, so haben sie im Tempethale, durch das sie Anregungen von der Seeseite bekamen, dem Sohne Apollo gehuldigt. Dieses enge Thal wurde lange Zeit als das nördlichste Thor von Hellas betrachtet und der Olympos als dessen gewaltiger Riegel. Von nachrückenden Völkern gedrängt, zogen'die Dorier weiter nach Süden, wo sie im Verein mit verwandten Stämmen alle Keime der Kultur, die sie aus ihrer Urheimath mitgebracht, alle Anregungen, die sie auf ihrer Wanderung ausgenommen hatten, zur herrlichsten Blüthe entfalteten, deren Staub allmälig den Geistesbaum der abendländischen Jndogermanen befruchtete. Im reifen Alter ihres Volksthums haben die Gesammthellenen mancherlei Eindrücke und Ueberlieferungen ihrer frühesten Jugend vergessen, aber den Olymp haben sie mit nie verlöschender Pietät als die Heimath ihrer Götter und das vom Peneios durchströmte Thal Tempe als die Wiege ihrer staatlichen Bildung geehrt. Die Hebräer, das heißt die von jenseits des Euphrats Kommenden, oder die Israeliten, wie sie sich selbst nach ihrem Stammvater genannt haben, ein Zweig der semitischen Völkergruppe, haben im Verlaufe ihrer ältern Geschichte zwei entgegengesetzte Wanderungen hin und zurück vollbracht, welche einen wesentlichen Einfluß auf ihre Kultur ausgeübt haben. Als Nomaden zogen sie in geringer Zahl nach der biblischen Chronologie ca. 1750, dagegen nach der nicht genügend verbürgten Berechnung der neuern Forschung ca. 1550 v. Chr. nach Aegypten. Hier kamen sie mit der uralten hamitischen Kultur in Berührung, aus deren Quelle auch die Griechen vieles geschöpft haben, was sich namentlich in deren Architektur Nachweisen läßt. Mancherlei mythologische Vorstellungen der Griechen, so zum Beispiel über das Todtengericht in der Unterwelt und über den Aufenthalt der Seelen, die als rein befunden worden sind, im Elysion, auf den Inseln der Seligen, erinnern lebhaft an ähnliche ältere Vorstellungen der Aegypter und sind ihnen wahrscheinlich nachgebildet. Die Israeliten haben sich in Aegypten mancherlei Fertigkeiten der Kunst und verschiedene Kenntnisse ungeeignet. Das sehen wir an der Geschicklichkeit, mit der der Meister Bezalel, dem kunstverständige Gehilfen zur Seite standen, in der Wüste die Stiftshütte hergestellt und ausgeschmückt hat. Er war erfahren in Metallarbeiten, im Schneiden und Fasten von Edelsteinen, in Holzschnitzerei undGebildwirkerei. Es ist auch die Rede von den kunstvollen Geweben und Stickereien, welche die israelitischen Frauen für die Stiftshütte verfertigt haben. In Aegypten haben sie freilich auch den krassen abgöttischen Thierdienst kennen gelernt, in den sie später oft verfielen und zu besten Vertilgung es mehrerer Jahrhunderte bedurft hat. Der Tanz um das goldene Kalb ist aber bis auf den heutigen Tag bei den Semiten und Ariern geblieben. In Aegypten waren die Israeliten, die wie Heloten behandelt wurden, zu einer mächtigen Volksmasse herangewachsen, zusammengehalten und geeint nicht durch den gemeinsamen Schutz des Rechts, denn die Pharaonen übten gegen sie nur die Willkür, sondern durch das Bewußtsein gleicher Abstammung und die Erinnerung alter Ueberlieferungen, durch die gemeinsame Roth und die gleiche Hoffnung. Die Griechen waren immer freie Männer geblieben. Die Israeliten dagegen gingen durch das Joch der Sklaverei hindurch. Während daher die Ersteren, auf ihre höhere Kultur pochend, den Fremden, den Barbaren gegenüber stolz und hart waren, hatten die Letzteren trotz mancherlei ihre nationale Absonderung und Abschließung bezweckenden Vorschriften den Fremden gegenüber allezeit ein weiches, theilnahmvolles Herz. Wurde ihnen doch oft genug in der Bibel eingeschärft: „Liebet den Fremden, denn auch ihr wäret Fremde im Lande Aegypten." (5. B. M. 10, 19, vgl. das. 5,15.24,18,22. Jes. 16, 12.) Nach ihrem Auszuge aus Aegypten verweilten die Israeliten am Sinai (ca. 1500). Auf diesem. Berge wurden ihnen die zehn göttlichen Gebote offenbart, welche die Grundlage ihrer Religion und Gesittung wurden und bis auf den' heutigen Tag das Fundament der wahren religiös-sittlichen Anschauung der Menschheit geblieben sind. Hier wurden die Israeliten ein organisch gegliedertes, verfastungsmäßig geordnetes, einheitliches Volk. Hier erhielten sie jene Gesetze, welche ihnen, der bisherigen bloßen Volksmaste, mit dem Bewußtsein der Zusammengehörigkeit einen festen, nationalen Gehalt gegeben haben. „Wenn man Kleines mit Großem vergleichen dürfte," möchte ich sagen: Was im Anfänge des 9. Jahrhunderts v. Chr. Lykurg den Spartanern und am Ende des 6. Jahrhunderts Solon den Athenern wurde, das ward um 1500 Moses den Israeliten, nicht blos der religiöse, sondern auch der nationale Gesetzgeber. Die Griechen hatten aber bereits ihr Vaterland, deffen Verhältnissen gemäß sie neue Gesetze schufen, während die Israeliten umgekehrt bereits Gesetze besaßen, aber ihr Vaterland, in dem sie dieselben anwenden sollten, sich erst erringen mußten. Mit dem neugewonnenen Glauben an Gott vereinigten sie den erlangten Glauben an sich, an die eigene Kraft, von dem beseelt sie nordwärts zogen und die neue Heimath sich erkämpften. Wie die Griechen hatten auch sie ihre Heroenzeit, in der im Kampfe mit den Philistüern die Heldengestalt Simsons hervorragt, der an den griechischen Herkules erinnert, der nichts Anderes ist, als der phönizische Melkart. Aber Simsori trägt die Züge des israelitischen Charakters, vor Allein die sinnliche Enthaltsamkeit, auf der seine göttliche Weihe beruhte und aus der die sittliche Kraft des Menschen entspringt. Die Uneinigkeit der Stämme bereitete wie den Griechen so auch den Israeliten den Untergang. Was Jenen erst die Macedonier und dann die Römer gewesen sind, unter deren Herrschaft sie geriethen, das waren diesen erst die Assyrer und dann die Babylonier denen erst das nördliche Reich Israel, das hebräische Böotien, und dann das südliche Reich Juda, das hebräische Attika, zur Beute fielen. Die Judüer oder Juden wanderten um 586 unfreiwillig nach Babylonien, woher sie nach einem halben Jahrhundert wieder zurückkehrten. Mit der Begründung des großen Perserreichs drang eine neue Kultur, die ostarische, gegen Westen vor. Die Juden entnahmen dieser Kultur, der Lehre des Zoroaster, mancherlei wichtige Ideen und Vorstellungen, wohl auch die des Satans und seiner ganzen Sippe. Die Griechen und Juden, die Einen wie die Anderen, zu einer Weltmission in der Entwickelung der Gesittung der Menschheit berufen, zeigen, wie kaum zwei andere Völker des Alterthums, eine große Aehnlichkeit einerseits in der außerordentlichen Empfänglichkeit für fremde Ideen und Anschauungen und andererseits in der Originalität, mit der sie das Fremde dem ureigenen Geiste und Eharakter angepaßt und angemesten verarbeitet und fortgebildet haben, sagen wir in der größten Universalität und Individualität, deren Vereinigung sie eben zur Erfüllung jener Weltmission befähigt hat. Wie sich bei den Ersteren, um nur einen Punkt hervorzuheben, alle um- und neugebildeten Mythen um den Olymp gruppirten, so war bei den Letzteren in Allem und Jedem der Sinai der Mittelpunkt von dem die alte Sage berichtet, daß jedes einzelne Steinchen, jeder Splitter desselben die Figuration dis ganzes Berges hatte. Wie

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