Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-12-11 · Heft 50 (11.12.1891) · p. Seite 594

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 50 (11.12.1891)
Date
1891-12-11
Page
Seite 594 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227877-3227928--48447-3270969
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

594 sic meinen. Sie Hallen alle positiven Religionen für überwundene Standpunkte, sie haben kein Bedürfniß nach gottesdienstlicher Anregung. Sie verwechseln und vermischen zweierlei. Wir leben im Staate, in der Gesellschaft, nicht wie Robinson Crusoe auf einer wüsten Insel. Daß ein Mensch, der im Gegensatz zu allen Andern im Aeußeren durch Kleidungslosigkeit sich nuszeichnen will, mag dieselbe für ihn noch so bequem und billig sein, sofort zum Kindergespött wird und sich als Narr oder als Spekulant oder als Beides zugleich erweist — zeigt das drastische Beispiel eines bekannten, hier und dort sein Unwesen treibenden sogen. Naturpredigers. Straflos kann sich Keiner von der Gesamnuheit losreißen. Seine inneren Gefühle und Anschauungen mag er haben, wie er will. Er muß sich schon äußerlich dem allgemeinen Gesetz der Sitte, der Sittlichkeit unterordnen. Der Staat fragt nach der Religion, verlangt deren Angabe, deren Beachtung bei der Erziehung der Kinder. Er hat zwar ein Ausgangs- Pförtchen geöffnet in dem Dissidentengesetz, aber das ist, für Juden wenigstens, ein trauriger Durchschlnpf, abgesehen davon, daß er in den Augen der Regierenden noch scheeler angesehen wird, als das Judenthum. Mit Recht legt nicht blos der Staat, sondern die Gesellschaft, die Kultur und Gesittung höchsten Werth auf die Familie, die Pflanzstätte alles Guten. Das Judenthum wurzelt in der Familie, es ist die Ueberlieserung von Geschlecht zu Geschlecht. Wer das Judenthnm aufgiebt, bricht mit seiner Familie. Nicht vielleicht mit den Eltern, wenn diese es selbst schon bei Seite liegen ließen, wohl aber mit seinen Voreltern. Ob erste alle lebend gekannt hat, ist gleichgiltig, das Blut fließt in den Geschlechtern fort, das geistige Band der Familie, unsichtbar den Augen, erbt sich von Voreltern ans Nachkommen, es wird erkennbar in Anlagen, in Begabung, in Neigungen, in Erscheinung. Der älteste Adel der Welt hat in den Juden seinen Träger. Nun würde das allerdings kein durchschlagender Grund für Beharrung im. Judenthnm, für Festhalten an demselben sein, wenn es sich nicht mit den Grundsätzen und Ueberzeugungen des freien Denkens, des edelsten Fühlens vertrüge. Aber ich habe schon hervorgehoben, das Judenthnm beruht auf dem Gedanken : ei n G o t t, eine M ens chh e i t; sein Grundgesetz ist die Liebe, sein Ziel ist die messianische Zeit der Humanität - es liegt somit auch für den, allein positiv Religiösen Abholden, für den auf der höchsten Höhe philosophischer Gedankenklarheit Stehenden kein Grund vor, sich vom Judenthnm abzuwenden, sich ihm zu entfremden. Auch der scheinpatriotische Grund für die Kälte gegen das Judenthnm: eine engere Verbindung mit den christlichen Mitbürgern, entbehrt der Stichhaltigkeit. Sie wird Vornrtheilsvollen gegenüber auch mit den größten Opfern, selbst der Taufe, nicht erzielt, denn in deren Augen bleibt auch selbst der getaufte Jude bis ins dritte und zehnte Glied ein verachteter Semit. Gerecht und billig denkende christliche Mitbürger aber können an der Charakterlosigkeit nur Anstoß nehmen, sie nicht freudig begrüßen. Ihnen muß und wird der Jude, der ohne zu prahlen sich als Jude bekennt, lieber sein, als der es zu verbergen, zu vertuschen sucht. Richter: wir nnsern Blick rückwärts auf die Weltgeschichte, auf die rmendlich mannigfachen Geschicke der Völker und bemühen wir uns, sie in großen Zügen rrns vor Augen zu führen: Reichbegabte, weitgebietende Fürsten und Völker blühten auf und gingen unter, die Erde erdröhnte unter der Machtfülle ihrer Thaten — Jahrzehnte, Jahrhunderte — vorüber, vorüber! Andere Völker traten auf die Schaubühne der Weltgeschichte, verdrängten, unterdrückten sie, schufen Großes, sammelten Schätze, eroberten und vereinigten Lärrder vom Sonnenaufgang bis zum Niedergang, standen auf der Höhe des Glückes und des Ansehens — und sanken in Vergessenheit, oder leben fort als Schattenbilder, Zeugen vergangener Größe. Als Spaniens Ferdinand und Jsabella die Juden, vertrieben, hielterr sie ihr Reich für das mächtigste der Christenheit, in dem die Sonne nicht nntergeht — und heute? Und weiter, lassen wir vor unserm geistigen Auge die größten Kulturvölker der Welt vorbeiziehen: die Inder, die Aegypter, die Affhrier, die Babylonier, die' Perser, die Römer — was blieb von ihnen? Dagegen die Juden! Die wichtigsten Ereigniffe der Menschheit tragen den Stempel ihres Geistes: ihre Bibel ist der Sittenschatz der gebildeten Welt, das Christenthum, der Islam ging aus ihr hervor, die Reformation ward von griechischen und jüdischem Geist befruchtet, sie bildete eine verhältnißmäßig wichtige Annäherung der Tochter an die Mutterreligion in der Betonung des Sittlichen, in der Abwehr des Heidnischen. Die Juden, dieser Johann ohne Land, wie sie Schopenhauer verächtlich nennt, sind das einzige Volk des Alterthums, das sich bis auf unsere Tage erhalten hat, unter den unsäglichsten Erschwernissen, unter den größten Opfern. Wenn Muth und Standhaftigkeit, wenn beharrliches Festhalten eint Ideal, an dem als gut, wahr und heilig Erkannten den Ritterschlag giebt: dann sind die Juden das ritterlichste Volk der Welt, denn sie haben ihrer Ueberzeugung die schwersten Opfer des Lebens, der Freiheit, alles dessen, was dem Leben Werth giebt, ohne zu wanken, gebracht. Dieser Adel, dieses Ritterthum ohne Gleichen i» der Geschichte, muß jeden Freund der Menschheit, der Bildung und Gesittung, weß Glaubens er auch sei, mit Freude, Anerkennung und Verehrung erfüllen. Es verdient und erweckt Nacheiferung und c* findet seinen inneren Lohn. Wie kommt es, daß die Juden in den rvenigen Jahrzehnten ihrer Befreiung aus den drückendsten gesetzlichen Schranken sich überall derartig in das Geistesleben ihrer Zei.tnnd Volksgenossen einleblen, daß sie forschend und arbeitend erfolgreich mit Gelehrten, Kiinstlern, Beamten, Gewerbtreibenden wetteifern, denen Voreingenommenheit, Bevorzugung, vielhundertjährige Familienüberlieferungen freier ungehinderter Kulturarbeit einen unendlichen Vorsprung geben? Das kommt vom Jndenthum, das auch in düstersten Zeiten und in tiefster mystischer Umhüllung den Geist stählte, das Gemiith labte, die Hoffnung nährte. „Auch das ist zum Guten" war der Wahlsprnch der Verfolgten. Dem Lichtbilde darf, der Vollständigkeit und der Gerechtigkeit wegen, der mahnende, warnende, anklagende Schatten nicht fehlen. Allerdings entspricht nirgends die Uebung völlig der Vorschrift, Wo ivüre die Religion, deren Lehren und Grundsätze von allen ihren Bekennern gleichmäßig und gleich vollständig erfüllt würden! Es könnte also an sich auch gegen das Judenthum kein Vorwurf und kein Einwand sein, wenn sich im Kreise seiner Anhänger — wie die Antisemiten behaupten — unwürdige Menschen befänden. An denen leidet jede Religionsgemeinschaft. Die Statistik der Verbrechen und Strafen spricht zwar zu Gunsten der Juden. Aber das mag nicht verschwiegen werden, daß sich unter den Juden vielfach widrige Erscheinungen zeigen: Folgen, nicht der Lehren des Judenthums, sondern des ihm entgegengestellten vielhundertjührigen Druckes. Während die jüdischen Quellen, sowohl die altbiblischen, als die talmudischen und ganz besonders auch die mittelalterlichen, also in Zeiten tiefsten Druckes und schwerster Verfolgungen geschriebenen, es scharf betonen: daß man im Handel und Wandel auch den Andersgläubigen gegenüber sich der strengsten Rechtschaffenheit, der peinlichsten Ehrlichkeit und Offenheit befleißigen müsse, daß man z. B. die Fehler einer zu verkaufenden Waare nicht verschweigen dürfe: bieten sich dem Praktiker zahlreiche Fälle dar, in welchen mehr die Schlauheit, als die Redlichkeit zu Tage tritt. Das Ueberschütten des Kunden mit einem Mehr als er bestellt, die Aufdringlichkeit des Reisenden, seine Redseligkeit, seine Zusicherungen, von denen dem Hause nichts berichtet wird, süße Versprechungen über verlängertes Zahlungsziel und Gestundung, Waaren-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.