Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1891)
- Date
- 1891-12-11
- Page
- Seite 592 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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592 Staatsregierung bestätigtes Statut. Dieser Umstand wurde von den Hirschler feindlich gesinnten Elementen, die theils aus übel angebrachtem Ehrgeize, aus Eitelkeit oder aus persönlicher Gefälligkeit sich geltend machten, dazu benutzt, Hirschler und den Pester Vorstand aus den Angeln zu heben. Die sich in wahrhaft empörender Weise wiederholenden Denunziationen und Angebereien, von meist bekannten, niedrig denkenden Personen ausgehend, mit denen die hohen Behörden und auch der Statthalter behelligt wurden, fanden Nahrung in dem Umstande, daß die Gemeindestatuten die Sanktion nicht erlangt hatten. Das autonome Wahlgesetz der Pester Gemeinde wurde von der Statthalterei annulirt, der auf Grundlage dieses Wahlstatuts gewählte Vorstand als ungesetzlich erklärt und der alte Vorstand rehabilitirt. Der Vorstand trat in demonstrativer Weise zurück; weder die Drohungen des Magistrats, noch die Vorstellungen des Statthalters Grafen Palsfy vermochten ihn zu bewegen, auch nur eine Stunde die Leitung der Gemeinde provisorisch fortzuführen. Mit einem Freimuth vertheidigte damals Hirschler die Autonomie der jüdischen Gemeinde, die mit Staunen und hoher Achtung für ihn erfüllten. An der Spitze einer Deputation überreichte er die Demissionsurkunde dem Statthalter, der dann folgende, Zeit und Personen charakterisirende Diskussion mit ihm führte: Graf Pälffy: Sie sehen, Hr. Doctor, sehr angegriffen aus. Hirschler: Ich gestehe, Excellenz, daß ich mich tief gekränkt fühle, vermag aber nicht vorauszusetzen, daß Ew. Excellenz irrig glauben könnten, daß mich der Schmerz wegen der persönlichen Unbill, die ich erfahren, niederbeuge. Graf Pälffy: Natürlich, es betrifft den ganzen Verwaltungskörper. Hirschler: Nein, Excellenz, es beugt mich tief, meine Glaubensgenoffen und ihr Recht und ihre Interessen mit Füßen getreten zu sehen. Graf Pälffy: Wer thut das? Hirschler: Die hohe Statthalterei! Graf Pälffy: Sie werden kühn! Bedenken Sie das? Hirschler: Gestatten mir Ew. Excellenz huldvoll, mein Gefühl begründen zu dürfen. Ich bedenke den Standpunkt, den die h. ungarische Regierung einnimmt. Jst's nicht 47 oder 48? Wenigstens, wo es zum Nachtheile meines Volkes diente, wo es sich um Gewerbefreiheit, Bodenbesitz u. s. w. handelte, hielt man sich überstreng konsequent an diesen proklamirten Standpunkten. Jetzt, wo es den Jntereffen der Juden günstig wäre, an die Zeit zu denken, wo wir vollständige Autonomie genossen, jetzt hingegen beginnt die Gesetzlichkeit mit der Bach-Thun'schen Zeit? Ich glaube hierdurch zu dem Gefühle berechtigt zu sein, das mich mein Volk, sein Recht, seine Interessen mit Füßen getreten zu sehen fühlen läßt. Ohne Präsident der Pester Gemeinde zu sein, blieb Hirschle^ Führer der damaligen ungarischen Partei, wie er einer der Gründer des „Ungarisch-Israelitischen Vereins" war, der mehrere Jahre unter der Leitung seines vielseitig gebildeten Freundes Pollak stand. In diesem Verein hielt er im November 1865 eine Gedenkrede auf den kurz zuvor verstorbenen, durch sein humanitäres Wirken verdienten Jacob Kern. Es ist das nun deshalb erwähnenswerth, weil er in dieser Rede der Gründung eines Seminars für Heranbildung von Rabbinern erwähnte, die den Erfordernissen der Zeit und des Landes gewachsen wären. Mit der ganzen Kraft seiner Seele diente er stets den Bestrebungen seiner Glaubensgenoffen, welche ihre Rechte als Bürger erst noch erkämpfen mußten. Und Hirschler war einer der muthigsten Vorkämpfer der Emancipation seiner Glaubensgenoffen nnd einer der wenigen, welche bei den leitenden Staatsmännern in hohem Ansehen standen. Kaum war die Emaiicipation der ungarischen Juden erfolgt, I so wußte er den damaligen ungarischen Kultusminister, den edlen I Baron Eötvos, mit dem er durch die herzlichste Freundschaft ver-! Kunden war, zu bestimmen, eine Notablen-Versammlung zu berufen, deren Aufgabe es war, sich mit den Vorarbeiten zu einer Landessynode oder vielmehr zu einem Kongresse zu befaffen. Der „Ungarisch - Israelitische Kongreß", der gegen Ende des Jahres zusammentrat, ist wenigstens indirekt das Werk Hirschlers. Der Kongreß hätte keinen beffern Präsidenten wählen können als ihn; mit Takt und Energie leitete er wochenlang die Verhandlungen, die häufig einen recht stürmischen Verlauf nahmen. Ob der Kongreß der ungarischen Judenheit zum Heil gereichte, ob die Spaltungen im Schooße der Gemeinden nicht auch ohne ihn gekommen wären, das wollen wir hier nicht weiter erörtern; so viel ist gewiß, der Kongreß hat ein greifbares Resultat aufzuweisen: das Landes- Rabbiner-Seminar, für dessen Zustandekommen Hirschler seine besten Kräfte eingesetzt und Anfeindungen aller Art ertragen hat. Zu seinen entschiedensten Gegnern gehörte der Szegediner Oberrabbiner Leopold Löw seit 1868; bis dahin waren sie eng liirt. Als aber gegen Ende des Jahres 1867 der Pester Oberrabiner W. A. Meisel dem sie beide, Löw und Hirschler, nicht sonderlich hold waren, von hinnen geschieden und zu gleicher Zeit auch der von Löw eine Reihe von Jahren herausgegebene, von Hirschler unterstützte „Ben Chananjah" eingegangen war, verwandelte sich die gegenseitige Freundschaft in Haß. Es fehlte Hirschler nicht an Gegnern, aber auch nicht an Würdigung und Anerkennung. Er wurde zum korrespondirenden Mitgliede der ung. Akademie der Wissenschaften, zum Mitgliede des ung. Landes - Sanitätsraths, zum Präses der ersten medizinischen Körperschaft Ungarns, dem königlichen Vereine der Aerzte in Budapest, und zwar dreimal hintereinander ohne Opposition gewählt. Zu Anfang der siebziger Jahre zog er sich vom öffentlichen Leben gänzlich zurück und widmete sich wieder ausschließlich seiner ärztlichen Praxis; zehn Jahre später, selbst von einem schweren Augenleiden befallen, gab er auch diese auf. An den Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde nahm er seit Jahren nicht mehr Theil; nur einem Vereine bewahrte er bis kurz vor seinem Tode ein warmes Interesse, dem von ihm gegründeten und segensreich anerkannten „Israelitischen Landes-Stipendium-Verein", in dessen Sitzungen er trotz seiner Kränklichkeit und zunehmenden Schwäche selten fehlte. Die letzte große Freude, die dem vom Familienglücke nicht begünstigten Manne bereitet wurde, war seine vor sechs Jahren anläßlich der Neuorganisation des ungarischen Oberhauses erfolgte Ernennung zum Mitgliede des Magnatenhauses. Hirschler war ein geborener Aristokrat mit allen Vorzügen lind Schwächen. Mit bedeutender Fachtüchtigkeit verband er eine vielseitige Bildung; er war mit den deutschen Klassikern, besonders mit Göthe ebenso vertraut, wie mit den Trägern der vaterländischen Litteratur. In der Organisation der Pester Gemeinde, in dem ungarischen „Landes - Rabbiner - Seminar", in dem „Israelitischen Landes-Stipendium-Verein" hat er sich Denkmäler errichtet, dauernder als die von Stein und Erz. Mein Iudenthum. Von Rechtsanwalt Emil Lehmann in Dresden. Das Judenthum ist in einem einzelnen Volksstamm entstanden und ist von diesem, zunächst für sich selbst, ausgebildet worden, und zwar, wie es scheint, vorzugsweise in den Zeiten des politischen