Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-12-11 · Heft 50 (11.12.1891) · p. Seite 595

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 50 (11.12.1891)
Date
1891-12-11
Page
Seite 595 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227928--48448-3270970
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

rücknahme und Erlasse, die hinterdrein nicht anerlnnnt, nicht eingchalten werden — sie bilden den täglichen Inhalt von Rechtsstreiten, an denen Geschäftshäuser und Reisende jüdischen Bekenntnisses ver- Hältnißmäßig oft betheiligt sind. Es sind das so die kleinen, tagtäglichen Erfahrungen, die dem Judenhaß immer neue Nahrung bieten. So ungerecht dies ist, so verwerflich der Schluß vom Einzelnen auf die Gesammtheit, von dem Juden auf die Juden, so vielfach widerlegt durch Leben und Erfahrung, vor Allem durch die Litteratur, die Schriftschätze und Sittenlehre des Judenthums, alle diese Trugsschlüffe sind: so dringend mahnen sie den Juden und die Juden zur Selbstzucht, zur strengsten Abwehr alles Unlauteren, zur j entschiedensten Aechtung Aller, die, wie es so richtig heißt, düliul haschem begehn, den Namen Gottes, die Reinheit und Würde des Judenthums durch leichtsinniges, gewinnlüsternes, unehrenhaftes Thun entweihen. Leichtsinn, Frivolität — das ist es, was mau oft Juden vorwerfen lind Nachreden hört. Frivolität! Ja, sie entsteht sehr leicht bei den krassen Gegensätzen zwischen den strengen Vorschriften und Bräuchen und der laxen Handhabung, bei der Unklarheit, in der heutzutage so viele Juden sich befinden, darüber was Grundsatz, darüber was Zusatz ihres Glaubens ist. Diejenigen Juden, die das in der Bibel Borgeschriebene für Gottes Wort halten und es doch nicht befolgen — handeln ebenso frivol, als diejenigen, die es nicht für Gottes Wort, nicht fiir Glaubensgrundsätze halten und es dennoch dafür ausgeben. Nur ein klarer fester Standpunkt, nur die Befreiung des Judenthums von althergebrachten, von mißbräuchlichen Nebendingen kann hierin auch für das Leben und die Gesinnung den dringend erforderlichen Wandel schaffen, damit Leben lind Lehre übereinstimmt und Jeder auch immer lebe und handle, wie es fein Judenthum, das ihm werthe, in ihm lebendige, durch ihn bekannte und geheiligte, erfordert. Eille neue Zeit ist angebrochen; große Fragen, schwere Aufgaben sind an die gesammte gebildete Menschheit herangetreten, vor allem an den Thcil derselben, welcher heutzutage an Macht und Bildung voransteht, an die Deutschen. Dringender und drängender als je ergeht der Ruf der Menschlichkeit, der Humanität: gedenket der Armen, der Schwachen. In dieser Zeit liegt de» Bürgern jüdischen Glaubens die dreifache Aufgabe ob: Deutsche, Juden, Menschen zu sein. Wie sie dieselbe erfüllen können, dafür giebt ihnen einen sicheren Fingerzeig, die Begeisterung für das, was ich wiederholt nenne: mein Judenthum: die in jüdischen Quellen, im jüdischen Leben, in der jüdischen Geschichte sich offenbarende Gottes- und Menschenliebe. Und so denke ich, werden die Deutschen jüdischen Glaubens, wenn auch dezimirt durch Ueberläufer, in das bald herannahende neue Jahrhundert eintreten, mit der aus ihrem Judenthum geschöpften geistigen Kraft und Frische, mit geläuterten religiösen Anschauungen, mit der Selbsterkenntniß und der überzeugenden Erwährung, daß der wahre Jude auch der echte Deutsche, der gute Mensch und der klare Denker ist. So entwickele sich gedeihlich fort und fort: mein Judenthum! Olymp und Sinai. Ein Vortrag von Dr. Heinrich Groß in Angsburg. In der Geschichte jener beiden Völker des Alterthums, ivelche auf unsere Kultur am nachhaltigsten eingewirkt haben, werden von allen Bergen der Erde besonders zwei verherrlicht, nicht, weil sie die anderen an Größe oder Schönheit übertreffen, sondern! weil sich die ältesten, heiligsten Erinnerungen an sie knüpfen. In der Sage und Dichtung der Griechen wurde der Olymp als der Sitz der seligen Götter gepriesen, während die alt- und neuhebräischen Dichter darin wetteiferten, de» Ruhm des Sinai zu verkünden, auf dem sich Gott den Israeliten offenbart hat. Es ist hier nicht der Platz, den Inhalt und die Bedeutung dieser Offenbarung, welche das Fundament des Judenthums ist, im Gegensätze zur griechischen Götterlehre zu besprechen. Die Aufgabe, die ich mir gestellt habe, ist vielmehr die, eine kulturgeschichtliche Parallele zwischen den Griechen und Juden des Alterthums, den geistig hervorragendsten Repräsentanten der Arier und Semiten, zu ziehen. In dieser Parallele, welche in den engen Rahmen eines kurzen Vortrages gefügt ist, muß ich mich darauf beschränken, wie von der Vogelperspektive aus die höchsten Spitzen,! die wichtigsten, charakteristischen Verschiedenheiten und Berührnngspunkte des Geisteslebens beider Völker zu betrachten. Die moderne Wiffenschaft hat eine scharfe Demarkationslinie gezogen zwischen den Ariern in ethnischer oder Jndogerinanen in sprachlicher Beziehung und den Semiten. Die alten Hellenen reprüsentirten ethnisch und sprachlich das reine Arierthuin, während die alten Hebräer den Semiten zugezählt werden müssen, aber die späteren Juden werden wie ehedem in ein besonderes Ghetto gewiesen. Sie sprechen im Abendlande seit nahezu 2000 Jahren dessen Sprache», ohne deshalb zu den Jndogerinanen gerechnet zu werden. Relativ häufig kommen bei ihnen in den verschiedensten Ländern, selbst im Orient, die charakteristischen Eigenthüinlichkeiten der Arier vor: Heller Teint, blondes Haar und blaue Augen, was man zum Beispiel bei den Arabern nur höchst selten findet, und doch werden sie als der unverfälschte Typus der Semiten hingestellt. Die unterscheidenden Merkmale sind oft so verwischt, daß man von der genannten Demarkationslinie bei den Juden ein wenig abgehen muß. Nirgends hat die Wissenschaft in Ermangelung positiver Argumente so viele Hypothesen aufgestellt als in der Ethnographie der altern Zeit. Die von Virchow vor einigen Jahren vorgenommenen statistischen Erhebungen der Farbe der Haare und Augen der Schulkinder Deutschlands ergaben einen Durchschnitt von 11,2 Prozent blondhaariger und blauäugiger Judenkinder, während die Durchschnittsziffer der Blonden in ganz Deutschland 31,8 betrügt. Man kann freilich, da diephisiologische Einwirkung der veränderten klimatischen und sozialen Verhältniffe der Juden nicht zu unterschätzen ist, von der Gegenwart derselben auf deren Vergangenheit nicht schließen. Ehen zwischen Juden und Heiden kamen auch im Alterthum nicht in solcher Menge vor, daß sie im körperlichen Habitus der Juden eine wesentliche Aenderung hervorgebracht hätten. Es müssen sich in der Geschichte der Juden einige Thatsachen zugetragen haben, die uns unbekannt sind und die erwähnte ethnische Erscheinung bedingen. Die Ursitze sowie die Wanderungen der beiden großen Völkergruppen in vorgeschichtlicher Zeit sind in undurchdringliches Dunkel gehüllt, und es bleibt dabei noch gar vieles unerklärlich. Asien gilt doch allgemein als die Wiege der menschlichen Kultur. Die ersten Anfänge derselben weisen auf den Orient hin. Die Semiten waren doch die Lehrmeister und die abendländischen Arier deren Schüler. Aber selbst zugegeben, daß diese Schüler ihre Lehrer in nianchen Stücken übertrafen, so vergesse man doch nicht das bekannte Sprichwort: „Man werfe nicht Steine in den Brunnen, aus dem man geschöpft hat." Es wird jetzt allgemein anerkannt, daß die Hellenen, ein Zweig des arischen Stammes, in grauer Vorzeit aus Asien längs des Bereiches der hamitisch-semitischen Kultur, von der sie tausendfältige Anregungen empfangen haben, unter anderem das Alphabet, den Gebrauch der Münze, des Maßes und Gewichtes, über das europäische Thraeien in ihre späteren Sitze eingewandert sind. Die Ionier waren vielleicht seit der Urzeit an der kleinasiatischen Küste ansässig. Die Dorier kamen aber gewiß vom Norden der Hämushalbinsel herab bis zum äußersten Süden von

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.