Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1891)
- Date
- 1891-12-04
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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nach Hause geliehen. Ein Uebelstand allerdings, der aber schwerer ins Gewicht fällt, als Alles von dem Einsender Vorgebrachte, hat sich in den letzten Jahren bemerkbar gemacht:' die Beschränktheit des Raumes, die immer fühlbarer wurde, je mehr jedes verfügbare Plätzchen mit Büchergestellen belegt werden mußte. Seit langer Zeit lautet bei aller: schriftlichen und/mündlichen Besprechungen über Bibliotheks-Angelegenheiten mein ceterum eenseo: ein größeres Lokal! Aber ich mußte ja auch einräumen, daß dies leichter gesagt als ausgeführt ist. Erst jetzt, wo durch die Vereinigung der Vorort-Gemeinden die Raumschwierigkeiten in allen Büreans eine akute geworden ist, konnte die Frage gelöst werden, und ich darf wohl hoffen, daß noch im Verlauf des Winters ein größeres Lesezimmer dem Publikum zur Verfügung gestellt werden wird. Dann wird erst die Vermehrung der Lesestunden, die längst beschlossene Sache ist, einen Werth haben. Auch das „Bibliotheksprojekt", von dem der Herr Einsender spricht, bericht auf unrichtigen Informationen. Welches Verhalten zwischen unserer Bibliothek und dem Seminar dereinst bestehen wird, kann heute noch kein Mensch sagen; nur Eines steht fest, daß erstere nicht aufhören wird, als selbstständige Gemeindebibliothek fortzubestehen; ein anderes Verhältniß wäre sachlich wie rechtlich unmöglich. Endlich beschäftigt sich der Herr Einsender auch mit meiner Person, und zwar wirklich in höchst überflüssiger Weise, da, wie er selbst sagt, „eine Personalfrage nicht besteht". — Ich werde ihm auf dieses Gebiet nicht folgen, sondern mich auch hier nur mit thatsächlichen Berichtigungen begnügen. Wenn er sagt, daß ich nur „aus Gefälligkeit,, mich der Bibliothek widme, so ist zum Mindesten der Ausdruck höchst unglücklich gewählt, da man darunter leicht eine nur gelegentliche und flüchtige Beschäftigung mit den Agenden derse'ben verstehen könnte. In Wirklichkeit steht die Sache ganz anders. Allerdings habe ich im Jahre 1857 die Verwaltung der damals etwas über 300 Bünde umfassenden Bibliothek von meinem Amtsvorgänger freiwillig übernommen und bis zum Jahre 1873 neben einer alles Maß übersteigenden anstrengenden Unterrichts-Thätigkeit fortgeführt. Als ich dann im Jahre 1873 aus Gesundheits-Rücksichten den Schuldienst aufgeben mußte, sprach ich den Wunsch aus, die Leitung der Bibliothek, die mir inzwischen Herzenssache geworden war, als Ehrenamt beizubehalten, worauf der Vorstand bereitwilligst ernging. Aber ich darf behaupten, daß ich alles in allem in diesen 18 Jahren den Bibliothek-Agenden kaum weniger Zeit und Arbeit gewidmet habe, als ich herzugeben gehabt hätte, wenn ich noch im aktiven Schuldienste gestanden hätte. Das Ordnen und Katalogisiren der Bücher, die einzige Thätigkeit, die mir der Herr Einsender gnädigst zuschreibt, ist in Wirklichkeit die letzte und den kleinsten Theil meiner Zeit und Mühe absolvirende. Meine Hauptthätigkeit gilt der Vermehrung und Instandhaltung der Bibliothek. Ihr ist es zu danken, daß der Bücherbestand nicht blos der Zahl der Werke, sondern noch weit mehr dem inneren Werthe derselben nach sich so erhöht hat, daß kompetente Beurtheiler, wie Prof. Graetz, Leopold Dukes, Lektor I. H. Weiß und Andere, mir wiederholt ihr Erstaunen ausgedrückt haben, daß mit der relativ geringen Dotation so Weitgehendes geleistet werden konnte. Hg-. Uumärne». 0. Jassy, 30. November. In der zweiten Hauptstadt Rumäniens hat sich dieser Tage ein Schauspiel von gradezu aristophanischer Komik abgespielt. Der, durch seine in der Kammer gegen die Juden eingebrachte Resolution, berüchtigte Nieu Ceaur Aslan, hat aus Furcht, sein Steckenpferd könnte unter der Wucht der bei Eröffnung des Parlaments nothwendigerweise zu erleidenden Schlappe zusammenbrechen, den tollen Einfall gehabt, den tragischen Anfang durch eine Posse zu beschließen, und den hetzend .n Wolf in den Schafpelz zu hüllen. Da er gegen die Juden nichts thun konnte — die Hetzereien in der oberen Moldau ausgenommen, die Gott sei Dank ihren Abschluß gefunden haben — so will er mit den Inden gegen dieselben vorgehen. Vorige Woche nun hat er sein Debüt als parlamentarischer „Boufon" begonnen. Selbst der Raum war dafür geschaffen — das „Theater Pastia." Durch große Plakate an allen Mauern und Straßenecken Jassys ward den „eingeborenen Juden" kund und zu wissen, daß ihr großer Gönner Aslan sie zu einer außerordentlichen Konsulation einlade. Und nun strömten sie herbei. Alt und Jung, .jmw6886 doree und halbwüchsige Burschen, zur großen Komödie im Theater Pastia. „Juden rein!" hieß es diesmal. Denn Aslan ist ein Antisemit 8ui generis. Und die deutschen Antisemiten, die den Juden den Eintritt zu ihren Versammlungen „verbiete::", könnten von den walach:- schM doch etwas Anstand lernen. Schlag 2 Uhr eröffnete Beldiman, der Direktor des Adeverul die Versammlung. Aslan erhielt das Wort. Ein Beifallssturm empfing ihn — lachen Sie nicht, bitte, die Juden applaudirten. Erst sprach er leise und unverständlich — wie alle großen Männer — dann kam er in Feuer. Man muß ihn sehen, diesen Aslan. Er. ist nicht groß, dafür aber ausgesprochen häßlich. Sein Organ ist belegt, etwas heiser, sein Accent etwas jüdisch. Aber er spricht mit vielen: Pathos und imponirt dadurch der großen Menge. Er sprach von seinen Absichten, die Judenfrage durch die Juden selbst zu lösen. Zu diesem Behufe gedenkt er in: ganzen Lande Komitees zu bilden. Aber auch die Juden müssen dasselbe thun. Gemeinschaftlich müsse vorgegangen werden. Durch Kompromisse und Konzessionen, durch sachliche Auseinandersetzunge:: müsse die Judenfrage ihrem Ende entgegengebracht werden. Der Augenblick sei gekommen, wo diejenigen Juden, welche oft behauptet haben, sie seien gute Rumänen, dies dadurch beweisen, daß sie mit ihn: gegen die schlechten Elemente des Judenthums ankämpfen. Das Verhältniß der Juden zu den Rumänen sei ein viel zu großes, fast wie das der Deutschen zu den Franzosen (sie!). In Paris seien beispielsweise von drei Millionen Einwohnern zwei Millionen (!!) Deutsche. Er sei kein Antisemit. Die Judenfrage in Rumänien sei eine Jnteressenfrage, eine Frage der Nationalökonomie und des Kampfes ums Dasein. Er sagte noch viel mehr, viel Altes und nichts Neues — Antisemitengeschwätz mit einiger Reserve. Ein Paar Stöcke berührten den Boden und ein stürmischer Beifall ergoß sich über den Mann des Tages. Er hatte eben seine „Auseinandersetzungen" beendet und heimste den Händedruck der vielen Statisten ein. — Ein anderer Herr betrat nach ihm die Rednervulgo Schauspielerbühne, ein Mann, der durch sein vielseitiges Wissen imponirt. Er begann mit der Bekämpfung Aslans und wies den schroffen Widerspruch zwischen dem ersten Auftreten Aslans und seinem jetzigen nach. Redner bestritt die Existenz einer Judenfrage. Nach ihn: existire nur eine soziale Frage, die die Judenfrage nothwendigerweise involvire. Es entstand ein furchtbarer Tumult. „Was Sie da sagen, ist Unsinn. Nur was Aslan behauptet, ist wahr!" Der ist von den Juden gekauft ries man ihm zu. So mancher Jude drückte sich an die Thür, um bei einer etwaigen Schlägerei das Weite suchen zu können. Aber der Sturm legte sich, als Aslan wieder einmal die Bühne betrat und dem Vorredner unter Beifall die Worte zuschleuderte: Es giebt keine soziale, höchstens eine sozialistische Frage. Ein anderer Sozialdemokrat — (man muß diese Sozialdemokraten nicht mit denen anderer Länder vergleichen, sie stecken noch in der Theorie) bestieg die Tribüne. Er erklärte, er sei weder Antinoch Philosemit. Er bekämpfe nicht das Judenthum, sondern das jüdische (.!) Kapital. Nach diesem Herrn giebt es zwei Arten von Juden, solche, welche an Moses und solche, welche an Christus glauben. Diese eigenthümliche Anschauung fand vielen Beifall. Im Uebrigen schien das Publikum jedem Geschmack und jeder Richtung Rechnung zu tragen, denn es applaudirte sowohl die Redner, die für, als jene, die gegen die Juden sprachen. Entschieden ein sehr vielseitiges und dankbares Publikum. Endlich sprach auch ein jüdischer Student der Medizin, und vielleicht am besten und sachlichsten. Er dankte Aslan für die an die Juden ergangene Aufforderung, an der Versammlung theilzunehmen, kam auf den Berliner Kongreß zurück, und machte schließlich Aslan den Vorwurf, daß er alle Inden ohne Unterschied über einen Kamn: scheere. Unter den Juden selbst herrsche keine Einigkeit, weil das fortschrittliche Elernent gegen das konservative ankämpfe und eine Assimilation in Sprache, Sitten und Gebräuchen verlange. Nichts gebe Herrn Aslan das Recht, Alle für die Schlechtigkeit Einzelner verantwortlich zu machen. Was die Assimilation betrifft, so arbeiteten die intelligenten Klassen lange vor, ehe noch Aslan auf den: Schauplatze erschien. Die Juden wollen gar nicht die Naturalisation, sie verlangen keine politischen Rechte (rvas denn? wenn man fragen darf), diese werde ihnen das Land selbst geben, wenn der geeignete Moment gekommen sein wird — und er wird kommen. Nur wollen sie die Beruhigung haben, daß die Gefahr, in jeder Minute über die Grenze gesetzt zu werden, ein für allemal beseitigt werde. Schließlich spricht er sich gegen die beabsichtigte Bildung von Komitees aus, schlägt vielmehr die Ausarbeitung eines Memorandums vor, das der Regierung unterbreitet würde. Mit den Worten: Auch unser Ideal ist ein geeinigtes, starkes und mächtiges Rurnänien, schließt er unter vielem Beifall. Darauf erklärt der Vorsitzende Beldiman, daß am nächsten Sonntag Aslan eine ähnliche Versammlung für