Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1891)
- Date
- 1891-12-11
- Page
- Seite 593 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Niedergangs. Als das Reich Juda unterging, da erblühte das Judenthum, für den Verlust der politischen Selbständigkeit entschädigte die geistige Erhebung. Dennoch ist das Judenthum keine Religion der Wettflucht, kein Glaubensbekenntniß für den Pessimismus indischer Brahmanen, für Säulenheilige und Verächter der Weltfreuden. Es beginnt seine Schöpfungsgeschichte schon mit dem optimistischen Li tob „Gott sah, daß Alles gut sei"; mit der Auffastung, daß dem Menschen die Herrschaft über die Thiere gegeben sei, daß sie im Schweiße ihres Angesichts arbeiten sollen; es betont: die Lehre sei gegeben für's Leben, sic enthalte nicht Grundsätze, die fernab liegen; es spricht nicht den Gedanken aus: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Das Judenthum entwickelte sich zunächst in einem Ackerbau treibenden Stamme. Es umfaßte in seinen Uranfängen das gesammte religiöse, politische, bürgerliche und gesellschaftliche Leben bis hinauf zu den feinsten, unsere Zeit mächtiger als alle Vorperioden bewegenden sozialen Fragen. Dem Landleben entspringt eine Fülle biblischer und talmudischer Vorschriften, wie das siebente Erlaßdas fünfzigste Jubeljahr, mit dem alle Veräußerungen rückgängig werden sollten. Die brennendsten sozialen Fragen von Arm nnd Reich, die heute die Welt erschüttern, haben in den altbiblischen Quellen schon werthvolle Lösungsversuche gefunden: in den Verboten, dem Arbeiter seinen Lohn vorzuenthalten, die Wittwen und Waisen zu bedrücken, unentbehrlichen Hausrath zu pfänden und über Nacht zu behalten, in der Erschwerung der Sklaverei, in der Aechtung des seine Freilassung ablösenz den Sklaven, in den überraschenden, scheinbar widerspruchsvollen Sätzen: es soll keine Armen geben im Lande, und: die Armuth wird nicht aufhören. Scheinbare Widersprüche und dennoch geschichtliche, psychologisch begründete Wahrheiten: der ideale Wunsch und die nüchterne Thatsache. Wenn in unserer Zeit die kaiserliche Botschaft das praktische Christenthum betonte, wenn heutzutage die Fürsorge der Wohlhabenden für Arme, Kranke und Schwache, für das leibliche und geistige Wohl der Unbemittelten, der großen wie der kleinen, allseitig eine dringende geworden ist, so darf man auf die jüdischen Schriftquellen, wie auf das jüdische Gemeindeleben aus allen Zeiten zum Belege dafür Hinweisen, daß hier immer ein praktisches Judenthum geübt wurde, daß man hier immer eingedenk war der Pflichten der Wohlhabenden gegen die Armen, daß das Hebräische ein Wort hat, das gleichmäßig Gerechtigkeit und Wählthätigkeit bedeutet: Zedoko, weil Beides im Grunde dasselbe sein soll, weil die Wohlthätigkeit dem Juden eine P fli cht des Herzens, der Religion ist, eine Pflicht der ausgleichenden Gerechtigkeit. Bei jeder Festfeier mahnt die Bibel: gedenkt der Armen, der Wittwen, der Waisen, des Fremdlings, mit dem packenden Erinnerungsrufe: „denn Fremde wart ihr in Aegypten". Was an biblischen Vorschriften aus dem damaligen Landleben sich ergab, wie das Jubeljahr, die Opfer, das ward längst beseitigt, das waren Anordnungen, die sich auf Palästina bezogen, sie hörten zu gelten auf, als die Juden Palästina verließen, sie verloren auch für die dort Verbliebenen ihre Anwendbarkeit. Ein sprechender Beweis dafür, daß das Judenthum von Haus aus in der Fortentwickelung begriffen war, und mit veränderten Zeiten auch unbedenklich Sitten, Bräuche und Vorschriften aufgab, die aufgehört hatten Wohlthat zu sein, und anfingen Plage zu werden. Das zeigte sich beispielsweise vor siebenhundert Jahren, als der Machtspruch eines angesehenen jüdischen Gelehrten Rabenu Gerschom die bis dahin den Juden nachgelaffene Vielweiberei aufhob und mit Strafen belegte. Seitdem leben auch in den orientalischen Ländern der Polygamie die Juden meist in der Einehe. Daß diese Pflegerin und Schützerin aller Bildung und Gesittung schon in der alten Zeit, von der uns die biblischen Bücher berichten, gepriesen und vorzugsweise anempfohlen war, das ergeben die herrlichsten Bibelstellen. Das hohe Lied von der edlen Hausfrau, eschetb chajil, hätte keinen Sinn und keinen Raum in einer Vielehe. Der Segensruf des Psalmisten: Dein Weib, dem blühenden Weinstock gleich An deines Hauses Wänden, die rührenden talmudischen Sätze von dem Glück der Ehe, von dem freudlosen Leben dessen, dem seine Jugendgeliebte.gestorben und dem ist, als ob der Tempel in seinen Tagen zerstört wäre — sie wären geradezu unmöglich bei einem in Polygamie lebenden Volke. Dieses tiefe, reiche, innerliche, beglückende Familienleben, das zärtliche, liebevolle Treuverhältniß von Mann und Frau, von Eltern und Kindern hat im Judenthum aus ältesten Zeiten sich forterhalten, von ihnr aus ist es — trotz des ehefeindlichen neuen Testaments, trotz Gregor VII. mit seinem Cölibat — zum Gemeingut der gebildeten Welt geworden. Denn unsere staatlichen Ehegesetze stützen sich fast ausschließlich auf das alte Testament. Und in diesem Familienleben wesentliche Grund dafür, daß sich die Juden trotz schwierigster Zeiten so wunderbar erhalten haben. Wie die schöne talmudische Sage Rahel, die um ihre Kinder weint, als den Schutzgeist der Heimathlosen besingt, so hat ein anderer alter Weiser schon den Satz ausgesprochen: Die Frauen, die Mütter sind es, welche die Juden erhalten und veredelt haben! Ich bin hier auf einen Kernpunkt des Judenthums gekommen: die Familie. Sie hat im Laufe der Jahrhunderte sich fort und fort in gleicher Bedeutung für das Gesammtleben erhalten. Ihren, Einflüsse gegenüber verblassen mehr und mehr andere einst für geheiligt und unwandelbar angesehene Einrichtungen. Mögen diese auch sonst wesentliche Förderer rind Erhalter eines schönen Familienlebens gewesen sein, heutzutage bei völlig geänderten äußerlichen Verhältnissen haben sie diesen Reiz und diese Eindrucksfähigkeit verloren. Wie erklärt sich nun trotz alledern, daß so viele Juden sich vom Judenthum abwenden, nichts von ihm wissen, ja wissen wollen? Die Thatsache ist nicht zu bezweifeln. Es giebt viele Juden, die völlig fremd lind unwissend sind in jüdischen Dingen, die sie nicht kenneil und nicht kennen mögen. Es dünkt Vielen vornehm, gebildet zu sein, wenn sie sich nicht merken lasseil, daß sie Juden sind, daß sie etwas von jüdischen Dingen je gelernt und gewußt haben. Und das sind gerade oft die, welchen das, was an ungebildeten Juden mißsälligrwahrzunehinen ist: vorlautes Wesen, auffälliges Sichvordrängen, unlautere Betriebsamkeit vorzusweise anhaftet. Die Gründe hierfür sind sehr verschiedenartige. Der Hauptfehler liegt in dem Mangel an Kenntniß vom Judenthum. Man hat Jahrzehnte hindurch vielfach den Wald vor Bäumen nicht gesehen: den Wald des sittlichen, geistigen Judenthllms nicht vor deil Bäumen kleinlicher und kleinster Uebungen und Bräuche. Und diese mit ihrem vielfach unschönen, unsympathischen, unästhetischen Beiwerk verleideten Vielen den Geschmack am Ganzen. Ein fernerer Grund für die Abwendling vomJudenthum ist das Streber thum, der Drang fortzukominen und sich aufzuschwingen. Das Judenthum ist der großen Menge, der herrschenden Richtung, unbekannt, mißliebig. Darum weg mit ihn; — so lautet die Parole der gern mit dem Strom Schwimmenden. Sie täuscheri sich arg, sie ahmen dem Vogel Strauß nach. Wenn sie auch ihren Kopf in dem Mantel christlicher Weihnachtsbescheerungen verstecken, das Hilst ihnen Alles nichts. Sie bleiben doch Juden, umsomehr beachtet, und umsoweniger geachtet, je mehr man ihr Versteckensspiel durchschaut. Schließlich verlangt und erwartet doch jeder gerade und ehrliche Sinn, gleichviel welchen Bekenntnisses, gerade, offene und ehrliche Aussprache, folgerichtiges Denken und Handeln auch von denen, mit denen er gesellschaftlich, beruflich, amtlich umgehen soll. — Wieder andere Juden begründen ihre Abwendung vom Judenthum wissenschaftlich, philosophisch, wi -