Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1891)
- Date
- 1891-12-11
- Page
- Seite 591 (sequence 3)
- Language
- German
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die gleichen Befürchtungen zulassen. All diesen Erwägungen haben sich auch die jetzigen Leiter nicht verschlossen, und — wenn wir recht berichtet sind — begeistert sich von den 9 Kuratoren nur noch einer für die sogenannte Unabhängigkeit der Anstalt. Alle übrigen würden die Umgestaltung gern sehen, zumal ein Wechsel in Bezug auf die Personen gar nicht einzutreten braucht; es ist ja nur natürlich, daß die Gemeindebehörden die Verwaltung der Lehranstalt nach wie vor denjenigen Männern übertragen würde, ivelche bisher sich mit Erfolg um die Leitung bemüht haben. Daß Hörer und Lehrer dm Umschwung mit Freuden begrüßen würden, darf als selbstverständlich gelten. Mit einem Schlage würde die Unzulänglichkeit des Raumes und der finanziellen Mittel aufhören, unter denen die Anstalt bisher sehrschwer zu leiden hatte. War ja die Unsicherheit der Einnahmen bisher eine so große, daß von den vier Dozenten nur einer definitiv angestellt werden konnte! , Die Sicherstellung all dieser Verhältnisse ist aber zugleich ein Segen für die Wissenschaft des Judenthums; Lehrern wie Schulen muß es möglich werden, in sorgloserer Weise als bisher sich dem Studium zu widmen, und der Gewinn wirdein allseitiger sein. Was für Vortheile endlich durch den Umstand, daß auch die Hochschnlbibliothek bei Annahme des Makower'schen Antrages in die Verwaltung der Gemeinde känie, für diese Büchersammlung und für alle diejenigen Kreise Berlins, die sich für jüdische Wissenschaft interessiren, erwachsen könnten, das auszuführen, fehlt uns heut der Raum. Möge sich die Kommission, welche vor der Repräsentautcnversammlung zur Vorbereitung der Vorlage gewählt ist, diesen Gründen nicht verschließen, und möge sie die Versammlung bald in die Lage setze», durch einstinunmigen Beschluß unsere Wünsche zur Wahrheit zu machen! U Mr. Ignatz Hirschler. Von Dr. M. Kayserling. Zu den interessantesten Persönlichkeiten der neuern Geschichte der Juden in Ungarn gehört unstreitig der Mann, der als mehrjähriger Präsident der ersten und größten jüdischen Gemeinde des Landes, als Präsident des ungarisch-israelitischen Kongresses, als Förderer der politischen und geistigen Entwicklung seiner Glanbensgcnoffen sich hohe Verdienste erworben, gehört Dr. Ignatz Hirschlcr, der am 11. November d. I. seine irdische Laufbahn beschlossen hat, von dessen Lebe» und Wirken, wir hier ein kurz skizzirtes Charakterbild zu geben beabsichtigen. Ignatz Hirschler wurde im Jahre 182:1 in Stampfe» im Prcßburger Komitat geboren. Sein Vater, ein tvohlhabendcr Kaufmann, ließ sich bald in Preßburg nieder und nahm nach einigen Jahren seinen Wohnsitz i» Pest, wo der talentvolle Knabe das Gyinnasium besuchte. Nachdem er feilte Gynmasialstndie» beendet hatte, bezog er zusammen mit Heinrich Pollak, mit dem er von der frühesten Jugend bis zu seinem Tode innig befreundet war, die Wiener Universität, um Medizin zu studiren. Hirschler, der sich mit großem Fleiße dem Studium der Ophthalmologie zugcwandt hatte, wurde zu Beginn des Sturmjahres 1848 promovirt und von dem bekannten Ophthalmologen Professor Rosas, der sechs Jahre früher das Studium der Medizin unter den Juden beschränkt wissen wollte, zu seinem erste» Assistenten erwählt. Da jedoch in Wien auf dem Gebiete der Augenheilkunde nicht viel wissenschaftliche Ausbeute zu holen war, wandte er seine Schritte nach Paris, wo es ihm gelang, Assistent des berühmten Desmarres zu werden. Die französische Sprache hatte er sich rasch so angeeignet, daß er den zahlreichen Aerzten, welche sich bei Desmarres aufhielten, Vorträge zu halten vermochte. Im Jahre 1850 kehrte er nach Pest zurück und wurde bald der gesuchteste Arzt der Augenheilkunde nicht blos in der Hauptstadt, sondern im ganzen Lande. Durch seine Tüchtigkeit und persönliche Liebenswürdigkeit erwarb er sich das Vertrauen der Leidenden lind die Anerkennuilg der bedeutendsten Profefforen der Pester medizinischen Fakuliiät; mit Balaffa, Czermak, der eine getaufte Jüdin, eine v. Stimmet aus Prag, zur Frau hatte, mit Bokai u. A. wurde er befreundet, und auf ihren Wunsch hielt er in einem Kreise gelehrter Männer einen Eyklns von Vorträgen, in denen er die neueren Entdeckungen auf dem Gebiete der Mikroskopie behandelte; er errang dadurch außerordentlichen Beifall. Seine Freunde drangell in ihn sich an der Pester Universität als Privatdozent für Ophthalmologie zu habilitiren. Die Erlnubniß hierzu wurde ihm als Jude jedoch nicht crtheitt. Mit dem kaiserlichen Patent vom 20. Oktober 1860, mit dem für Ungarn eine neue Aera in seinem Staatsleben begann und die ungarische Sprache zur Amts- und Unterrichtssprache erhoben wurde, trat auch für Hirschler eine Wendung in seiner Thätigkeik ein. Mit seiner ausgebreiteten Praxis verband er in Gemeinschaft mit Dr. Heinrich Pollak die Gründung eines medizinischen Fachblattes in ungarischer Sprache, mit einem von ihm allein besorgten okulistischen Beiblatte; diese Zeitschrift war viele Jahre die einzige Trägerin der medizinischell Litteratnr in Ungarn. Um diese Zeit trat er auch in den Vordergrund des jüdischen Gemeindelebens. Das Streben nach Selbstständigkeit regte sich wie im Staate, so auch in der bis dahin bevormundeten jüdischen Gemeinde der Landeshauptstadt. Die Gemeindevorsteher sollten nicht mehr ernannt, sondern von den Gemeindeinitglieder» selbst geivählt iverden. Mit Hirschler an der Spitze ging zum ersten Mal eine Gemeinde-Repräsentanz aus der Urwahl hervor, welche mit Jubel begrüßt und von vielen Gemeinden des Landes in Adressen beglückwünscht wurde. Hirschler bedeutsamstes Werk war die Organisation der Gemeinde: er schuf ein Statut, regelte und leitete die Gemeinde-Angelegenheiten mit so viel Takt und Energie, daß das gegebene Beispiel in vielen Gemeinden des Landes Nachahmung fand. Nicht mehr war es Wille und Einsicht des Einzelnen oder weniger Personen, welche endgiltig entschieden, wo es sich um Vermögen und Ansehen, um materielle und sittliche Interessen der Gemeinde handelte; diese selbst durch das Organ einer Generalversammlung sämmtlicher von den Gemeindemitgliedern gewählten Vertretung prüfte und beschloß und setzte jedem denkbaren Uebergreifen von Personen oder Koterien fortan heilsame Schranken. Hirschler ging noch einen Schritt -weiter. Nach der Organisation der Pester Gemeinde forderte er in vollem Bewußtsein des Rechtes in einer Eingabe an die ungarischen Hofkanzlei vom August 1862 die Einberufung einer allgemeinen Reprüsentanten-Versammlung zur autonomen Regelung der Gemeinde-, Synagogen- und Schulverhältnisse behufs Verwendung der Zinsen des Schulfonds zur Kreirung höherer Lehranstalten. „Ew. Excellenz wissen", heißt es in dieser Eingabe, „welch' ein bitteres Loos es ist, wenn das Schulsystem einer Glaubensgenossenschaft sich über die Volksschule hinaus nicht entwickeln kann, und unsere sämmtliche Intelligenz ihre Studien nur durch die Gnade des Auslandes oderanderer Glaubensgenossenschaften beendigen kann." Bevor noch eine Antwort auf diese Eingabe erfolgte, erstattete Hirschler als Präses der Pester Gemeinde in der am 6. Januar 1863 abgehaltenen Generalversammlung eine» auch im Druck erschienenen Bericht iiber sein Wirken. Es sind in der That die edelsten und wichtigsten Grundsätze, von welchen dieser Bericht durchdrungen ist, und daß es auch eine Verwirklichung der besten Ansichten galt, beweisen die darin angeführten Thatsachen. Alles, was zur Ordnung und Hebung der Gemeinde geschah, vollbrachte der Vorstand, ohne ein von der